„Ein Glitzern in Stille“

von Dominik Imseng

Uwe Kopf © Anja JenknerBild: Anja Jenkner

UWE KOPF, der ehemalige Textchef von „Tempo“, prägte einige der besten Journalisten Deutschlands. Vor kurzem erschien posthum sein erster und letzter Roman. Ein Nachruf.

Schweizer Journalist, 9. Juni 2017 · Dominik Imseng auf Twitter

Bis jetzt gab es drei Höhepunkte in meinem Leben: das erste Kind, das zweite Kind und dass ich Uwe Kopf dazu brachte, in einem seiner Texte ein Wort zu ändern. Statt „Wiederauferstehung“ schlug ich ihm „Auferstehung“ vor. Per Fax, denn nur so konnte man mit Uwe kommunizieren. Zwar waren schon die späten 1990er Jahre, doch Uwe hatte noch immer keine E-Mail-Adresse, ja noch nicht mal einen Computer. Seine Texte tippte er auf einer altertümlichen Schreibmaschine, einem Modell von Triumph mit dem schönen Namen Gabriele.

„Tatsächlich hat meine Schreibmaschine nichts Praktisches“, schrieb Uwe einmal, „aber sie atmet, sie duftet, ihre Schönheit rührt mich, und wenn ich vor ihr sitze, bin ich ergriffen wie während einer Andacht, ich leuchte und funkle. Wenn ich sie zur Nacht in ihren Koffer lege, ist es so, als würde ich sie zu Bett bringen, aber sie ist weder mein Kind noch meine Mutter, sondern meine Geliebte.“

So schöne Sätze schrieb Uwe, und wahrscheinlich faxte er sie deshalb, damit man beim Abtippen etwas lernte. Als ich Ende der 1990er Jahre Kolumnen für die „SonntagsZeitung“ schrieb, kopierte ich Uwes Stil schamlos.

Uwe war damals freier Autor, unter anderem für eine Studentenzeitschrift, die ich herausgab. Diese war lang so, wie Studentenzeitschriften eben sind: mässig. Seit dem Ende von „Tempo“ 1996 wurde sie aber schlagartig gut, denn ich konnte meine beiden liebsten „Tempo“-Autoren zur Mitarbeit gewinnen.

Der eine war Marc Fischer, der sich im April 2011 das Leben nahm. Der andere war Uwe Kopf, der im Januar 2017 an Krebs starb.

Bei „Tempo“ war Uwe Textchef gewesen und der Autor einer Kolumne, deren Brillanz nur von den Schadenersatzzahlungen übertroffen wurde, die sie oft zur Folge hatte. Einmal kostete ein Satz von Uwe „Tempo“ sehr viel Geld, weil er fand, dass die Zeitschrift „Musikexpress“ ein Stück Scheisse für fünf Mark sei.

Uwes Anspruch an seine Texte war so hoch, dass er beim Schreiben den Mount Everest bestieg. Nichts anderes erwartete er von der „Tempo“-Redaktion. Kurz nach seinem Tod kursierte auf Facebook ein Memo, in dem Uwe seine Regeln für gute Texte formulierte, sein stilistisches Testament.

„Bitte, bitte keine Superlative!“ stand dort. „,Die grandioseste Platte‘ – ich kann es nicht ertragen.“ Oder: „Der Mensch wird nicht dadurch zum Filmkritiker, dass er einen Film nacherzählt. Das kann meine Mutter auch.“ Oder: „Ein Autor sollte seine Texte aufs Skelett reduzieren und jedes überflüssige Wort weglassen.“

In seinem ständigen Kampf gegen „Wortschrott“, wie Uwe sagte, prägte er eine ganze Generation von Gesellschafts- und Kulturjournalisten, darunter einige der besten Schreiber Deutschlands. In Uwes Todesanzeige in der „Süddeutschen“ nahmen unter anderem Christoph Dallach und Lothar Gorris von ihm Abschied, Sebastian Hammelehle und Philipp Oehmke, Adriano Sack und Moritz von Uslar. Auch der Schriftsteller Christian Kracht verneigte sich vor ihm.

