Das Dorf Gottes

von Dominik Imseng


Bild und Mitarbeit: Beat Niederer

Eine kostenlose Neubauwohnung im Tausch gegen eine windschiefe Hütte? Klingt nach einem guten Geschäft. Aber nicht in Mumbais Slum DHARAVI.

NZZ am Sonntag, 11. September 2011 · Dominik Imseng auf Twitter

Wer die Logik liebt, könnte in Indien wahnsinnig werden: Der Ganges wird als Göttin verehrt, und doch verschmutzen ihn die Hindus rücksichtslos. Und wenn man Slum-Bewohnern ein Zuhause in einem modernen Neubau schenken will, lehnen diese dankend ab.

Um zu verstehen warum, muss man Dharavi besuchen, die grösste Armensiedlung in Mumbai (ehemals Bombay), und seine Vorstellung von einem Slum revidieren: In Dharavi gibt es keine Bettler, dafür Computerschulen und Home-Entertainment-Geschäfte. Die Kranken werden in Spitälern versorgt, die Kinder gehen zur Schule, und die Behörden von Mumbai liefern nicht nur Strom und Wasser, es fahren auch öffentliche Busse.

Nichts also vom Elend und von der Lethargie, wie man sie in einem Slum erwartet. Stattdessen herrscht rege Betriebsamkeit. In der M.G. Road etwa summen überall Nähmaschinen, meist aus engen, von grauem Wellblech überdachten Räumen, zu denen eine steile Treppe führt. Hunderte von Schneidern arbeiten dort im Akkord. 10 Rupien (etwa 15 Rappen) gibt es pro Trainingshose. Wer schnell ist, näht 30 bis 40 Stück am Tag. Und trägt so dazu bei, dass „Made in India“ immer öfter „Made in Dharavi“ heisst.

Doch damit ist bald Schluss, wenn es nach den Plänen von Mukesh Mehta geht: Der aus den USA zurückgekehrte Inder ist die treibende Kraft hinter dem Dharavi Redevelopment Project, das die geschätzten 800’000 Slum-Bewohner, die auf einer Fläche von rund zwei Quadratkilometern leben, in die nördlichen Vorstädte von Mumbai umsiedeln will. Dort schenkt der Investor jeder Familie knapp 21 m2 Wohnraum in einem modernen Neubau. Ihr früheres Zuhause wird dem Erdboden gleichgemacht, um Platz für das neue Dharavi – das von Mukesh Mehta – zu schaffen: ein Paradies für die wachsende indische Mittelklasse, mit Wohnkomplexen, Shopping-Zentren und Erholungsparks.

Eine kostenlose Wohnung im Tausch gegen eine windschiefe Hütte? Klingt nach einem guten Geschäft. Doch die Bewohner von Dharavi sind nicht interessiert. „Allah ka gaon“ – das Dorf Gottes – nennen sie ihren kosmopolitischen Schmelztiegel, in dem man jede Sprache spricht und jeden Glauben glaubt, in dem es aber trotzdem eine klare Ordnung gibt: Die Hindu-Kasten der Kleiderwäscher, Töpfer oder Gerber haben ebenso ihr Viertel wie die Moslems, Jainas oder Sikhs, und wo die jeweilige Bevölkerungsgruppe lebt, dort arbeitet sie auch. Und das fast rund um die Uhr.

Dieser ungeheure Fleiss macht Dharavi zu einer Erfolgsgeschichte, wie es sie wahrscheinlich nur in Indien gibt. Ohne jede staatliche Intervention hat sich der Slum zu einer urliberalen Zone freier Wirtschaft entwickelt. Eine Roger-Köppel-Phantasie voll von hart arbeitenden sozialen Aufsteigern, die aus allen Teilen Indiens kommen und bereit sind, ihr Glück in die eigenen, schwieligen Hände zu nehmen.

