„Beim Sex bin ich sexistisch“

von Dominik Imseng

Helge_TimmerbergBild: Frank Zauritz

Er hat fast jedes Land bereist und fast jede Droge genommen: HELGE TIMMERBERG ist einer der besten Schreiber im deutschen Sprachraum. Jetzt erscheinen seine Memoiren.

Persönlich, 12. April 2016 · Dominik Imseng auf Twitter

Sie haben gerade eine ganz besondere Geschichte veröffentlicht, Herr Timmerberg – Ihre eigene. Haben Sie etwas über sich gelernt, während Sie „Die rote Olivetti“ schrieben?
Eigentlich nicht. Ich hatte schon lange vorher analysiert, was in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren mit mir gelaufen war. Beim neuen Buch hatte ich einfach Lust, Dinge zu erzählen, über die ich noch nie geschrieben hatte. Zum Beispiel wie ich in London LSD nahm, während ein paar Häuser weiter Jimi Hendrix starb. Oder mein Versuch, in Bielefeld ein vegetarisches Restaurant zu führen. Oder mein Höhenflug und Absturz in Havanna.
Gekifft hatten Sie schon immer. Auf Kuba wurden Sie auch kokainsüchtig.
Und dadurch vom Hippie zum egoistischen Arschloch ohne jede Liebesfähigkeit. Kokain ist eine teuflische Droge. Obwohl ich seit 15 Jahren nicht mehr kokse, dürften Sie mir hier keine Line hinlegen.
Ich habe leider keine dabei, um Sie zu testen.
Sie scheinen auch nicht auf Koks zu sein. Dann könnte ich mich mit Ihnen nicht unterhalten. Ich würde Sie als Vampir empfinden.
Die Drogen, das Reisen, die Liebe: Zwischen Ihren grossen Themen gibt es einen Zusammenhang: Man ist nicht sich selbst, wenn man berauscht ist oder unterwegs oder verliebt. Ertragen Sie nicht Ihr wahres Ich?
Ich glaube nicht, dass man Drogen nimmt, weil man sich nicht aushält, sondern um dem Stress zu entfliehen. Als Journalist stand ich ja immer unter grossem Druck, darum nahm ich Drogen, um zu entspannen. Aber auch das Reisen und die Liebe sind eine Droge, so wie die Drogen und die Liebe eine Reise sind. Nachdem ich mit einer Reisegeschichte fertig war, musste ich immer gleich wieder weg, weil ich mich unterwegs einfach wacher fühlte, mehr im Hier und Jetzt, mehr im Leben. Als ob mein Motor auf einmal einen Zylinder mehr hätte. Reisen holt einen ja aus dieser Routine heraus, dieser Abschlaffung, diesem Halbschlaf. Vor allem, wenn es gefährlich wird.
Die Droge Adrenalin.
Die Sucht nach der Angst, hinter der die besten Geschichten warten. Wenn ich Angst hatte, wusste ich immer: Hey, geh durch, dahinter wird’s geil.
Im Amazonas wollte Sie ein Jaguar zerfleischen.
Und zuvor wurden ich und die Goldsucher, mit denen ich unterwegs war, aus Helikoptern beschossen. Ich war auch in Tel Aviv, als Saddam Husseins Raketen einschlugen. Die waren zwar Schrott, hätten jedoch auch Giftgas enthalten können. Ich hatte eine Spritze dabei, die das Sterben erträglicher gemacht hätte. Das Seltsame aber ist, dass ich in Momenten grosser Gefahr immer absolut ruhig werde.
Weil Sie seit Ihrem 17. Lebensjahr meditieren?
Wohl eher aus der Erkenntnis heraus, dass das Leben jederzeit vorbei sein kann. Wir alle, die jetzt leben, bilden ja nur eine kleine dünne Schicht über den Milliarden von Menschen, die schon gestorben sind. Verglichen mit den Hunderttausenden von Jahren, seitdem es Menschen gibt, ist unser Leben ein Wimpernschlag.

