Der längste Trip

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7000 km über Land: Der HIPPIE-TRAIL von Istanbul über Teheran und Kabul nach Delhi und Kathmandu ist eine der legendärsten Reisen überhaupt. Vor 50 Jahren brachen die ersten Blumenkinder auf gen Osten.

NZZ am Sonntag, 28. Mai 2017 · Dominik Imseng auf Twitter

Die Mütter weinten, die Väter schüttelten den Kopf. Vor 50 Jahren begannen Heerscharen junger Westler, auf dem Landweg nach Asien zu reisen. Quer durch die Türkei, den Iran, Afghanistan und Pakistan bis nach Indien und hoch nach Nepal. Mindestens einige Wochen brauchten sie für die gut 7000 km, meistens aber mehrere Monate und manchmal ein paar Jahre.

Nicht alle, die sich auf den sogenannten Hippie-Trail begaben, waren Blumenkinder, die der Enge und Spiessigkeit der Konsumgesellschaft entflohen. Manche waren einfach neugierig, wie es anderswo aussah, hatten Wind unter den Füssen und ein Kribbeln in den Beinen. Abenteuerlust, Freiheitsdrang, die Suche nach sich selbst schwangen mit. Das Flugzeug als Transportmittel lehnten selbst diejenigen Reisenden ab, die dafür reich genug waren. Ihr Körper sollte nicht schneller in Asien ankommen als die Seele.

Wie war es so auf dem Hippie-Trail? Besteigen wir eine Zeitmaschine, gebaut aus Erinnerungsbüchern, Tagebucheinträgen, Dokumentarfilmen und Gesprächen mit ehemaligen Weltenbummlern, und reisen zurück in die 1960er und 1970er Jahre.

Die erste Station der Morgenlandfahrer war Istanbul, wo seit jeher Okzident und Orient, Moderne und Tradition verschmelzen. Das Restaurant Lale gleich neben der Hagia Sophia war der Treffpunkt der Globetrotter. Ganz egal, auf welchen Wegen sie an den Bosporus gelangt waren – im Pudding Shop, wie die Backpacker das Lale wegen seiner Süssspeisen nannten, kehrten alle ein. Hier konnte man Kontakte knüpfen und Wissenswertes erfahren. Wo war das iranische Konsulat und wann war es offen? Welche Impfungen waren nötig und welcher Arzt hatte saubere Spritzen? Der Pudding Shop war die grosse Informationsbörse, sein Schwarzes Brett so voll mit Zetteln, dass man die neusten Hinweise mit Nägeln befestigte („Dieter! Sind schon mal los! Wir sehen uns in Delhi!“).

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Informationsbörse für Morgenlandfahrer: Das Restaurant Lale in Istanbul

Gleich vor dem Lokal starteten die Busse Richtung Iran, wobei der Wirt auch mal einen Stuhl mitgab, wenn alle Plätze besetzt waren. Auf qualmenden Fähren, die mit einer dicken Rostschicht überzogen waren, ging es über den Bosporus nach Asien und dann quer durch ganz Anatolien. Nur wenige Backpacker machten in Kappadokien mit seinen bizarren Vulkanlandschaften Halt und übernachteten in Höhlen, die die ersten Christen in den weichen Tuffstein gegraben hatten. Meist ging es direkt über Konya und Erzurum in zwei Tagen zur iranischen Grenze, am Berg Ararat vorbei, wo die Arche Noah gestrandet sein soll.

Das Ende der Türkei kündigte sich oft mit kilometerlangen Staus an. Während die Räder fast stillstanden, rollten die Hippies unter den Backpackern gewaltige Joints, um ihre Vorräte aufzubrauchen. Was an Drogen übrig blieb, flog aus dem Fenster. Grund dafür waren die rigorosen Kontrollen der iranischen Zöllner. Rucksäcke und Taschen mussten geleert und der Inhalt auf dem Boden ausgebreitet werden. Danach nahmen die Beamten des Schahs Bus- und Autositze auseinander. Zusammen mit den Visa- und Impfformalitäten dauerte die Einreise in den Iran oft Stunden und liess Zeit, die Rückkehrer aus dem Osten zu betrachten, die den Hippie-Trail schon hinter sich hatten. Die meisten trugen indische Kleidung, waren braungebrannt und mager. Einige sahen aber auch ziemlich ungesund aus, mit gelblicher Haut und eingefallenen Wangen. Was mochte im Orient nur mit ihnen passiert sein?