Sie alle und viele mehr wurden von Uwes Liebe zum klaren Denken und Schreiben geprägt, von seinem Hass auf Jargon und Phrasen. „Kultfilm“ und „Inkarnation“, „spätpubertär“ und „subversiv“, „im Grunde“ und „eigentlich“ – für Uwe waren das „verblasene Wörter“. Er wollte schreiben wie Georges Simenon, der nur Wörter mit Erdanziehung verwendete, mit „Materie“, wie der Vater von Maigret sagte: Zimmer, Tisch, ein Glas Wasser.

Doch so gewöhnlich Uwes Wörter waren, so ungewöhnlich war sein Stil. Lesen Sie noch einmal Uwes Ode an seine Schreibmaschine, ich warte hier auf Sie …

Wieder da? Dann sind Sie sicher einverstanden: Niemand sonst würde so sonderbare Kommas setzen und so viele Bindewörter aneinanderreihen. Aber die vielen Kommas und Bindewörter (und die fehlenden Adjektive) liessen Uwe Texte schreiben, die kein anderer schreiben konnte – und kann.

Seine Plattenbesprechungen waren Kurzgeschichten, seine Restaurantkritiken philosophische Essays, seine TV-Tipps das Intelligenteste, was es in der „B. Z“ zu lesen gab. Und ja, natürlich hat Uwe in „Tempo“ auch Geschichten erfunden, wie Tom Kummer. Er hatte damit kein Problem. Er verstand sich nicht als Journalist.

1956 in Kaiserslautern als Sohn eines SS-Soldaten geboren, der Konzentrationslager bewachte, kam Uwe als Kind nach Hamburg. Er wollte eigentlich Lehrer werden – für jemanden, der zweieinhalbmal sitzen blieb und „nur durch Betrug“ (so Uwe) Abitur machte, eine interessante Berufswahl. Das Studium brach Uwe aber nach einer Woche ab und kümmerte sich in Firmen um die eingehende und ausgehende Post. Dann überredete ihn 1985 eine Freundin, dem Stadtmagazin „Szene Hamburg“ einen Text zu schicken. Uwe bekam nie eine Antwort, entdeckte aber per Zufall, dass sein Artikel über einen Abend in einer Eckkneipe veröffentlicht worden war. Sein zweiter Text für die „Szene“ war bereits Stadtgespräch: eine Abrechnung mit dem damaligen HSV-Manager Günter Netzer. Wahrscheinlich beneidete Uwe ihn wegen seiner schönen langen Haare.

Danach ging es so richtig los mit Uwes Karriere. Hellmuth Karasek entdeckte sein Talent und liess ihn für den „Spiegel“ schreiben. Und dann, ja dann, stiess Uwe zum legendären Magazin „Tempo“.

„Tempo“ stand seit 1986 für Journalismus mit höherer Betriebstemperatur: radikal, subjektiv, skandalös.

„Die Wahrheit ist“, schrieb Uwe später einmal, „dass bei ,Tempo‘ jede Droge zu haben war, und für jede Verrücktheit da draussen gab es in der Redaktion den passenden Verrückten. Ob Alkoholismus oder Waffenfetischismus, Heroinsucht oder Sexsucht – wer darüber schrieb, berichtete über seine Erfahrungen, sein Leid und sein Entzücken.“

„Tempo“ war gut, aber wirklich grandios – zumindest für mich – wurde das Magazin erst ab Mai 1994 unter Chefredaktor Walter Mayer. Damals wechselte „Tempo“ gleichsam von der Klassik des Pop-Journalismus zur Romantik. Die häufigsten Wörter waren „nett“, „angenehm“, „fein“ und „schlau“. Das machte die Texte ein wenig kindlich, ein wenig irr auch, aber ich mochte das. Mein liebster Lead: „Hongkong – eine ordentliche Wohnung kostet neun Billionen Mark, alles ist superschmuddelig, und 1997 kommen auch noch die Rotchinesen. Aber hey, stört uns das?“ Grandios waren allerdings auch die Verluste, die „Tempo“ schrieb, darum wurde die „Zeitschrift für Zeitgeist“ 1996 eingestellt. Als die Redaktion davon in Kenntnis gesetzt wurde, lachte Uwe hysterisch.

