Die Wunderjahre

Achtziger+Jahre

Kabel 1 bringt eine Woche lang die ACHTZIGER zurück. Ist das zu viel? Nein, zu wenig.

TELE, 23. Oktober 2013 · Dominik Imseng auf Twitter

Für die Fönfrisuren gäbe es heute lebenslänglich – und doch werden den Achtzigern mehr Sendeminuten gewidmet als jedem anderen Jahrzehnt. Zumindest von den deutschen Privatsendern, die so die zahlungskräftige Zielgruppe der Mittvierziger bedienen, die als Teenager die „Eighties“ besonders intensiv erlebten.

Doch nicht nur die erhofften Werbegelder halten die Achtziger im TV dauerpräsent: Das Jahrzehnt hat eine Menge zu bieten, vor allem musikalisch. Von ABC über Depeche Mode und New Order bis hin zu Yazoo: Die stete Suche nach dem perfekten Popsong liess die Achtziger zum Musik-Eldorado werden. Verglichen mit DJ Bobo sind sogar die kompositorischen Verbrechen von Modern Talking Pop-Perlen.

Apropos: Noch selten traf „Nomen est omen“ so sehr zu wie für den Modern-Talking-Sänger Thomas Anders. Denn der war tatsächlich anders: Lange dunkle Locken, Lipgloss, Falsettstimme – derart weiblich war zehn Jahre früher erst der erklärte Bisexuelle David Bowie aufgetreten. Und auch die Frauen verwischten in den Achtzigern die Geschlechtergrenzen: Annie Lennox von den Eurythmics trug einen schwarzen Anzug und Krawatte, die rot gefärbten Haare raspelkurz geschoren. Immerhin: Bei ihr und Anders war noch auf den ersten Blick ersichtlich, wie die X- und Y-Chromosomen verteilt waren. Das fiel bei Boy George, dem Sänger von Culture Club, schon schwerer. War er eine Frau? Ein Mann? Beides? Weder noch? Auch Boy George schien zuletzt von sich überfordert: Nach einer überwundenen Heroinsucht versucht er demnächst ein Comeback.

Nicht Heroin jedoch war die Droge der Achtziger, sondern der weisse Teufel aus den Anden: Kokain, der Rausch der Kälte und des Grössenwahns – und der des Wiener Skandalsängers Falco („Jeanny“), der mit seinen teuren Anzügen und zurückgegelten Haaren wie kein Zweiter die Achtziger verkörpert. Zumindest in den Augen jener, die dieses Jahrzehnt mit tumbem Egoismus und Hedonismus verbinden.

Das Gegenteil ist der Fall. Oder besser: Das Gegenteil ist auch der Fall. Denn die Achtziger sind ein Neben- und Durcheinander. Während die Yuppies vom grossen Geld als Wallstreet Broker träumten, kämpften die ersten Grünen gegen Atomkraftwerke, und während sich die New Waver ganz in Schwarz kleideten, trugen die neo-hippiesken Alternativen Batik-Shirts. Diese Zersplitterung in Subkulturen und Szenen macht die Achtziger bis heute fürs Fernsehen so interessant. Wobei Madonna schon damals bewies, dass man nicht nur den Lover von Platte zu Platte wechseln konnte, sondern auch die Identität.

Dieses Changieren und sich nicht Festlegen werfen Kritiker allerdings den Achtzigern vor, gerne unter dem Titel „Postmoderne Beliebigkeit“. Tatsächlich liegt darin ihr grösstes kulturelles Verdienst. Zeichneten sich frühere Jahrzehnte durch die strikte Trennung von Unterhaltung und Tiefgang, Mainstream und Untergrund aus, mischten die Achtziger alles fröhlich durcheinander. Mit weitreichenden Folgen, auch für das TV-Programm: Sendungen wie „10 vor 10“, die Information mit Entertainment paaren, wären ohne die Achtziger undenkbar. Und auch über das Fernsehen hinaus wirken die Jahre zwischen der Wahl von Ronald Reagan und dem Fall der Berliner Mauer nach: von Frisurentrends (siehe die aktuelle Miss Schweiz) bis zur Popmusik (höre die britische Band Hurts).

Ja, den wachsenden Einfluss der Achtziger beweist in aller Deutlichkeit Google: Wer nach „Sixties Revival“ sucht, bekommt 18’500 Ergebnisse geliefert. Bei „Seventies Revival“ sind es 14’200. Und bei „Eighties Revival“? Stolze 24’500.

In diesem Sinne: Eighties forever.

Fülle des Wohllauts: Die zehn besten Platten der Achtziger
Human League „Dare“ (1981) Nach den Krautrock-Experimenten auf den ersten beiden Alben entschied sich die Band aus dem britischen Sheffield für die Suche nach dem perfekten Popsong – und wurde mit dem letzten Track auf „Dare“ fündig: der Über-Hymne „Don’t You Want Me“. ABC „The Lexicon of Love“ (1982) Nicht nur die eleganteste Popmusik der Achtziger, sondern auch die intelligenteste – dank der zynischen Texte von Sänger Martin Fry. Trotzdem (oder gerade deshalb) machten ABC danach mit „Beauty Stab“ ein Rockalbum. Roxy Music „Avalon“ (1982) Heute gibt Bryan Ferry nur noch den Dandy. Damals aber sorgte er mit seiner Band Roxy Musik für 1A-Musik. Der Engtanz-Klassiker „Avalon“ macht sogar das in den Eighties sehr beliebte Saxophon-Solo erträglich. Yazoo „Upstairs at Eric’s“ (1982) Für das Debüt von Depeche Mode fielen Vince Clarke nur die einfältigsten Melodien ein. Ein Jahr später war er der begnadetste Komponist der Popwelt – noch ein Rätsel, für das die Menschheit keine Erklärung hat. Depeche Mode „Construction Time Again“ (1983) Mittlerweile macht die Band um Sänger David Gahan länger schlechte Musik, als sie gute gemacht hat. 1983 aber spielten Depeche Mode auf 56 Spuren 42 Minuten und 33 Sekunden für die Ewigkeit ein. Eurythmics „Sweet Dreams“ (1983) Dave Stewart hielt beim Abmischen in jeder Hand eine Zange – er wollte, dass der Synthie-Sound nicht zu steril wird. Seine Sorge war unbegründet: Mehr Soul als Sängerin Annie Lennox hatte damals niemand. Heaven 17 „The Luxury Gap“ (1983) Schöner als auf „Let Me Go“ blubberte ein Bass-Synthesizer nie wieder. Dass die Band mit der Produktion von „Let’s Stay Together“ der alternden Tina Turner zum Comeback verhalf, bleibt allerdings unverzeihlich. Tears for Fears „The Hurting“ (1983) „Everybody Wants to Rule the World“ findet sich auf jedem zweitklassigen Eighties-Sampler. Richtig gut waren die Ur-Emos zwei Jahre früher – auf ihrer Psychotherapie-Verarbeitungsplatte „The Hurting“. Frankie Goes to Hollywood „Welcome to the Pleasuredome“ (1984) Für den Namen seiner Jugendband Hollycaust hätte es Holly Johnson verdient, erfolglos zu bleiben. Trotzdem dominierten Frankie Goes to Hollywood 1984 die Charts wie keine andere Band. Pet Shop Boys „Please“ (1986) Das Debüt der einzigen Eighties-Band, die ein Vierteljahrhundert später immer noch gute Musik macht. Auch weiss niemand mehr über die Liebe als Sänger Neil Tennant: „I Don’t Know What You Want But I Can’t Give It Anymore.“