Die Laune der Reisenden wurde während der Weiterfahrt nach Teheran nicht besser, denn der Iran galt als ungeliebtes Durchgangsland. Zwar waren die Strassen endlich wieder geteert, die Toiletten und Waschräume sauber, das Hahnenwasser trinkbar. Doch der Schah auf dem Pfauenthron, der im Westen von jeder Illustrierten lächelte, in Wahrheit aber ein folternder Despot war, taugte nicht als Hippie-Idol. Kam hinzu, dass der Iran auf der Reise nach Osten das Portemonnaie der Globetrotter am meisten strapazierte. In Teheran reichte es darum oft nur für das verlauste Hotel Amir Kabir, gleich neben dem Grossen Basar. Zum Loch in der Reisekasse trug bei, dass etliche Backpacker in Istanbul über den Tisch gezogen wurden: Ihr Busticket bis Kabul war in Wahrheit nur bis Teheran gültig. Die wenigsten Globetrotter nutzten darum die Zeit bis zur Erteilung des Visums für Afghanistan, um nach Süden zu reisen und mehr vom Iran zu sehen: die Windtürme von Yazd, die Lotfollah-Moschee in Isfahan, die Säulen von Persepolis. Die meisten zogen direkt auf dem Hippie-Trail weiter, über die konservative Pilgerstadt Maschhad, wo schon damals alle Frauen den Tschador trugen, Richtung Afghanistan.

Hippie-Trail

7000 km quer durch sechs Länder: Die klassische Route des Hippie-Trails

Heute mutet es unvorstellbar an, aber im seitdem kriegsgebeutelten Land am Hindukusch blieben die Weltenbummler gerne länger. Zum ersten Mal hatten sie das Gefühl, tatsächlich im Orient angekommen zu sein. Nur wenige klapprige Autos waren unterwegs, stattdessen Pferdewagen und Ochsenkarren. Die Frauen trugen meist eine Burka und gingen den jungen Westlern aus dem Weg, die Männer aber – mit gewaltigem Turban und fast alle bewaffnet – waren freundlich. „Wir fragten uns schon, warum die Hippies so dreckig und mit langen Haaren herumliefen“, erinnert sich ein Afghane. „Aber sie meinten, sie wollten frei sein. Das verstanden wir.“

In Herat an der antiken Seidenstrasse mit seinen goldenen Kuppeln und Basargassen schien das 20. Jahrhundert zu zerbröseln wie die alte Festung, von der nach 50 Belagerungen nur noch Ruinen standen. Danach zog es die Backpacker – meist auf der staubigen Ladefläche eines bunt bemalten Lastwagens – in die Provinz Bamiyan im Zentralmassiv des Hindukusch. Dort umwanderten sie Seen, die in allen Lapislazuli-Tönen schimmerten, und bewunderten riesige Buddha-Statuen aus dem 6. Jahrhundert, die die Taliban 2001 in die Luft jagten. Besonders abenteuerlich gesinnte Globetrotter erkundeten die Gegend zu Pferd, so etwa Christina Yoder aus Zug, die sich 1972 auf den Hippie-Trail begab. Die allein reisende junge Frau wird einigen aufdringlichen Afghanen in unguter Erinnerung geblieben sein: Die furchtlose Schweizerin trug einen Turban wie die Tuareg, die sie in Westafrika besuchte, und schoss besser als die israelischen Soldaten, mit denen sie sich in einem Kibbuz mass. Schon in Istanbul hatte sie lüsterne Türken mit einem gefalteten Stadtplan verscheucht, als wären sie Schmeissfliegen.

Neben der Provinz Bamiyan war auch die Hauptstadt Kabul beliebt für längere Pausen. Zu ihrer Anziehungskraft trug ein besonderer Lockstoff bei: der Schwarze Afghane – das angeblich beste Haschisch der Welt und am Hindukusch so günstig, dass man es den Blumenkindern fast schon hinterherwarf. Das war ganz im Sinne derjenigen Reisenden, die den Hippie-Trail auch als Drogentreck verstanden. Mit jedem Kilometer, den es weiter ostwärts ging, wurde das Haschisch besser, billiger und leichter erhältlich. In den Wechselstuben an der afghanischen Grenze gab es für die Dollars der Hippies auch schon mal einen schönen Brocken Haschisch, wenn der Händler nicht genug einheimische Noten hatte. „First quality! Welcome to Afghanistan! Hahahahaha!“

