Der Todesengel

von Dominik Imseng

Margalit_Fox
MARGALIT FOX verleiht eine der höchsten Ehren. Das Dumme ist, dass man dann nicht mehr lebt. Die Amerikanerin schreibt seit über zehn Jahren Nachrufe in der „New York Times“. Insgesamt hat sie schon mehr als 1200 verfasst. Macht das nicht depressiv?

Schweizer Journalist, 2. Dezember 2015 · Dominik Imseng auf Twitter

Sie behaupten, Sie hätten den besten Job im amerikanischen Journalismus, Frau Fox. Sind Sie so morbid?
Überhaupt nicht. Die meiste Zeit schreibe ich über Menschen, die mit 80, 90 oder sogar 100 Jahren friedlich eingeschlafen sind. Nur zwei, drei Sätze handeln von ihrem Tod. Der restliche Text widmet sich ihrem erfüllten Leben – von der Wiege bis zum Grab. Ein Journalist will Geschichten erzählen, und genau das darf ich, denn ein Nachruf hat gleichsam einen eingebauten narrativen Bogen. Die einzige Déformation professionnelle, die ich bei mir feststelle, ist die, dass ich nur zwei Arten von Menschen kenne: die Toten und die Vor-Toten.
Wie sind Sie zu Ihrem seltsamen Job gekommen?
Durch reinen Zufall. Das Kind muss noch geboren werden, das in der Schule einen Aufsatz mit dem Titel schreibt: „Wenn ich gross bin, will ich Nachrufe verfassen.“ Ich fing als Textproduzentin bei der „New York Times Book Review“ an. Der Job war gut, aber nach einer Weile suchte ich eine grössere intellektuelle Herausforderung. Ich wollte keinen Nachruf, in dem einmal nur stehen würde: „Sie machte aus 50’000 Kommas 50’000 Mal einen Strichpunkt.“ Darum begann ich, Vorab-Nachrufe für die „New York Times“ zu schreiben. Zuerst als Freelancerin und seit 2004 fest.
Vorab-Nachrufe?
Genau. Wenn wir sehen, dass eine wichtige Person in die Jahre gekommen ist, warten wir nicht bis zu ihrem Tod, um einen Nachruf zu verfassen. Darum haben wir momentan über 1700 Vorab-Nachrufe in unserem System. Nur so ist es möglich, dass schon wenige Stunden nach dem Tod einer Berühmtheit ein ellenlanger Text über sie erscheint. Allerdings passiert es mir oft, dass ich einen schönen Vorab-Nachruf schreibe und die betreffende Person noch 20 Jahre weiterlebt. Sehr, sehr ärgerlich!
Trägt Ihr Pech dazu bei, dass man sich in den anderen Ressorts über Ihren Job lustig macht?
Über mich und meine drei Kollegen, die bei der „New York Times“ die Nachrufe verfassen, macht sich schon lange niemand mehr lustig. Es stimmt zwar, dass Nachrufe früher das Stiefkind des amerikanischen Journalismus waren. Wenn man jemanden in den anderen Ressorts nicht brauchen konnte oder wenn ein Journalist schon so alt und zittrig war, dass er bald selber einen Nachruf nötig hatte, versetzte man ihn in eine Art journalistisches Sibirien – zu den Nachrufen. Doch seit etwa 20 Jahren erkennen immer mehr Journalisten das kreative Potential dieser Textform. Zu ihrem Gesinnungswandel hat die „New York Times“ massgeblich beigetragen. Verschiedene Vorgänger von mir – allen voran Alden Whitman und Robert McG. Thomas – erhoben den Nachruf zu einer eigentlichen Kunstform.
Wie sieht Ihr Arbeitstag aus?
90% meines Jobs besteht darin, für die Breaking-news-Toten Nachrufe auf Deadline zu verfassen – entschuldigen Sie das Wortspiel. Wenn ich Glück habe, kann ich am Morgen mit dem Text beginnen. Aber Gevatter Tod nimmt auf meinen Feierabend keine Rücksicht. Wie oft hatte ich schon einen Arm im Mantelärmel, als man mich zurückpfiff, weil gerade jemand Wichtiges gestorben war.
Wer ist „wichtig“ für die „New York Times“?
Wichtig ist jemand, der auf die eine oder andere Art die Welt verändert hat. Er kann etwas erfunden, ein Buch geschrieben oder gegen etwas protestiert haben. Ich habe aber auch schon Nachrufe auf Nazi-Verbrecher verfasst. Ein Nachruf ist ja keine Grabrede, die einen Toten verklärt, sondern ein Stück Journalismus. Das muss ich auch PR-Beratern erklären, die das Image eines Klienten über dessen Tod hinaus kontrollieren wollen.
Gibt es Hinterbliebene, die sich ärgern, wenn die „New York Times“ keinen Nachruf bringt?
Dauernd. Jedes Jahr sterben allein in den USA zwei Millionen Menschen, doch wir veröffentlichen nur etwa 1000 Nachrufe. Darum witzeln meine Kollegen und ich, dass wir das Aufnahmekomitee der exklusivsten Uni der Welt bilden. Schliesslich würden die Menschen dafür sterben, um aufgenommen zu werden. Aber eben: So bedeutend das jeweilige Familienmitglied auch gewesen sein mag – der „New York Times“ ist es dadurch nicht automatisch einen Nachruf wert. Unsere Kriterien sind anspruchsvoll, und wir überprüfen auch die Fakten. Nur weil eine Familie glaubt, dass Grossvater die Elektrizität erfunden hat, muss Grossvater nicht tatsächlich die Elektrizität erfunden haben.
