Der Tod der Nerds

von Dominik Imseng

Sie haben mehr Macht als jede Gesellschaftsgruppe zuvor. Doch der Erfolg der NERDS könnte auch zu ihrem Untergang führen.

NZZ am Sonntag, 9. September 2012 · Dominik Imseng auf Twitter

Ein rotes Duschgel in einer Flasche, die wie eine Blutkonserve aussieht; eine Tasse mit Propeller, der auf Knopfdruck den Kaffee umrührt; eine aufblasbare Krawatte, um darauf ein Nickerchen zu machen: Neben der unvermeidlichen schwarzen Riesenbrille gibt es immer neue Gadgets, mit denen wir den Nerd zelebrieren – jenen Sonderling mit dem programmierbaren Taschenrechner in der Brusttasche, der mit seinen ebenfalls leicht müffelnden Kumpels Szenen aus „Star Wars“ nachspielt („Möge die Macht mit dir sein“).

Der vorläufige Höhepunkt unserer Begeisterung für Nerds ist der Erfolg von „The Big Bang Theory“. Die TV-Serie rund um vier schrullige Wissenschaftler (Dienstagabend auf Pro 7) gehört weltweit zu den beliebtesten Sitcoms – leider. Denn vor lauter Lachen merken wir nicht, dass wir über uns selbst kichern: Wie die Nerds verschwenden wir unsere Zeit mit Computerspielen, ob „Angry Birds“ oder „FarmVille“. Wie die Nerds lieben wir Fantasy-Literatur; mit ihrer „Harry Potter“-Saga wurde die Sozialhilfe-Empfängerin J.K. Rowling zur Milliardärin. Wie die Nerds sind wir süchtig nach Hightech-Gadgets, vor allem in der Schweiz, wo die Smartphone-Dichte zu den höchsten der Welt gehört.

Doch dieser Technik-Fetischismus hat Folgen, wie jetzt wissenschaftliche Untersuchungen zeigen. Immer mehr Menschen sind kurzsichtig, da sich durch das ständige Starren auf Computerbildschirme die Form unserer Augäpfel ändert und wir dadurch weniger gut in die Ferne sehen. Eine weitere genetische Mutation stellte der australische Humanbiologe Maciej Henneberg fest: Hatten zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur 10 Prozent der Menschen die Schlagader Arteria mediana im Unterarm, sind es mittlerweile 30 Prozent – wegen des dauernden Tippens auf Tastaturen brauchen unsere Finger eine zusätzliche Blutzufuhr.

Nicht genug also, dass die Nerds alles über uns wissen, weil sie Google oder Facebook gegründet haben; nicht genug, dass sie wie Kim Dotcom, der die Online-Tauschbörse Megaupload entwickelt hat, Industrien herausfordern oder wie Julian Assange, der Kopf von WikiLeaks, Regierungen: Die Nerds haben erreicht, dass sich die menschliche Evolution in ihre Richtung entwickelt. Gab es je zuvor eine Gesellschaftsgruppe mit soviel Macht?

Damit sind die Nerds am Ziel ihrer langen Reise durch die Jahrhunderte angelangt. Denn hochintelligente Sonderlinge gibt es schon seit über 2000 Jahren, wie Jörg Zittlau verdeutlicht, der eine einschlägige Kulturgeschichte verfasst hat („Nerds: Wo eine Brille ist, ist auch ein Weg“). So war etwa der grosse Mathematiker Archimedes derart in seine Berechnungen vertieft, dass er zu essen vergass, und der Philosoph Diogenes sprach mit einer Statue („Ich übe mich darin, vergeblich zu bitten“). Überhaupt wimmelt es in der Philosophiegeschichte von Nerds: Descartes lag die meiste Zeit im Bett, Kant war ein krankhafter Pedant, Nietzsche starb als Jungfrau. Auch grosse Wissenschaftler waren Nerds, so etwa Charles Darwin – welcher andere Typus Mensch würde über 5000 Beweise für die Richtigkeit einer Theorie zusammentragen? Das Physik-Genie Albert Einstein war ebenfalls ein Nerd und soll die Körperpflege derart vernachlässigt haben, dass ihm seine damalige Freundin Seifen und Waschlappen schickte.

Auch in der Mode hatten Nerds Einfluss (mit Yves Saint Laurent), in der Kunst (mit Andy Warhol), in der Literatur (mit J.D. Salinger), im Kino (mit Woody Allen). Nichts aber erwies sich als so ideale Nerd-Biosphäre wie das Computer- und später das Internet-Zeitalter, das von Nerds wie Konrad Zuse und Tim Berners-Lee begründet wurde. Jetzt endlich konnten die Nerds so richtig Macht und Einfluss gewinnen. Steve Jobs zum Beispiel gehörte nach dem Börsengang von Apple zu den jüngsten Superreichen der Welt – und auch zu den nerdigsten: Er nervte Angestellte und Partner mit altklugen und langatmigen Vorträgen. Er glaubte, als Veganer nicht duschen zu müssen. Er trug immer dieselbe Kleidung: Jeans und schwarzer Rollkragenpullover. Trotzdem wurde der Über-Nerd Jobs zur Coolness-Ikone, die wie kein anderer Unternehmer unseren neuen digitalen Lebensstil prägte – mit den erwähnten genetischen Auswirkungen.

Doch gerade diese könnten die Herrschaft der Nerds auch wieder beenden. Denn da im Online-Zeitalter die Männer kaum noch Muskeln brauchen, werden ihre Körper immer weiblicher, und auch ihre Testosteron-Produktion geht zurück. Dadurch verlieren die Männer an Attraktivität für das weibliche Geschlecht und verspüren weniger den Drang, sich fortzupflanzen.

Die Konsequenz ist nicht nur für die Nerds fatal: Am Tag, an dem es auf der Erde nur noch ihresgleichen gibt, stirbt die Menschheit aus.

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