Braune Eminenz

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Constantin Seibt? Daniel Binswanger? Rudolf Strahm? Schön wär’s. Der Schweizer Publizist mit dem grössten politischen Einfluss ist ARMIN MOHLER, geistiger Vater von Pegida und Alternative für Deutschland.

Schweizer Journalist, 6. Oktober 2016 · Dominik Imseng auf Twitter

Er ist seit 13 Jahren tot und doch so lebendig wie noch nie: Armin Mohler, Schweizer Publizist und geistiger Ziehvater der Alternative für Deutschland, die derzeit einen Grosserfolg nach dem andern feiert. Zuletzt bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern, wo sie die CDU rechts überholte, und in Berlin, wo sie aus dem Stand auf 14.2 Prozent der Stimmen kam.

1920 in Basel als Sohn eines Eisenbahnbeamten geboren, liebäugelte Mohler erst mit dem Kommunismus, aus Protest gegen die „spiessige Selbstgerechtigkeit meiner schweizerischen Landsleute“, wie er meinte. Nachdem aber Nazi-Deutschland in die Sowjetunion eingefallen war, ging der Student der Kunstgeschichte im Februar 1942 schwarz über die elsässische Grenze und meldete sich als Freiwilliger zur Waffen-SS. Doch schon bald verging dem Reisläufer die Lust, an der Ostfront zu verbluten, und Mohler kehrte in die Schweiz zurück. Dort erwartete ihn das Urteil des Militärgerichts: sechs Monate Festungshaft wegen unerlaubten Grenzübertritts, versuchter Schwächung der Wehrkraft und Dienstversäumnis.

Nach Verbüssung der Strafe und einem Sanatoriumsaufenthalt wegen einer Tuberkuloseinfektion studierte Mohler ab Sommer 1944 wieder in Basel, nun mit Philosophie im Hauptfach. 1949 promovierte er bei Karl Jaspers und Hermann Schmalenbach mit einer Arbeit über „Die Konservative Revolution in Deutschland“. Mit der paradoxen Formel bezeichnete Mohler das Wirken von deutschen Rechtsintellektuellen wie Ernst Jünger oder Carl Schmitt, die nach dem Ersten Weltkrieg die Parlamente der Weimarer Republik als „Schwatzbuden“ verhöhnten und dem Liberalismus vorwarfen, dass an ihm „die Völker zugrunde gehen“ würden.

Die Diffamierung zahlte sich aus. Die Konservative Revolution bereitete der nationalsozialistischen Machtergreifung den Boden, indem sie die Fundamente der noch jungen Weimarer Republik abtrug. Das sah der „Führer“ genauso: „Sie haben alles, was mir fehlt“, meinte Hitler zum Konservativen Revolutionär Arthur Moeller van den Bruck: „Sie erarbeiten das geistige Rüstzeug zu einer Erneuerung Deutschlands. Ich bin nichts als ein Trommler und Sammler. Lassen Sie uns zusammenarbeiten.“

Mohlers Sympathie für die deutschen Rechtsintellektuellen der Weimarer Jahre war unverkennbar. Mit gewagten Konstruktionen und gezielten Auslassungen wollte er sie vom Vorwurf befreien, Steigbügelhalter Hitlers gewesen zu sein. „Ihre Arbeit ist eine grossangelegte Entnazifizierung“, meinte denn auch Karl Jaspers, als er Mohlers Dissertation widerwillig annahm. „Aber so sind wir Philosophieprofessoren nun einmal: Wir züchten unsere Schlangen an unserer eigenen Brust.“

Seine Doktorarbeit und ein lobender Essay in der „Weltwoche“ trug Mohler, der damals auch für die „Basler Nachrichten“ und die NZZ schrieb, das Wohlwollen von Ernst Jünger ein, dem wohl bekanntesten Konservativen Revolutionär. 1949 engagierte der Blut-und-Waffen-Barde („In Stahlgewittern“) den Basler als Privatsekretär. Da aber Jünger nicht mehr vom „Kampf als innerem Erlebnis“ schwärmen mochte und seine Vorkriegsschriften für Neuausgaben entschärfte, protestierte Mohler in einem Artikel öffentlich gegen die „Selbstverstümmelung“ seines Meisters.

