Die Anti-Utopie

von Dominik Imseng


Goolag

Überheblich, gierig, rassistisch: Das SILICON VALLEY hat seine Unschuld verloren. Und entfernt sich radikal von seiner ursprünglichen Mission.

NZZ am Sonntag, 27. September 2015 · Dominik Imseng auf Twitter

Was Paris im 19. Jahrhundert war und New York im vergangenen, ist jetzt Palo Alto: die Hauptstadt der Welt. Kein anderer Ort ist so einflussreich, nirgends sonst wird so viel Zukunft gemacht. Im Silicon Valley brauchen Autos keine Fahrer mehr, Kühlschränke kaufen selber ein, Drohnen liefern Pakete aus. Südlich von San Francisco entsteht ein technologisches Paradies, in dem auf Knopfdruck alles besser zu werden verspricht.

Die Programmierer und Geldgeber, die das Silicon Valley zum Hotspot der Innovation machen, sind denn auch entsprechend selbstbewusst. So nannte etwa Balaji Srinivasan – Partner bei der mächtigen Venture-Capital-Gesellschaft Andreessen Horowitz – alles ausserhalb des Valleys den „Paper Belt“, den Papier-Gürtel. Die verächtliche Formel offenbart, wie sehr sich Palo Alto als neues Renaissance-Florenz versteht. Für die Herren der digitalen Schöpfung tritt hier der Mensch aus dem Dunkel des analogen Zeitalters ins Licht der Online-Erkenntnis. Ob Politik oder Wirtschaft: Kein Problem, das ein paar Programmierzeilen nicht lösen könnten („There’s an app for that“). Die Prognose sei gewagt: Spätestens 2019 kandidiert ein Internetmilliardär fürs Amt des US-Präsidenten.

Besser, er wird nicht gewählt. Denn als Blaupause für eine strahlende Zukunft taugt das Silicon Valley nicht. Nirgends sonst wird etwa so viel Umsatz mit so wenigen Angestellten gemacht. Die einzigen Jobs, die Internetfirmen schaffen, gehen an hochausgebildete Fachkräfte, in erster Linie Software-Entwickler. Und auch die rekrutiert man lieber in Billiglohnländern. So arbeiten Google, eBay oder Apple mit sogenannten „Body Shops“ in Indien zusammen, die für ein Butterbrot junge Programmierer anheuern und mit Knebelverträgen an sich binden. Auch die regelmässigen Streiks in den Lagerhäusern von Amazon zeigen, dass die Chefs von Internetfirmen – obwohl fast alle Zen-Buddhisten – nicht moralisch bessere, gleichsam erleuchtete Kapitalisten sind. Im Gegenteil: Während sie uns glauben machen, dass sie die freie Marktwirtschaft auf eine höhere Entwicklungsstufe heben (Googles Motto: „Don’t be evil“), sind die Internetbarone in Wahrheit so gierig wie Rohstoffhändler. Der einflussreiche Investor Peter Thiel predigt gar einen ökonomischen Darwinismus: „Zeige mir einen ehrlichen Loser, und ich zeige dir einen Loser.“ Diese unsoziale Einstellung passt: Obwohl man im Silicon Valley nicht müde wird zu verkünden, dass Technologie die Menschen verbinde (Facebooks Mission: „to connect the whole world“), findet in Wahrheit das Gegenteil statt: Die kontaktscheuen Nerds entwickeln Apps, die den Umgang mit anderen überflüssig machen. So bewahrt der Taxidienst Uber vor den Massen im öffentlichen Verkehr, WhatsApp vor der Intimität der menschlichen Stimme, und die Dating-App Tinder lässt die autistischen Programmierer ihre Wohnung verlassen, ohne dass sie ihre Wohnung verlassen müssten.

