Messias a.D.

von Dominik Imseng

Liam_Gallagher

1996 löste LIAM GALLAGHER eine Schockwelle aus. Mittlerweile ist er nur noch einer von uns.

Weltwoche, 6. Februar 2020 · Lesedauer 2 Min.

Als Hegel 1806 Napoleon in Jena einreiten sah, war er überzeugt, dem „Weltgeist zu Pferde“ zu begegnen. Der Endzweck der Geschichte habe sich erfüllt. Der kaiserliche Revolutionär würde der Menschheit die Freiheit bringen.

190 Jahre später gab es einen weiteren Mann, der die Geschichte zu beenden schien. Es war zwar nur die Geschichte des Rock’n’Roll. Dafür kam der neue Erlöser auch nicht auf einem schnöden Pferd geritten. Er entstieg stattdessen einem Helikopter, um in einem Park im englischen Kaff Knebworth vor 125’000 Menschen aufzutreten. 125’000 Menschen, die davon überzeugt waren, dass niemand je wieder so cool, so arrogant, so wahnsinnig, kurz: so Rock’n’Roll sein würde wie Liam Gallagher, der Frontmann der britischen Band Oasis. Einen Tag später jubelten Gallagher weitere 125’000 Menschen zu, denn Oasis traten gleich zweimal in Knebworth auf.

Nur wenige andere Bands hatten je vor solchen Massen gespielt. Nur wenige andere Bands machten aber auch je einen so grossen Fehler: Statt sich nach den beiden triumphalen Konzerten aufzulösen und dadurch unsterblich zu werden, spielten Oasis als nächstes eine Platte mit zu Tode produziertem Pomp-Rock ein, deren zwölf Songs so überlang waren wie die Kokain-Linien, die die fünf Musiker schnupften. Tatsächlich machte das Album „Be Here Now“ klar, dass Oasis genau dies nicht mehr waren. Sie vertonten nicht mehr das Hier und Jetzt. Sie lieferten nicht mehr den Soundtrack zu einem Lebensgefühl. Vor allem aber offenbarte sich: Liam Gallagher war gar nicht der Rock-Messias, für den ihn die euphorischen Massen in Knebworth gehalten hatten. Nein, Liam Gallagher war nur ein junger Mann mit einem Ohrfeigengesicht, der sein Geld mit dem Stehlen von Fahrrädern verdient hatte, bevor ihn sein grosser Bruder Noel – der musikalische Kopf von Oasis – reich und berühmt machte, indem er die Melodiösität der Beatles mit den krachigen Gitarrenriffs der britischen Glam-Rocker Slade verband.

23 Jahre später ist Liam Gallagher noch immer im Rockzirkus unterwegs, denn vier Kinder von vier Frauen, das kostet. Seine aktuelle Veröffentlichung heisst „Why Me? Why Not?“ Passender wäre der Titel „But why, Liam?!“ gewesen. Tatsächlich ist die Platte dermassen uninspiriert, dass das sogar der Egomane Gallagher gemerkt haben muss. Und dafür sorgte, dass man seine Stimme nicht wiedererkennt, wenn er so mediokre Songs wie „Shockwave“ oder „One of Us“ singt.

Immerhin sind die Titel seiner Lieder ehrlich. Ja, 1996 löste Liam Gallagher eine Schockwelle aus. Mittlerweile ist er nur noch einer von uns.