Es kam zum Bruch und Mohler ging 1953 als Frankreichkorrespondent der Zürcher „Tat“ nach Paris. Chefredaktor Erwin Jaeckle und Feuilletonleiter Max Rychner – beides Liberale – teilten seine politischen Präferenzen zwar keineswegs, sahen in ihnen aber mehr eine Bereicherung als eine Gefahr. Dieser Ansicht war auch Marion Gräfin Dönhoff, die Mohler von 1955 an über 200 Artikel für die „Zeit“ schreiben liess.

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„Grossangelegte Entnazifizierung“: Mohler mit Greta und Ernst Jünger, 1950

Das Frankreich, aus dem der Basler berichtete, musste gerade zusehen, wie sich sein Empire in Luft auflöste. Indochina war schon verloren, in Algerien tobte ein brutaler Krieg. 1955 kam es zur Gründung der UDCA, einer Partei, die sich für die Verteidigung des Kolonialreichs einsetzte und keine Berührungsängste mit Antisemiten kannte. 1956 erreichte sie 11.6 Prozent der Stimmen und konnte 52 Abgeordnete in die Nationalversammlung entsenden, darunter einen gewissen Jean-Marie Le Pen.

Mohler war voller Sympathie für die neofaschistischen Tendenzen in Frankreich. Den Untergang der maroden Vierten Republik sah er voraus. Als diese im Oktober 1958 durch die Fünfte Republik abgelöst wurde, mit einem mächtigen, von der Legislative weitgehend unabhängigen Präsidenten an der Spitze, wurde Mohler zum Verehrer de Gaulles, vor allem als der General Frankreich zur Atomstreitmacht aufrüstete und den USA die Stirn bot, indem er Rotchina anerkannte.

Mit Atomwaffen, wiedervereinigt und unter autoritärer Herrschaft – so sollte sich auch Deutschland in Zukunft jeglichen Einfluss der Amerikaner verbitten, fand Mohler. Franz Josef Strauss, den der Basler für einen deutschen de Gaulle hielt, war allerdings nicht bereit, sich an die Spitze einer „nationalen Volkspartei“ rechts von CDU/CSU zu stellen, um Deutschland „aus einem Objekt der Politik wieder zu einem Subjekt“ zu machen, wie Mohler forderte.

Gleichwohl vermochte es der Publizist, sich nach seiner Rückkehr aus Paris Gehör zu verschaffen. Von 1964 bis 1984 amtete Mohler als Geschäftsführer der Carl Friedrich von Siemens-Stiftung in München. Rasch machte er das finanzkräftige Institut, dessen Namensgeber das Nazi-Regime unterstützt hatte, zum Zentrum des bundesdeutschen Neofaschismus. Bei Vorträgen und Symposien („Der Ernstfall“, „Die deutsche Neurose“, „Wirklichkeit als Tabu“) brachte Mohler Spitzenkräfte der deutschen Wirtschaft und Politik mit tendenziösen Publizisten und Wissenschaftlern zusammen. Besonders gerne lud Mohler Genetiker und Verhaltensforscher ein, so etwa den umstrittenen Psychologen Hans J. Eysenck, der die „Gleichheit der Menschen“ als „unhaltbare ideologische Doktrin“ geisselte.

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„Kulturrevolution von rechts“: Mohler 1965

Mohlers Plan ging auf, die Grenzen verschwammen. Rechtsliberal traf auf rechtsextrem, nationalkonservativ auf nationalistisch. Gleichzeitig nutzte er seine über die Jahre hin aufgebauten Medienkontakte. Er schrieb für „Christ und Welt“, die damals einflussreiche Wochenzeitung der evangelischen Kirche, deren Chefredaktor Giselher Wirsing die NS-Auslandsillustrierte „Signal“ gemacht hatte. Er publizierte im „Bayernkurier“, der konservativen Wochenzeitung der CSU, und schrieb – unter dem Pseudonym Michael Hintermwald – für Gerhard Freys rechtsextreme „National-Zeitung“. Im Auftrag des Springer-Verlags, für dessen „Welt“ Mohler ebenfalls tätig war, beteiligte sich der Basler im Herbst 1966 an der Konzeption eines konservativen Magazins namens „Die Republik“.

Ein Vorhaben, das allerdings genauso scheiterte wie die akademische Karriere Mohlers, der sich – mittlerweile Autor von Büchern wie „Die französische Rechte“ oder „Was die Deutschen fürchten“ – 1967 in Innsbruck habilitierte. Zu offen forderte er (als „unbelasteter“ Schweizer, der vermeintlich alles sagen darf), dass sich die Deutschen endlich von Auschwitz als Dreh- und Angelpunkt ihres politischen Selbstverständnisses verabschieden und ihr Augenmerk erneut auf „völkische“ Einheit und nationale Grösse richten sollten.