Entsprechend kritisch steht man in Dharavi dem Projekt von Mukesh Mehta gegenüber, das mit 220 Milliarden Rupien veranschlagt wird (etwa 3.7 Milliarden Franken – eine Summe, die dem Jahresbudget der Stadtverwaltung von Mumbai entspricht). „Die Vorstädte im Norden sind zu weit von den Produktionsstätten entfernt“, hört man auf „Bambaiya“, einem Esperanto aus allen in Dharavi gesprochenen Sprachen: „Dadurch werden die Anfahrtswege zu lang und die Arbeit nicht mehr rentabel.“ Die wenigen Slum-Bewohner, die sich auf das Angebot von Mukesh Mehta eingelassen haben, fühlen sich betrogen.

Der Widerstand gegen das Dharavi Redevelopment Project zeigt, dass der Begriff Slum in einer Megacity wie Mumbai neu definiert werden muss: Offiziell hat die Stadt 12.4 Millionen Einwohner, tatsächlich sind es wohl 6 Millionen mehr. Das macht das Land so knapp, dass in Mumbai die Quadratmeterpreise für Wohn- und Geschäftsräume zu den teuersten der Welt gehören. Die Konsequenz: Über die Hälfte der Bevölkerung lebt in Slums, wo sich auch etwa 80% der Verdienstmöglichkeiten befinden.

Ein begehrter Ort zum Wohnen und Arbeiten – diese neue Definition eines Slums gilt auch für die schmutzige Barackenstadt Zakhira in Delhi.

Der Slum soll der grösste in der indischen Hauptstadt sein, und täglich lassen sich neue Migranten aus armen Bundesstaaten wie Uttar Pradesh, Bihar oder Rajasthan dort nieder. Für einen 5 bis 6 Quadratmeter grossen Raum mit Backsteinwänden bezahlen sie monatlich 800 Rupien (etwa 13 Franken). Kommen noch 100 Rupien für den Wasserverbrauch hinzu, plus ein paar Scheine Bakschisch (Schmiergeld) für den illegalen Stromanschluss.

In Zakhira wohnt man weniger angenehm als in Dharavi. Die Behausungen sind eng und stickig, wenn es regnet, stehen sie voller Wasser. Bis zu 200 Bewohner teilen sich eine Toilette, und statt Schulen und Spitäler gibt es Kriminalität, Drogenprobleme und stundenlange Stromunterbrüche. Zudem verkünden die Behörden regelmässig krächzend über Lautsprecher, dass der Slum auf dem Grundbesitz der indischen Eisenbahn stehe und jederzeit niedergewalzt werden könne.

Trotzdem ist Zakhira, das mit seinen grau-braunen Wellblechdächern wie ein riesiges Gürteltier wirkt, voller Leben. Niemand bettelt, dafür haben viele Bewohner Handys, und die kleinen, aus Holz zusammengehämmerten Shops bieten fast alles, was es zum Leben braucht.

Prakash Chand ist in Zakhira geboren, hat einen Abschluss als Jurist, spricht ausgezeichnet Englisch und ist im Hausbau als Contractor tätig. Mit einem Monatseinkommen von ca. 40’000 Rupies (etwa 670 Franken) verdient er eigentlich viel zu gut, um in einem Slum zu wohnen, trotzdem will der gebildete Hindu auf keinen Fall weg. Und so wie er denken auch die ärmeren Bewohner von Zakhira, die Plastiksteine auf Armreifen kleben oder Glas, Metal und Papier recyceln. Die Gründe sind dieselben wie in Dharavi: Im Slum wohnt man zentral und mit kurzem Arbeitsweg. Woanders hinzuziehen, würde bedeuten, von vorn zu beginnen.

Der fröhliche Chand Babu, auch er aus Zakhira, arbeitet im Herzen von Delhi am Connaught Square. Mit dem Fahrrad liefert er in den flirrend heissen Strassen der Stadt Koffer aus. Nein, meint er: Auch er wolle auf keinen Fall woanders leben. Und dann sagt Babu einen Satz, wie er weiser, tiefer, indischer nicht sein könnte: „Ob im Slum oder ausserhalb: Das Leben ist sowieso ein Sangarsh, ein ewiger Überlebenskampf. Aber in Delhi gibt es die beste Auswahl an Jeans.“

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