Erkenne dich selbst

von Dominik Imseng

12662714_10156638365895454_4730535773865220031_nBild: Olivier Egli

Es ist nicht leicht, ein MANN zu sein. Darum kommen hier Antworten auf die zehn dringlichsten Fragen.

Weltwoche, 24. März 2016 · Dominik Imseng auf Twitter

1. Bis wann darf ein Mann eigentlich von einem flotten Dreier träumen?
Ganz ehrlich: Ich bin mir nicht sicher, ob ein flotter Dreier wirklich eine so gute Idee ist. Mein Freund Lukas, der tatsächlich einmal Sex mit zwei Frauen hatte (und dafür auch nicht bezahlen musste), ist nach dieser Erfahrung stark gealtert. „Es war anstrengend“, vertraute er mir an, nachdem ich ihm zwei Drinks spendiert hatte. „Ein bisschen wie Krafttraining mit zwei sehr strengen Fitnessinstruktorinnen.“ Diese Vorstellung finde ich nicht so sexy.

2. Bis wann darf ein Mann eigentlich seine Jugendhelden verehren?
Machen Sie es kurz und schmerzlos. Nicht wie ich, der noch jahrzehntelang an die immer teurer werdenden Konzerte von Depeche Mode pilgerte – meiner Lieblingsband aus Teenager-Jahren – und dem Sänger dabei zusah, wie er von Mal zu Mal schlimmer auf Rock’n’Roller machte, Elvis-Hüftschwung inklusive. Jugendhelden sollten genau das sein: Helden, die man in der Jugend verehrt. Danach muss man sie ignorieren. Nostalgie bringt die verflossenen Jahre nicht zurück.

3. Bis wann darf ein Mann eigentlich die Sonnenbrille ins Haar schieben?
Die Wahrheit ist: Bei Frauen ist das ja okay, das ist so eine Art Haarreif-Ersatz. Bei Männern aber geht das gar nicht. Es sei denn, Sie sind ein wirklich gut aussehender Italiener in einem supereng geschnittenen Anzug, mit Hosen, die maximal zu den Knöcheln reichen. Aber auch in diesem Fall wirken Sie wie ein Volldödel. Vor allem, wenn Sie gar keine Haare mehr haben und die Brillengläser etwas grösser sind. Dann sehen Sie nämlich aus wie Micky Maus.

4. Bis wann darf ein Mann eigentlich keine Kinder zeugen?
Ich könnte jetzt sagen: „Solange er sich mit einem Leben begnügen mag, das schwarzweiss ist statt farbig und mono statt stereo.“ Aber das wäre ein wenig kitschig. Das Beste am Vatersein ist für mich, dass man über völlig neue Dinge lachen kann. Wie neulich, als mein Jüngster für einmal mit mir lange kuscheln wollte, statt wie immer nur mit Mami, und anschliessend fragte, ob er mein iPhone haben könne. Das Kuscheln zuvor, betonte er, sei aber „echte Liebe“ gewesen.

5. Bis wann darf ein Mann eigentlich turmhohe Lautsprecher haben?
Ich würde sagen: Höchstens bis zum 40. Geburtstag. Und wirklich keinen Tag länger. Vor allem, wenn Sie auch noch armdicke Lautsprecherkabel gekauft haben. Ich konnte mich dazu durchringen, meine Riesenboxen über ein Online-Auktionshaus zu verscherbeln. Der Typ, der sie ersteigert hatte, trug eine ärmellose Jeansjacke, als er die Lautsprecher bei mir abholte. Er hatte auch eine Vokuhila-Frisur und ein selbstgestochenes Tattoo. Ich glaube, das sagt alles.

6. Bis wann darf ein Mann eigentlich in Clubs gehen?
Das Mittelalter dauerte fast 1000 Jahre. Beim männlichen Mittelalter ist das anders. Spätestens mit 40 sollte mit dem Ausgehen Schluss sein. Sicher, Sie können sich auch danach noch fit genug fürs Nachtleben fühlen. Aber dann kleiden Sie sich bitte so, dass Sie sich nicht bei den 20 Jahre Jüngeren anbiedern. Statt Hipster-Look also ein massgeschneiderter Anzug mit Weste, Krawatte und rahmengenähten Schuhen. Am besten stützen Sie sich auch noch auf einen eleganten Gehstock.

7. Bis wann darf ein Mann eigentlich „Gladiator“ lieben?
Der absolute Frauenfilm ist „Thelma & Louise“, der absolute Männerfilm ist „Gladiator“. Und so wie Frauen immer wieder „Thelma & Louise“ sehen dürfen, dürfen Sie als Mann auch noch die zehnte Wiederholung von „Gladiator“ geniessen. Sogar Mitsprechen ist erlaubt („At my signal, unleash hell“). Und es ist total in Ordnung, wenn Sie am Schluss weinen. Übrigens: Der Regisseur von „Thelma & Louise“ – Ridley Scott – hat auch „Gladiator“ gedreht. Das finde ich ein wenig unheimlich.

8. Bis wann darf ein Mann eigentlich Formel 1 schauen?
Ich habe Ihnen ja schon von meinem jüngeren Sohn erzählt. Jetzt erzähle ich Ihnen auch noch von meinem älteren: Als der etwa ein Jahr alt war, setzte er sich gerne vor der Waschmaschine auf den Boden und schaute durchs Guckfenster zu, wie sich die Wäsche in der Trommel drehte. Und drehte. Und drehte. Und drehte. Und drehte. Ich bin sicher, Sie haben den Punkt, den ich mit dieser Anekdote machen wollte, schneller begriffen, als Lewis Hamilton von 0 auf 100 beschleunigt.

9. Bis wann darf ein Mann eigentlich ein schwarzes Ledersofa besitzen?
Mein dringlicher Rat: Schaffen Sie sich so ein Teil gar nicht erst an. Ein schwarzes Ledersofa ist arschkalt im Winter und im Sommer auch. Keine Frau lässt sich darauf ausziehen, und wenn doch, macht das Leder beim Sex komische Geräusche. Vielleicht ist Ihnen das egal, aber der Frau bestimmt nicht. Und glauben Sie mir noch etwas anderes: Man sieht auf einem schwarzen Ledersofa jedes Staubkorn. (Habe ich schon erwähnt, dass es beim Sex komische Geräusche macht?)

10. Bis wann darf ein Mann eigentlich im Stehen pinkeln?
Die Antwort ist ganz einfach: Bei Urinalen sollte man das in jedem Alter tun. Bei einer Kloschüssel hingegen nimmt man Platz. Treten Sie einem Schützenverein bei, wenn Sie das Zielen lieben, statt Reinigungskräften das Leben zur Hölle zu machen. Auch bei Pissoirs ist das Putzteam dankbar, wenn Sie beim Wasserlassen nicht zu weit entfernt stehen. In die Knopfleiste einer Hose von Etro, die ich gerne trage, ist eingestickt: „Erkenne dich selbst“. Auf Italienisch tönt das natürlich noch viel besser: „Conosci te stesso“.