Das Ende seiner akademischen Karriere tat Mohlers Projekt einer Neuorganisation der deutschen Rechten allerdings keinen Abbruch. Er schrieb fleissig für die 1970 gegründete ultrakonservative Zeitschrift „Criticón“, die sein Schüler Caspar von Schrenck-Notzing als Gegenstimme zur „Kulturrevolution“ von 1968 gegründet hatte. „Criticón“ verstand sich als Sprachrohr der in Deutschland entstehenden Neuen Rechten und berief sich mit Vorliebe auf einen weiteren von Mohler hochgeschätzten Konservativen Revolutionär: Carl Schmitt.

Der Anwalt der nationalsozialistischen Machtergreifung hatte die „Würde des Volkes“ und nicht die des Menschen für unantastbar gehalten. Menschenrechte waren ihm „Eselsrechte“, „liberales Vorurteil“. „Der Rechtsbegriff Mensch“, so Schmitt, „verdeckt und verfälscht die Verschiedenheit der Volksgenossen, Reichsbürger, Juden usw.“ An die Stelle der Rechtsgleichheit trat bei ihm der Grundsatz der „Artgleichheit“, ohne den „der nationalsozialistische Staat nicht bestünde“.

Auch in Frankreich entstand eine Nouvelle Droite, die bedeutenden Einfluss gewann, da einige ihrer Vertreter in der Redaktion des „Figaro Magazine“ sassen. Das war ganz im Sinne des Vordenkers der Bewegung, des Publizisten Alain de Benoist, der sein Idol Mohler schon 1964 in München besucht hatte. Benoist bediente sich der „metapolitischen“ Theorien des Italieners Antonio Gramsci, um seine Ziele zu erreichen. Der marxistische Philosoph war in den 1920er Jahren der Meinung, dass der effizienteste Weg zur Eroberung politischer Macht über die Erringung der „Diskurshoheit“ im „vorpolitischen Raum“ führe. Durch publizistische Tätigkeiten und die Mitarbeit in Vereinen und Verbänden solle die Bereitschaft zur Akzeptanz bestimmter ideologischer Inhalte geschaffen und so die öffentliche Meinung beeinflusst werden. Sei das Ziel einer „kulturellen Hegemonie“ einmal erreicht, sei die Gesellschaft reif für einen Umsturz der Verhältnisse.

Wer die Geschicke Deutschlands nach der erfolgreichen „Kulturrevolution von rechts“ leiten sollte, war für Mohler Mitte der 1980er Jahre klar. Er engagierte sich für seinen „alten Freund“ Franz Schönhuber, der mit den Republikanern eine Partei rechts von CDU/CSU etablieren wollte. Mohler war denn auch massgeblich an der Formulierung des ersten Positionspapiers der Partei beteiligt, das am 16. Juni 1985 als „Siegburger Manifest“ verabschiedet wurde. Hauptorgan für seinen publizistischen Kulturkampf wurde in jener Zeit die Rechtspostille „Junge Freiheit“, für die Mohler die „Notizen aus dem Interregnum“ schrieb. Der Titel sollte verdeutlichen, dass die Epoche zwischen dem Dritten und dem kommenden Vierten Reich nur eine illegitime „Zwischenzeit“ sei, die eine Phase des Umbruchs vorbereite.

Armin Mohler (1920–2003):

„Was man den guten Teil am Nationalsozialismus nennt, das nenne ich Konservative Revolution.“

„Der Feind Nr. 1 ist nicht der Kommunist, sondern der Liberale. Erst wenn uns der Liberalismus kaputt gemacht hat, wird uns der Kommunismus fressen.“

„Als harte Kerne zwischen den Trümmern erweisen sich die Völker, die sie selbst sein wollen.“

„Da wir die Besiegten von 1945 sind, müssen wir vorerst Sklavensprache sprechen. Wir haben nur die Wahl zwischen Sklavensprache und gar keiner Sprache.“

Mit der deutschen Wiedervereinigung schien der Basler – die „kluge Spinne im neurechten Netz“ (Peter Glotz) – seinen grossdeutschen Zielen näher zu kommen. Er und mit ihm liierte Publizisten – so etwa Arnulf Baring oder Bernard Willms – predigten immer offener die Nationalisierung der deutschen Konservativen, forderten den „Sonderweg“, weibelten für die „selbstbewusste Nation“, auch in den Feuilletons der FAZ oder der „Welt“.