Stimmt es, dass Sie die Kandidaten Ihrer Vorab-Nachrufe interviewen?
Das kommt vor, und wir geben ihnen unser Ehrenwort, dass alles, was sie uns sagen, erst in ihrem Nachruf veröffentlicht wird. Glauben Sie mir: Auf diese Weise erfährt man mitunter Erstaunliches.
Zum Beispiel?
Netter Versuch. Wie gesagt: Alles, was uns diese Personen anvertrauen, erscheint erst in ihrem Nachruf.
Und wenn das etwas Brisantes ist? Etwas, das eigentlich sofort publiziert werden müsste?
Unser Ehrenwort gilt auch in diesem Fall.
Ein Interview für einen Vorab-Nachruf – das ist schon eine leicht surreale Situation, nicht?
Das stimmt. Es ist ein wenig, als würden Sie ein Gespräch mit den Worten beginnen: „Hallo, wir haben uns noch nie getroffen, aber ich weiss, dass Sie sterben werden, vermutlich schon bald.“ Um nicht wie ein Todesengel zu klingen, betone ich sehr das Wort „Vorab“ in „Vorab-Nachruf“. Oder ich sage, dass wir die biographischen Angaben aktualisieren. Das scheint die Leute zu beruhigen.
Hat der internationale Terrorismus die Notwendigkeit von Vorab-Nachrufen erhöht? Die Gefahr ist grösser geworden, dass jemand Wichtiges einem Attentat zum Opfer fällt.
Das mag sein. Und doch hat dies auf meine Arbeit keinen Einfluss. Wenn sich jemand in unseren Augen für einen Vorab-Nachruf qualifiziert, kann er immer verfrüht sterben, ganz gleich woran.
Welche Nachrufe schreiben Sie am liebsten?
Die auf die unbesungenen Heldinnen und Helden der Geschichte. Präsidenten, Königinnen, Schriftsteller oder Schauspielerinnen sind ja interessant. Aber in der Regel hat die „New York Times“ schon zu Lebzeiten über sie berichtet. Ich schreibe lieber über den Erfinder des Frisbees oder des Crashtest-Dummys. Irgendjemand nahm an einem Morgen im Jahr 1947 einen anderen Weg zur Arbeit, sah etwas, hatte eine Idee – und veränderte die Welt.
Einer Ihrer Nachrufe wurde eine Twitter-Sensation.
Das stimmt. Der Abenteurer John Fairfax ruderte über den Atlantik und später auch noch über den Pazifik. Er war ein professioneller Glücksspieler und ging – ob Sie’s glauben oder nicht – bei einem Piraten in die Lehre. Als er mit 20 in Lateinamerika lebte, verliebte er sich unsterblich, wurde aber von seiner Angebeteten nicht erhört. Romantisch und dramatisch wie Fairfax war, beschloss er, in den Dschungel zu gehen, um sich von einem Jaguar zerfleischen zu lassen. Also schrieb ich: „At 20, he attempted suicide-by-jaguar.” Die Formulierung ging um die Welt.
Ist denn Humor in Nachrufen angemessen?
Warum nicht? Meine Kollegen und ich sind sogar der Meinung, dass unsere Texte die fröhlichsten in der ganzen „New York Times“ sind.
Trotzdem muss es Nachrufe geben, die Ihnen schwer fallen.
Sicher. Vor allem Nachrufe auf junge Tote sind hart. Allerdings kommt dies verhältnismässig selten vor, weil junge Menschen fast nie schon so viel geleistet haben, dass sie einen Nachruf in der „New York Times“ bekommen. Auch ein Selbstmord ist natürlich traurig. Vor allem, weil ich für meine Recherchen mit der Familie des Toten sprechen muss. Übrigens: Fast alle Suizidopfer, über die ich geschrieben habe, waren Schriftsteller. Und fast alle von ihnen Dichter. Würde mir eine Versicherungsgesellschaft gehören, würde ich einem Dichter keine Lebensversicherung verkaufen.
Gibt es auch Schweizer, denen Sie einen Nachruf gewidmet haben?
Vor ein paar Monaten habe ich über den Typographen Adrian Frutiger geschrieben. Oder vor ein paar Jahren über den Tenor Hugues Cuénod und den Unternehmer Nicolas Hayek.
Unter uns: Hassen Sie jemanden so sehr, dass Sie gerne seinen Nachruf verfassen würden?
Glauben Sie mir: Es wird soviel gestorben, dass ich mir nicht noch zusätzliche Arbeit wünsche.
Dann eine andere Schlussfrage, Frau Fox: Schreiben Sie insgeheim an einem Krimi, in dem eine Journalistin zu morden beginnt, damit ihre wunderbaren Vorab-Nachrufe endlich erscheinen?
Diesen Gedanken hatte ich tatsächlich schon. Aber für Fiction fehlt mir leider jedes Talent.

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