Ich – mit diesem Wort hat Helge Timmerberg (*1952) in den achtziger Jahren den deutschen Journalismus revolutioniert. Seine radikal subjektiven (und meist auch ziemlich abenteuerlichen) Reportagen prägten die Zeitschrift „Tempo“ und wurden in den Sammlungen „Tiger fressen keine Yogis“ und „Der Jesus vom Sexshop“ veröffentlicht. In den letzten Jahren schrieb Timmerberg vor allem Bücher, so z.B. „Shiva Moon“, der Bericht einer Reise von der Quelle bis zur Mündung des Ganges, oder „African Queen“, eine „Grosswildjagd nach Geschichten“ in Afrika.

Warum haben Sie in Ihrer Autobiographie verschwiegen, dass Sie dreimal Vater geworden sind? Passte das nicht in die Geschichte, die Sie über sich erzählen wollten?
Die Antwort ist ganz einfach: Meine Kinder wollten nicht, dass ich über sie schreibe. Früher hätte ich mich darüber hinweggesetzt, da wäre ich für eine gute Geschichte über Leichen gegangen. Jetzt nicht mehr. Ich schreibe nur noch über Menschen, die das auch wollen. Okay, ich könnte die, die sich weigern, zu Romanfiguren machen. Aber die würden das ziemlich schnell merken.
Haben Sie sich denn schon mal an einem Roman versucht?
Es juckt mir unter den Fingern. Ich habe auch Ideen in der Schublade, sogar Anfänge – hier mal fünf Kapitel, da mal vier. Aber ich habe noch ein bisschen Schiss davor. Als Journalist kann ich ja immer dem roten Faden der Realität folgen. In der Literatur hingegen bin ich völlig frei. Mein Held kann nach rechts gehen oder nach links, geradeaus oder zurück – einfach alles kann passieren. Diese totale Freiheit überfordert mich. Aber vielleicht übernimmt ja auf einmal die Phantasie und ich muss ihr nur noch hinterherschreiben. Das soll es ja geben.
Vor allem, wenn man wie Sie mit einem Co-Autor schreibt – Cannabis. Warum sind Ihre Texte nur gut, wenn Sie bekifft sind?
Dazu muss ich als erstes sagen, dass alle schriftstellerischen Vorbilder von mir Drogen genommen haben. Hemingway soff während des Schreibens. Viele der grossen Russen waren auf Morphium. Stephen King hat auf Kokain beschrieben, was ihm auf Opium eingefallen ist. Hermann Hesse hat wie ich gekifft. Das scheint also eine sehr verbreitete Sache zu sein. Bei mir bewirkt das Kiffen, dass meine Texte dichter werden, auch poetischer, kreativer, origineller. Die Klischees, die üblichen Phrasen, die gewöhnlichen Zugänge – das alles fällt weg. Cannabis intensiviert auch meine Gefühle. Ich komme so auch besser in die Gefühle rein, die ich in der Vergangenheit hatte. Wenn ich kiffe, kann ich über etwas schreiben, das zwanzig Jahre her ist, und bin sofort wieder an jenem Ort, in jener Geschichte.
An Ihre Zeit in Havanna können Sie sich besonders gut erinnern. Die Kapitel über Ihre kubanischen Freundinnen sind gleichsam mit dem Penis geschrieben. Finden Sie, dass der Journalismus an zu viel Keuschheit krankt?
Darum ging es nicht. Ich wollte die sexuelle Revolution der kubanischen Frauen beschreiben, die ich als Kulturschock empfand.
Und dafür braucht es einen Satz wie: „Ihr Arsch war das geilste Stück Fickfleisch, das sich mir je entgegengestreckt hatte“?
Diesen Satz habe ich geschrieben, das stimmt. Erst dachte ich: Das geht doch nicht. Aber dann fand ich: Warum eigentlich nicht?
Weil das extrem sexistisch ist.