Die Folge: Mitte der 1990er Jahre etablierte sich die bundesdeutsche Restauration in bester Gesellschaft. Wolfgang Schäuble – designierter Kohl-Nachfolger – sprach bereits wieder von der Nation als „Schutz- und Schicksalsgemeinschaft“. Ebenso unverblümt bedauerte er, „zu den neuen Bundesländern statt Mitteldeutschland Ostdeutschland“ sagen zu müssen, wo wir doch alle wüssten, „dass Ostdeutschland weiter östlich liegt“ – in den nach dem Krieg Polen zugeschlagenen Gebieten jenseits der Oder-Neisse-Linie.

Auch einstige Linke begannen, sich zu nationalisieren. Für den österreichischen Publizisten Günther Nenning – gelegentlicher „Club 2“-Moderator – war das Anti-Ausländer-Volksbegehren von Jörg Haiders FPÖ eine „Überlebensfrage“: „Wir haben immer unterschrieben“, so Nenning in seinem Buch „Die Nation kommt wieder“, „dass die Tibeter nicht von den Chinesen überfremdet werden, sondern Tibeter bleiben dürfen – jetzt müssen wir bei uns unterschreiben. Ja, es gibt das Menschenrecht, bei sich heimisch zu bleiben, ohne überrollt zu werden.“ Damit griff Nenning Benoists Forderung eines „Ethnopluralismus“ auf, mit der der Vordenker der Nouvelle Droite sein wahres Ziel – die Wiederherstellung der „völkischen Reinheit“ – zu kaschieren versucht.

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„Ich bin ein Faschist“: Mohler im Jahr 2000

Eher erstaunlich darum das Urteil der NZZ anlässlich von Mohlers Tod im Juli 2003, dass er „mit seinem Versuch, die konservative Intelligenz in Deutschland zu sammeln und zu einem Gegenpol zur liberalen und linken Öffentlichkeit zu machen“, gescheitert sei. Tatsächlich hatten zwei von Mohlers Schülern – der Publizist Götz Kubitschek und der Historiker Karlheinz Weissmann – schon im Mai 2000 das Institut für Staatspolitik (IfS) gegründet, um Mohlers politischen Nachlass zu pflegen; eine Art Think Tank der Neuen Rechten mit dem Ziel, Extrempositionen in gemässigte Kreise hineinzutragen.

Kubitschek, der Mohlers Grabrede hielt, brüstet sich gern, dass die Veranstaltungen des IfS häufig von AfD-Mitgliedern besucht würden. Gleichzeitig tritt er bei Pegida-Demonstrationen als Hauptredner auf und gilt als geistiger Vater des deutschen Ablegers der rechtsextremen Identitären Bewegung. Diese stört regelmässig Veranstaltungen, die nicht in ihr Weltbild passen, vor ein paar Wochen etwa ein Gespräch zwischen Jakob Augstein, dem Herausgeber der linksliberalen Wochenzeitung „Der Freitag“, und der früheren Bischöfin Margot Kässmann. „Wer glaubt, man erkenne den Nazi an kurzen Haaren und schwarzen Springerstiefeln, der irrt sich. Der Nazi ist heute der nette Student von nebenan“, kommentierte Augstein die Aktion, die ihn an das Berlin der 1930er Jahre erinnerte.

In Frankreich entstanden, kämpft die Identitäre Bewegung – als eine Art SA der AfD – gegen den „Grossen Austausch“. Der Begriff stammt von Renaud Camus, dem Stichwortgeber des Front National. Kubitschek hat dessen gleichnamiges Manifest gegen die Einwanderung in seinem Verlag Antaios veröffentlicht. Dort erscheint auch das Magazin „Sezession“, dessen Attacken gegen die Werte der Aufklärung und den liberal-demokratischen Rechtsstaat inzwischen sogar der „Jungen Freiheit“ zu radikal sind.

Dafür kommt von einer anderen Seite Schützenhilfe. In den vergangenen Monaten ist eine breite Front von deutschen Intellektuellen entstanden, welche die Thesen der AfD unterstützen und sie dadurch salonfähig machen. So hat etwa der deutsche Starphilosoph Peter Sloterdijk, dessen früherer wissenschaftlicher Mitarbeiter Marc Jongen stellvertretender Sprecher und Programmkoordinator der AfD Baden-Württemberg ist, Anfang Jahr in einem Gespräch mit dem Magazin „Cicero“ von der „Überrollung“ durch Flüchtlinge gesprochen und davon, dass „es keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung“ Deutschlands gebe.