Danach fing er an, als freier Autor für Zeitungen und Magazine zu schreiben. Wer Uwe redigierte, ohne die Änderungen mit ihm abzustimmen, zog sich seinen ewigen Groll zu. Eine Freundin schenkte Uwe sogar einen Stempel mit dem Hinweis, dass seine Texte einschliesslich Zeichensetzung ohne seine Zustimmung nicht geändert werden durften.

Zu Gesicht bekam Uwe in den letzten 20 Jahren fast niemand mehr. Menschenscheu wie der Schriftsteller Thomas Bernhard, den er verehrte, zog er sich in seine Wohnung zurück, wo Uwe auch arbeitete. Seine Flugangst hinderte ihn an grösseren Reisen. Mehr als Deutschland, Italien, Südfrankreich und Polen hat Uwe von der Welt nicht gesehen. Er war darüber nicht traurig.

„Das Leben glitzert daheim oder es glitzert nirgendwo“, schrieb er für meine Zeitschrift. „Zuhause ist es ein Glitzern in Frieden, in Stille.“

Die Frauen kamen trotzdem zu Uwe. Auch darüber schrieb er für mein Magazin:

„Ich will den Weibsteufel neben mir haben und dulde keine Passivität; die Frau soll mir keine Sauereien sagen, aber sie muss laut sein im Bett, unsere Leidenschaft soll die Nachbarn aufwecken.“

Haben Sie den Strichpunkt gesehen? Mit Uwe ist auch der Strichpunkt im deutschsprachigen Journalismus gestorben.

Per E-Mail hatte ich noch sporadisch mit ihm Kontakt – irgendwann besass sogar Uwe einen Computer. 2011 schrieb er das Nachwort in „Für immer sexy“, einem Buch, das ich nach dem Tod von Marc Fischer herausgab. Es versammelte die Texte, die Marc für meine Zeitschrift schrieb.

Dann war Uwe plötzlich auf Facebook, was ich erst gar nicht glauben konnte. Gesehen habe ich ihn in meinem ganzen Leben nie und auch nur ein einziges Mal kurz mit ihm telefoniert.

Tatsächlich war Uwe vielen Menschen so sympathisch, dass sie ihn als Freund bezeichneten, obwohl sie ihn nie getroffen hatten. Auch ich war einer dieser Menschen.

Das einzige, was seinen Freunden fehlte, war ein Buch von Uwe, so wie es Bücher von anderen früheren „Tempo“-Autoren gab: Maxim Biller, Christian Kracht, Marc Fischer, Helge Timmerberg. Zwar hatte Uwe schon kurz nach dem Ende von „Tempo“ einen Verlag gefunden und einen Vertrag unterschrieben. Marc Fischer sagte mir auch mal, er habe den Anfang und das Ende von Uwes Manuskript gelesen – es sei ganz wunderbar. Mehr als den Anfang und das Ende hat Uwe allerdings nie geschrieben, und beide bestanden nur aus einem einzigen langen Satz.

Es war das erste und letzte Mal, dass Uwe einen versprochenen Text nicht pünktlich ablieferte. Aus irgendeinem Grund sollte ein Buch von ihm nicht sein. Bis Stephan Timm in Uwes Leben kam.

Stephan – studierter Volkswirt und Kaufmann – war seit den 1980er Jahren ein begeisterter Leser von Uwes Texten, ein richtiger Uwe-Fan. Stephan schickte Uwe regelmässig Leserbriefe, genauer gesagt: Leserfaxe. „Einmal schrieb ich Uwe, dass mich ein Text von ihm zum Weinen gebracht hatte“, erinnert sich Stephan. Und Uwe faxte zurück:

„Früher war es immer mein Wunsch, die Frauen zum Weinen zu bringen, aber Ihre Tränen sind mir auch sehr recht.“

Stephan und Uwe wurden Freunde, und Stephan schlug Uwe vor, den Selbstmord von Uwes Bruder Tom im Jahr 1998 („nach Art der Greise“, so Uwe, denn sein Bruder erhängte sich auf den Knien) zum Thema eines Romans zu machen. Stephan brachte Uwe auch überhaupt dazu, dass er wieder einen Roman schreiben wollte – und konnte.