Natürlich ist es das. Ich bin sexistisch, aber nur beim Sex. Beim Sex muss ich sexistisch sein, sonst habe ich keinen Sex. Bei einem wunderbaren Frauenarsch kann ich doch nicht gleichzeitig denken: „Sie ist ein Mathegenie, hat ein Herz für Tiere und trennt Müll.“ Dann ist doch der Sex vorbei! Je weniger Sie beim Sex denken, desto besser ist er. Das fanden übrigens auch alle Frauen, mit denen ich zusammen war. Die wollten immer so richtig geilen Sex.
Und trotzdem: „das geilste Stück Fickfleisch“ – sind Sie ein Gossen-Goethe?
Das ist nicht Gosse – das ist Goethe. Eine poetische Verdichtung von ganz vielen bösen Wörtern. Zudem ist das die Wahrheit. Genau das empfindet ein Mann, wenn er einen tollen Frauenarsch vor sich hat. Beim Sex sieht man als Mann nur mit dem Schwanz – womit denn auch sonst? Liebe ist Liebe, Sex ist Sex. Das sind doch zwei völlig verschiedene Ecken der Kommunikation zwischen den Geschlechtern!
Sie hatten nicht nur viele Frauen, Sie haben auch 200 Länder bereist.
Es waren viele, aber nicht 200. Das hat mal jemand geschrieben, und seitdem wird es ständig wiederholt. Das Lustige ist: Es gibt gar nicht 200 Länder.
Wo erwarten mich die grössten Abenteuer?
Im Amazonas. Ist zwar kein Land, sondern ein Dreiländereck. Aber egal.
Wo kann ich mich am besten betrinken?
In Serbien. Wobei ich jetzt dann für ein neues Buch nach Russland fahre. Gut möglich, dass ich danach anderer Meinung bin.
Wohin muss ich reisen, um ganz schnell wieder nach Hause zu wollen?
Nach Deutschland. (Lacht.)
Wohin, um die schönsten Frauen kennenzulernen?
Nach Israel.
Und wohin, um das Glück zu finden?
Die Frage kann ich so nicht beantworten. Das Glück ist ja für jeden etwas anderes, und das wechselt auch mit den Lebensphasen. Als ich um die 40 war, war ich auf Kuba glücklich. Davor in Marokko. Und davor in Indien.
Warum wohnen Sie heute ausgerechnet in St. Gallen? Der Liebe wegen? Nach der sind Sie ja ebenfalls süchtig.
Nicht nur ich. Endorphine sind die stärkste Droge überhaupt. Die Liebe – oder genauer: das Verliebtsein – ist ein Trick der Natur, damit wir uns reproduzieren. Weil wir das nicht immer wollen, müssen wir mit Liebeshormonen gaga gemacht werden.
Vor allem die Männer.
Vor allem die Männer. Aber ich wohne nicht wegen der Liebe in St. Gallen. Hier sind viele Freunde von mir, vor allem der Chefredakteur von „Faces“.
Das Roger-Willemsen-Szenario: Ihr Arzt teilt Ihnen mit, dass Sie nur noch sechs Monate zu leben haben. Was machen Sie in dieser Zeit? Ein letztes Buch schreiben?
Wenn ich eine wirklich wichtige Geschichte zu erzählen hätte – vielleicht. Aber ich glaube, ich würde eher von den Menschen Abschied nehmen, die mir nahe stehen. Und dann würde ich wahrscheinlich in den Himalaya aufbrechen, um dort auszuchecken. Ziemlich sicher auf Morphium, sollten die Schmerzen zu gross werden. Das würde auch gut zu meiner Drogenkarriere passen. (Lacht.)
Die letzte Frage: Wenn Sie von einem verstorbenen Schriftsteller die Schreibmaschine erben könnten, wessen Schreibmaschine wäre das?
Die von Hemingway. Von all meinen Vorbildern bewundere ich ihn am meisten. In „Der alte Mann und das Meer“ gibt es diesen Absatz, wo Hemingway beschreibt, wie der Schwertfisch zum ersten Mal aus dem Wasser kommt. Er erzählt die Szene so, dass sie danach in der Seele des Lesers gespeichert ist. Genau darum geht es beim Schreiben.