Die Kunst, Probleme zu lösen

von Dominik Imseng

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KREATIVITÄT ist nicht nur die Domäne von Schriftstellern oder Malern. Sondern die praktischste Sache der Welt. Sie hat dafür gesorgt, dass es uns Menschen überhaupt gibt.

NZZ am Sonntag, 16. Dezember 2018 · Lesedauer 4 Min.

Wenn Sie diesen Text in der Printausgabe der „NZZ am Sonntag“ lesen (das Rascheln von Papier im Ohr und Druckerschwärze an den Fingern), dann möchten Sie vielleicht kurz eines Mannes gedenken, der vor über 500 Jahren die Welt veränderte.

Tatsächlich gilt die von Johannes Gutenberg entwickelte Druckpresse als eine der folgenreichsten Erfindungen überhaupt. In Wahrheit war Gutenberg aber gar kein Erfinder, sondern ein Finder und Verbinder. Denn bei seiner Suche nach einer Technik für den Buchdruck liess sich der Mainzer von der Münzprägung inspirieren: Gutenberg machte aus den bekannten Münzstempeln, die Bilder und Zeichen auf Münzen prägen, „Buchstabenstempel“. Diese bestrich er mit Farbe und nutzte eine umgebaute Weinpresse, um den Text gleichmässig auf einen Bogen Papier zu drucken.

Gutenberg fand also zwei bis dahin unverbundene Ideen – den Münzstempel und die Weinpresse – und kombinierte sie. Tatsächlich bedeutet innovativ zu sein nicht zwangsläufig, etwas völlig Neues zu erschaffen. Vieles, was revolutionär anmutet, ist in Wahrheit eine Kombination von Bestehendem. Erfinden heisst finden und verbinden. 100-prozentige Originalität ist ein Mythos.

Es gibt noch viele weitere Mythen, welche die Themen Innovation und Kreativität umranken. Man sei entweder kreativ oder nicht, heisst es etwa. Oder: Um kreativ zu sein, brauche es den inspirierenden Kuss einer Muse. Kein Wunder, hat Kreativität für die meisten Menschen nichts mit dem realen Leben zu tun. Für sie sind in erster Linie Musiker kreativ, Schriftsteller, Filmemacher, Maler. Doch das Beispiel der Druckpresse zeigt: In Wahrheit ist Kreativität die praktischste und nützlichste Sache der Welt. Sie ist die Kunst, Herausforderungen zu meistern und Probleme zu lösen.

Das wusste nicht erst Gutenberg. Das wussten schon die alten Römer. Als sie merkten, dass ihnen die Karthager in Seeschlachten überlegen waren, erfand ein römischer Schiffsingenieur die Enterbrücke. Sie erlaubte den Legionären, aus einer Seeschlacht eine Feldschlacht zu machen. Und so das zu tun, was sie am besten konnten – den Feind im Schwertkampf besiegen.

Ein zweites Beispiel dafür, wie man mit einer guten Idee ein Problem löst: Als der Regisseur Francis Ford Coppola für eine Filmszene ein rechtsgelenktes Taxi brauchte, aber alle Taxis, die man auftreiben konnte, das Steuerrad auf der linken Seite hatten, liess er ein Taxi-Zeichen in Spiegelschrift auf das Autodach schrauben. Im Schneideraum drehte Coppola den Film einfach um. So war das Taxi-Zeichen nicht mehr in Spiegelschrift. Aber das Steuerrad auf der rechten Seite.

Und ein drittes Beispiel: Als Greenpeace-Aktivisten in den 1970er Jahren Robbenbabys davor bewahren wollten, von Felljägern mit Baseballschlägern hingeschlachtet zu werden, besorgten sich die Tierschützer Sprühfarbe und sprayten auf jedes Robbenbaby, das sie finden konnten, einen hässlichen grünen Fleck. Den Tieren war das egal. Aber den Jägern vermasselte es das Geschäft. Weil sie das Fell der Robbenbabys nun nicht mehr verkaufen konnten.

Noch einmal: Kreativität ist nicht nur die Domäne von Schriftstellern oder Malern, sondern die nützlichste Angelegenheit der Welt. Und eine zutiefst menschliche dazu. Bereits der Homo habilis – unser ältester Vorfahr, der vor zwei Millionen Jahren auftauchte – bearbeitete Steine, damit daraus Werkzeug entstand, mit dem er das Fleisch von den Knochen von Beutetieren ablösen konnte. Aus diesem Grund heisst der Homo habilis Homo habilis: der begabte, geschickte Mensch. Man könnte aber auch sagen: der kreative Mensch, denn der Homo habilis hatte eine Idee: Wenn ich Steine bearbeite, kann ich daraus Werkzeug machen.

Der Homo erectus, der ein paar hunderttausend Jahre später auftauchte, war ebenfalls kreativ. Er hatte die Idee, Feuer zu nutzen, weil dies ein paar fundamentale Probleme löste. Der Homo erectus hatte keine Körperbehaarung, die ihn vor der Witterung schützte, aber er hatte das Feuer, das ihn wärmte. Er hatte keine Angriffsorgane – keine Klauen, kein Gebiss –, aber er hatte das Feuer, das ihn vor wilden Tieren schützte.

Eigentlich hätte der Mensch, den der Philosoph Arnold Gehlen als Mängelwesen bezeichnet hat, aussterben müssen. Aber er tat es nicht. Weil er kreativ war. Kreativität ist für uns Menschen wesentlich. Sie ist unser Betriebssystem. Sie ist die Überlebensstrategie unserer Art.

Suchen Sie noch nach einem Neujahrsvorsatz? Dann haben Sie ihn jetzt gefunden: Lernen Sie die Kunst, Herausforderungen zu meistern. Die Kunst, Probleme zu lösen. Die Kunst, allen Widrigkeiten zum Trotz Erfolg zu haben.

Werden Sie kreativ.