Dafür wendete Stephan verschiedene psychologische Tricks an. So listete er etwa die 80 Zeitungen und Zeitschriften auf, für die Uwe in den letzten 20 Jahren geschrieben hatte. „Ich wollte Uwe zeigen, dass man ihn als Autor wirklich wollte.“ Stephan stellte Uwe auch Fragen wie: „Was passiert, wenn du den Roman schreibst?“ „Was passiert, wenn du den Roman NICHT schreibst?“ „Was passiert NICHT, wenn du den Roman schreibst?“ „Was passiert NICHT, wenn du den Roman NICHT schreibst?“

Nach Stephans monatelanger psychologischer Aufbauarbeit fing Uwe im Juli 2014 tatsächlich an zu schreiben und schickte Stephan bis September 2015 Hunderte von E-Mails.

So entstand Absatz für Absatz Uwes Roman mit dem unfassbar guten Titel „Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe“ – ein Marathon aus 100-Meter-Läufen. Das Buch ist vor wenigen Wochen erschienen und ganz wunderbar, obwohl (oder gerade weil) Uwe darin leicht anders schreibt, als ich erwartet hätte. Weniger Hemingway, mehr Joyce. Aber „Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe“ ist ja auch ein Alterwerk – und ein Roman.

Uwe hat das Buch Stephan gewidmet, mit gutem Grund. Uwes Freundin Anja schrieb Stephan: „Ohne deine Aufmunterungen, ohne deine Arschtritte, ohne deine unendliche Geduld hätte es kein Buch von Uwe gegeben.“ Als Textchef hätte mir Uwe den schiefen Vergleich um die Ohren gehauen, aber inhaltlich wäre er wohl einverstanden gewesen: Stephan war der Vater von Uwes Buch, er war auch die Plazenta und die Hebamme. Uwe war die Mutter.

Der Roman war bereits angekündigt, im neuen „Tempo“-Verlag von Hoffmann und Campe, als sich Uwes Gesundheit – schon länger nicht mehr die beste – Ende November 2016 rapid verschlechterte. An Weihnachten kam er ins Krankenhaus. Und am 9. Januar ist Uwe gestorben. „Der Tod“, schrieb er einmal, „ist eine Dame ohne Gnade.“ Zwei Freundinnen öffneten das Fenster, damit Uwes Seele nicht im Krankenhaus gefangen blieb.

Begraben liegt Uwe auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg, dem grössten Parkfriedhof der Welt. In Uwes Grabstein ist eine Parkbank gemeisselt, weil Uwe so gern auf Parkbänken sass.

Wenn Freunde sein Grab besuchen, lassen sie manchmal eine Schlumpf-Figur dort, denn das Lied der Schlümpfe hat in Uwes Buch eine besondere Bedeutung. Es spiegelt, wie er schreibt, „die Absurdität des Daseins und der Welt“.

Auch ich werde eine Schlumpf-Figur auf Uwes Grab legen, wenn ich das nächste Mal in Hamburg bin. Es gibt Schlumpfine als Schutzengel – das passt ganz gut. Und dann werde ich an Uwes Grab ein Jever auf den Freund trinken, den ich nie getroffen habe. Natürlich ein Jever aus der Flasche, Uwe hat nie Bier aus Dosen getrunken.

Das schöne Traurige ist: Auch Marc Fischer liegt auf dem Ohlsdorfer Friedhof. In der Nacht vor seinem Selbstmord hat Uwe noch mit ihm telefoniert. Für seine und Uwes Freundschaft gab es ein Wort: Fischkopp. Uwe hat es im Nachwort zu „Für immer sexy“ erwähnt und sich von Marc mit den Worten verabschiedet: „Adieu, Fisch, bis irgendwann, Dein Kopp“.

Adieu, Uwe, bis irgendwann, Dein Dominik