Auch andere bekannte Intellektuelle wie die Schriftstellerin Monika Maron oder der Publizist Rüdiger Safranski sehen Deutschland am Rand des Zusammenbruchs. Maron warnte vor einem „nicht absehbaren Flüchtlingsstrom“, der „Deutschland in seinem politischen und kulturellen Fundament“ gefährde. Safranski beklagte, dass Angela Merkel die Entscheidung getroffen habe, „Deutschland zu fluten“. Und der Publizist Thilo Sarrazin, ehemaliges Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, warnte schon 2010 in einem Mega-Bestseller apokalyptisch: „Deutschland schafft sich ab“.

Der Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke konstatiert denn auch einen „Tabubruch“ der deutschen Intellektuellen, wie er in „unserer postnationalen Republik seit 1945“ nicht mehr vorgekommen sei. Sloterdijk, Maron, Safranski und Sarrazin würden sich an die Spitze einer neuen Konservativen Revolution stellen. Ihre Äusserungen vermittelten den Eindruck, Deutschland befände sich in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand.

Das ist ganz im Sinne des Mohler-Jüngers Götz Kubitschek. Im „Ernstfall“, meinte dieser, zähle nur die Frage: „Teil unseres Volkes“ oder eben nicht. Im drohenden Bürgerkrieg werde jeder sofort wissen, „wer Wir ist und wer Nicht-Wir“. Dies entspricht präzis der Freund-Feind-Unterscheidung, die für Carl Schmitt das Wesen der Politik ausmachte.

Pegida auf der Strasse, die Alternative für Deutschland in immer mehr Landtagen, die pöbelnde Identitäre Bewegung als ihr Stosstrupp und ein Rechtsruck, der die deutschen Intellektuellen erfasst: Geht die Saat, die Armin Mohler in jahrzehntelanger Wühlarbeit gesät hat, derzeit machtvoll auf?


Karl Schmid statt Carl Schmitt

„Christoph Blocher: Der konservative Revolutionär“. Wer den Titel von Markus Somms Biographie des Volkstribuns liest, könnte annehmen, dass der SVP-Übervater von Armin Mohler inspiriert wurde. „Ich kenne diesen Herrn nicht“, meinte jedoch Blocher auf eine entsprechende E-Mail-Anfrage des „Schweizer Journalist“.

Wenn dem wirklich so wäre, müsste man sich um den Geisteszustand des 75-Jährigen Sorgen machen. Es ist schwer vorstellbar, dass Blocher noch nie vom wichtigsten Vordenker der deutschen Neuen Rechten gehört haben will. Viel wahrscheinlicher ist, dass er nicht mit einem Mann in Verbindung gebracht werden möchte, der sich offen als Faschist bezeichnete. Zu einem engeren Kontakt mit Mohler scheint es aber tatsächlich nicht gekommen zu sein. Karlheinz Weissmann, der eine umfangreiche – wenn auch affirmative – Mohler-Biographie vorgelegt hat (Edition Antaios, 2011), weiss im Telefongespräch mit dem „Schweizer Journalist“ nichts von einem geistigen Austausch zwischen den beiden.

Das erstaunt den Schweizer Historiker Thomas Zaugg nicht. „Blochers politische Weltanschauung schöpft aus anderen Quellen“, meint dieser auf Anfrage des „Schweizer Journalist“. In seinem Buch über „Blochers Schweiz. Gesinnungen, Ideen, Mythen“ (NZZ Libro, 2014) zählt Zaugg zu Blochers wichtigsten Inspiratoren politische Poeten der Aktivdienstgeneration wie Emil Egli, Peter Dürrenmatt, Georg Thürer oder Karl Schmid.

Diese liessen die Mythen von Tell, dem Rütli und den Schlachten der alten Eidgenossen wieder aufleben und verstanden die Schweiz als „Kleinod im Zeitalter der Extreme“, so Zaugg. Er sieht darum in der SVP primär keine rechtspopulistische Partei nach europäischem Vorbild, sondern eine Fortführung der „geistigen Landesverteidigung“. Wo sich diese erst gegen Nazi-Deutschland und später gegen den Kommunismus richtete, bringt Blocher ihre Geschütze seit den 1980er Jahren gegen die UNO oder die EU in Stellung.