Sozialphobie – das erklärt auch, was letztes Jahr in den auf Diversität erpichten USA für Unmut sorgte: Als Google, Facebook und Twitter erstmals Angaben über ihre Mitarbeiter veröffentlichten, stellte sich heraus, dass gerade einmal 2% von ihnen Afroamerikaner sind. Doch nicht nur mit dunkler Haut hat das Silicon Valley ein Problem – nicht weniger als 70% der Angestellten von Internetfirmen sind Männer. Und woran arbeiten die Tag und Nacht? Marc Andreessen – Entwickler des Ur-Browsers Netscape und einer der einflussreichsten Geldgeber im Valley – verkündete grossspurig, er investiere nur in Ideen, die „die Welt verändern“. Wer sein Portfolio näher betrachtet, findet darin allerdings auch so eminent wichtige Firmen wie TinyCo (eine Produzentin von Smartphone-Spielen) oder Imgur (eine App für die im Moment meistgeteilten Online-Bilder). Das offenbart nicht nur die Silicon-Valley-Hybris, dass alles, was ein paar Programmierzeilen enthält, notwendigerweise Geschichte schreibt. Es zeigt auch, dass die erfolgreichsten Internetfirmen die sind, die uns zu Dopamin-Junkies machen. Denn in Wahrheit programmiert man im Silicon Valley uns. Das ist das Geschäftsmodell. Nur wenn wir immer wieder zu einer App zurückkehren, weil wir sonst etwas verpasst haben könnten (eine neue Freundschaftsanfrage, einen neuen Tweet, ein neues lustiges Bild), haben Facebook, Twitter, Instagram und Co. Erfolg. Eine App muss wie eine Droge sein. Sie muss uns süchtig machen. Sie muss uns versklaven.

Damit hat sich das Silicon Valley radikal von seiner ursprünglichen Mission entfernt – der, die Menschheit zu befreien. Tatsächlich ist die Entstehung des Valleys eng mit der autoritätskritischen Gegenkultur der 1960er und frühen 1970er Jahre verknüpft. Techno-Hippies wie der spätere Apple-Mitgründer Steve Wozniak sahen in den Grossraumrechnern von Regierungen und Banken ein Herrschaftsinstrument. Deshalb entwickelten sie den kleinen und erschwinglichen Personal Computer, um die Macht der Prozessoren in die Hände aller zu geben. Natürlich hatten auch diese LSD einwerfenden Tüftler nichts dagegen, Geld zu verdienen. Aber ihre Ambitionen waren bescheiden. Es ging noch nicht um die möglichst rasche Anhäufung spektakulärer Reichtümer, die heute im Silicon Valley das Ziel ist und auch keine Zeit mehr für ein Studium lässt. Im Gegenteil: Mit dem Verweis auf so erfolgreiche Dropouts wie Bill Gates, Steve Jobs oder Mark Zuckerberg raten die Meinungsmacher in Palo Alto vom klassischen Bildungsweg ab. Der erwähnte Investor Peter Thiel, der als erster bei Facebook einstieg und jetzt Milliardär ist, zahlt Teenagern 100’000 Dollar, damit sie eine Firma gründen, statt aufs College zu gehen. Die vermeintlichen Wunderkinder spielen mit ihrer Zukunft russisches Roulette, denn der Verzicht auf eine höhere Ausbildung garantiert nicht Erfolg – neun von zehn Start-ups scheitern. Dazu kommt: Ist es wirklich so begrüssenswert, dass viele der klügsten jungen Köpfe der Welt ihre Intelligenz an die nächste unnötige App verschwenden? (Mit der Anwendung Zips lassen sich virtuelle Reissverschlüsse öffnen, während Is it dark outside? Antwort auf ebendiese Frage gibt – man müsste ja sonst aus dem Fenster schauen.)

Es ist an der Zeit, dass wir das Silicon Valley als das erkennen, was es in Wahrheit ist: Kein erleuchteter Ort, der uns den Weg in eine strahlende digitale Zukunft weist. Nur einer, wo 25-Jährige in 500’000-Dollar-Autos herumkurven, weil sie herausgefunden haben, wie wir unsere Finger nicht von ihren Apps lassen können. Während sie uns unterhalten, machen sie uns unfrei. Während sie vorgeben, uns mit anderen zu verbinden, treiben sie uns in die Vereinzelung. Während sie so tun, als würden sie uns beschenken, spionieren sie uns aus.

Irgendwo in den nachgelassenen Texten von George Orwell muss es eine bedrückende Anti-Utopie mit dem Titel „Silicon Valley“ geben.