Die Glücksmaschine

Facebook

Schon eine Million Schweizer sind auf FACEBOOK. Zeit, dass sie erfahren, wofür die Social-Community-Plattform wirklich taugt.

DIE ZEIT online, 7. Januar 2009 · Dominik Imseng auf Twitter

Das Telefon war als Radio gedacht, die Schallplatte als Audiobrief und die Musikkassette zum Diktieren. Denn Alexander Graham Bell, der Mann, der das Telefon erfand, wollte damit ursprünglich Musik übertragen; Thomas Alva Edison entwickelte das Grammophon, um darauf per Post erhaltene Sprachnachrichten abzuspielen; und als Philips 1963 die „Compact Cassette“ präsentierte, war sie nicht für die Aufnahme von Musik vorgesehen, sondern für den Einsatz in Diktiergeräten.

Technologische Neuerungen werden also häufig ganz anders verwendet als geplant. Und offenbaren gerade dadurch ihren wahren Nutzen.

Das ist hoffentlich auch bald bei Facebook der Fall. Denn bei der 2004 lancierten Social-Community-Plattform, die in der Schweiz schon eine Million Mitglieder hat, geht es in Tat und Wahrheit nicht darum, möglichst viele Freunde zu haben (ein gewisser Steve Hofstetter hält den Rekord mit 200’000). Es geht auch nicht darum zu wissen, was für Musik sie am liebsten hören und welche Bücher sie am liebsten lesen, mit wem sie heute zu Mittag essen und am Abend ausgehen werden.

Nein: Wenn Sie sich nur aus solchen Gründen bei Facebook einloggen, verkennen Sie seinen wahren Nutzen. Nämlich den herauszufinden, wer Ihre Feinde sind. Denn das sind die, die Ihnen Facebook dauernd als Personen vorschlägt, die Sie womöglich kennen und darum in Ihren virtuellen Freundeskreis aufnehmen sollten, wobei Ihnen jemand umso häufiger vorgeschlagen wird, je mehr Freunde Sie gemeinsam haben. Aber Sie senden dieser Person nie eine Freundschaftsanfrage. Und sie sendet Ihnen auch nie eine. Lustig: Im Offline-Leben waren Sie immer scheissfreundlich zueinander, aber jetzt, auf Facebook, da finden Sie: „Nein, ich tu’ jetzt so, als würde mir diese Person durch einen dummen Zufall gar nie als jemand vorgeschlagen, den ich vielleicht kenne.“ Wie gesagt: Im wirklichen Leben wäre das völlig anders, da würden Sie diese Person herzlich begrüssen, wenn sie Ihnen irgendwo über den Weg liefe, aber jetzt, auf Facebook, ignorieren Sie sie einfach. Beziehungsweise: gestehen Sie sich ein, dass Sie sie im Grunde überhaupt nicht mögen, denn sie ist zu ehrgeizig oder ein Schleimer oder redet hinter Ihrem Rücken schlecht über Sie.

Doch jetzt müssen Sie noch einen Schritt weiter gehen. Denn das mit dem „Ich tu’ jetzt so, als würde mir diese Person durch einen dummen Zufall gar nie als jemand vorgeschlagen, den ich vielleicht kenne“, das ist natürlich feige, da Sie Ihre Gefühle für sich behalten. Immer dann aber, wenn Ihnen jemand eine Freundschaftsanfrage schickt, haben Sie die einmalige Chance, dem diffus-verlogenen Freundlichsein der Realität klare Verhältnisse gegenüberzusetzen. Weshalb ich für den virtuellen Fehdehandschuh in Form einer zusätzlichen Facebook-Funktion plädiere. Nicht nur „Ignorieren“ sollte man nämlich eine Freundschaftsanfrage können, denn das lässt die betreffende Person im Ungewissen darüber, warum man sie nicht als Freund akzeptiert: War man eine Weile nicht mehr auf Facebook? War man statt auf der Startseite, wo die Freundschaftsanfragen zu sehen sind, auf der Profilseite? War man schlicht zu beschäftigt, um sich um die Erledigung all der Freundschaftsanfragen zu kümmern? Nein: Nicht nur „Ignorieren“ sollte man eine Freundschaftsanfrage können, sondern klar und deutlich ABLEHNEN, AUSSCHLAGEN, ZURÜCKWEISEN, SICH VERBITTEN. Denn das, ja genau das ist der wahre Nutzen von Facebook: herausfinden, wenn man im Grunde überhaupt nicht braucht in seinem Leben. Ballast abwerfen. Glücklich werden.

Im Oktober 2007 zahlte Bill Gates für 1.6 Prozent der Facebook-Aktien 240 Millionen Dollar.

Sie wären auch zehnmal mehr wert gewesen.