Mächtig irr

von Dominik Imseng

Scheinexekutionen als Partyspass, Fantasieuniformen und die Schweiz will er auch abschaffen: GADDAFI spinnt. Und steht damit in einer reichen Tradition verrückter Herrscher. Die 15 irrsten Regenten der Weltgeschichte – und eine Ehrenrettung.

NZZ am Sonntag, 14. September 2009 · Dominik Imseng auf Twitter

Caligula (12–41), römischer Kaiser. Liess sich als Gott verehren und wollte sein Lieblingspferd zum Konsul machen. Wünschte sich: „Hätte das Volk von Rom doch nur einen einzigen Nacken, so könnte ich es mit einem Mal erwürgen.“

Johanna I. (1479–1555), Königin von Kastilien. Wollte die Leiche ihres Gatten nicht bestatten lassen, weil sie überzeugt war, dass er nur schläft. Trug sich dadurch den Übernamen „Johanna die Wahnsinnige“ ein.

Iwan IV. (1530–1584), Zar von Russland. Liess seine Gegner zerstückeln oder solange mit kochendem und eiskaltem Wasser übergiessen, bis sich ihr Fleisch von den Knochen löste. Ging als „Iwan der Schreckliche“ in die Geschichtsbücher ein.

Rudolf II. (1552–1612), Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Umgab sich mit Okkultisten und Mystikern. Wenn er mit ihnen nach dem Stein der Weisen suchte, vernachlässigte er sämtliche Herrscherpflichten. Diplomaten fremder Staaten mussten oft wochenlang auf ihren Empfang warten.

August II. (1670–1733), König von Polen. Zerbrach mit blossen Händen Hufeisen und liess sich als neuen Herkules feiern. Zeugte mit unzähligen Mätressen 354 Kinder. Liess seine Eingeweide in Warschau bestatten, sein Herz in Dresden und den Rest seines Körpers in Krakau.

Peter der Grosse (1672–1725), Zar von Russland. Bevölkerte seinen Hof mit siamesischen Zwillingen, Klein- und Grosswüchsigen sowie sonstigen genetischen Raritäten. Sammelte auch die entsprechenden Föten und Skelette.

Friedrich Wilhelm I. (1688–1740), König von Preussen. Duldete in seinem Leibregiment nur Soldaten, die mindestens 1,88 m massen. Da viele dieser 3200 „Langen Kerls“ unter Riesenwuchs litten, waren sie für den Gefechtseinsatz ungeeignet.

Ludwig II. (1845–1886), König von Bayern. Tafelte mit seinem Lieblingspferd und liess seine Diener auf allen vieren kriechen. Sein Märchenschloss Neuschwanstein ist eine der bizarrsten Residenzen überhaupt.

Enver Hoxha (1908–1985), albanischer Diktator. Brach die Beziehungen zu sämtlichen anderen Staaten ab und übersäte Albanien mit 600’000 pilzförmigen Bunkern für den Fall eines Angriffs.

Faruq I. (1920–1965), König von Ägypten. Bestahl bei Staatsbesuchen seine Gastgeber. So liess er etwa ein kostbares Schwert des Schahs von Persien mitgehen oder eine wertvolle Taschenuhr von Winston Churchill.

Pol Pot (1928–1998), kambodschanischer Diktator. Trat kaum öffentlich auf und erlaubte auch keine Porträts oder Skulpturen von sich. Unzählige Kambodschaner erfuhren erst nach seinem Sturz, wie der Mann aussah, der schätzungsweise zwei Millionen ihrer Landsleute ermorden liess.

Idi Amin (1928–2003), ugandischer Diktator. Liess die Leichen von so vielen Gegnern im Victoriasee entsorgen, dass sie die Turbinen des Owen-Damms blockierten. Bot dem englischen Premier einen Posten als Kapellmeister an und empfahl sich den Schotten als König.

Saparmurad Nijasow (1940–2006), turkmenischer Diktator. Liess im ganzen Land von sich und seiner Familie Statuen aufstellen. Von Prince Charles gefragt, ob es nicht vermessen sei, sich schon zu Lebzeiten so verehren zu lassen, entgegnete der „Vater aller Turkmenen“: „Wenn ich tot bin, habe ich ja nichts mehr davon.“

Kim Jong-il (*1942), nordkoreanischer Diktator. Lässt sich als „grössten vom Himmel erschaffenen Menschen feiern“, während sein Volk vor Hunger Gras und Kiefernnadeln isst. Liefert sich mit Gaddafi einen inoffiziellen Wettkampf, wer von ihnen öfter eine Sonnenbrille trägt.

Hassanal Bolkiah (*1946), Sultan von Brunei. Besitzt 5000 Sport- und sonstige Luxuswagen. Residiert in einem Palast mit 1800 Zimmern, in dem er sich regelmässig verläuft.

Und was ist mit Nero (37–68), der neben Hitler als irrster Herrscher aller Zeiten gilt, da er Rom in Brand gesteckt haben soll, um es nach seinen Plänen neu zu gestalten? Tatsache ist, dass Nero durch das Feuer seinen Palast, seine Kunstsammlung und eine Menge Geld verlor, weil er für Unterkunft und Ernährung der Überlebenden der Katastrophe aufkommen musste. Historiker finden es darum wahrscheinlicher, dass das Feuer durch Unachtsamkeit auf einem Marktplatz ausbrach. Kommt hinzu: Verglichen mit den Schandtaten anderer römischer Kaiser war Nero, so das „Lexikon der populären Irrtümer“, ein „harmloser Idiot“.