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Lapislazuli-Seen in der Provinz Bamiyan: Ein Hippie geniesst Afghanistan

Treffpunkt der Backpacker-Szene in Kabul war die Chicken Street, in deren Restaurants es – nomen est omen – vor allem Grillhähnchen gab. Dort trafen die Reisenden dieselben Gesichter wieder, denen sie schon im Pudding Shop in Istanbul und im Hotel Amir Kabir in Teheran begegnet waren. Nach dem grossen Hallo wurde ausgiebig gefeiert, am liebsten bei Sigi, einem ehemaligen Drogensüchtigen aus Bayern, der sich – wegen Apothekeneinbrüchen verurteilt – nach Kabul abgesetzt hatte und dort eine grosszügige Villa mietete.

Bei Sigi konnten die Weltenbummler Schach spielen, Tee trinken oder ein Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat geniessen. Letzteres hat allerdings Kurt Keller in unguter Erinnerung. „Bis dahin hatte ich nie gesundheitliche Probleme“, sagt der Zürcher, der sich 1972 auf den Hippie-Trail begab. „Seit meinem Besuch bei Sigi litt ich aber unter üblem Durchfall.“ Auch Roland Stähli – ein weiterer Schweizer Veteran des Hippie-Trails – infizierte sich in Kabul mit Amöbenruhr. „Ich lag zehn Tage im Bett und dachte ans Sterben.“ Warum ging er nicht zu einem Arzt? „Sind Sie verrückt? Die säubern dort die Spritzen mit dem Nastuch!“

Die wildesten Partys der Stadt wurden im Green Hotel gefeiert, gleich neben Sigis Restaurant. Allerdings uferte eine von ihnen leicht aus: Die Globetrotter-Unterkunft wurde von zwei jungen Westlern abgefackelt, die angeblich auf LSD waren. Womöglich hatten sie aber auch nur eine Überdosis Haschisch erwischt. Christina Yoder erfuhr die Potenz des Schwarzen Afghanen schon kurz nach ihrer Ankunft in Herat. Als sie einen Tee bestellte, wurde dieser mit einem Kügelchen Haschisch serviert, das sie in die Tasse gab. „Die Wirkung setzte erst nach einer Stunde ein, hielt aber 24 Stunden an.“ Auch der Basler Hans R. Wüthrich, der den Hippie-Trail 1968 unter die Räder seines Citroën 3CV nahm, erlebte die Kraft des Schwarzen Afghanen. Allerdings nicht an sich, sondern an einem Reisegefährten. Nach ein paar tiefen Zügen sah dieser sein Herz umgeben von Millionen rosaroter Sternchen. „Zudem murmelte er ständig etwas von Schweizerkreuzen“, erinnert sich Wüthrich. „Wahrscheinlich weil er an einem 1. August kiffte.“

Da man am Hindukusch genauso leicht an Opium und Heroin kam, hatten die westlichen Botschaften alle Hände voll zu tun. Allein bei der deutschen Vertretung klopften täglich bis zu 20 Blumenkinder an, ohne Pass und Reiseschecks, die sie auf dem Schwarzmarkt verhökert hatten, dafür mit tiefliegenden Augenhöhlen und dem Wunsch, der Drogenhölle Kabul zu entfliehen. Für die, die das nicht schafften, liegt am Rand der Stadt noch immer ein christlicher Friedhof. Allerdings wurden die Kreuze der toten Hippies vor ein paar Jahren verfeuert.

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Es musste nicht immer ein VW-Bus sein: Unterwegs auf dem Hippie-Trail

Nachdem Geldbündel, Lektüre und das eine oder andere Mitbringsel aus Afghanistan verstaut waren, ging es weiter Richtung Pakistan, in klapprigen Bussen und auf löchrigen Strassen, die durch die Gebiete gefährlicher Bergstämme führten. Letztere stellten ihre Waffen in liebevoller Heimarbeit selbst her und schossen gern einem Bus in die Pneus, um die Blumenkinder auszurauben. Vor allem die Fahrt über den berüchtigten Khyber-Pass, den schon das Heer Alexanders des Grossen überquerte, war nur tagsüber einigermassen sicher. Endlich in Peschawar angekommen, reisten die meisten Globetrotter darum gleich über Lahore Richtung Indien weiter. Länger als 24 Stunden mochte kaum jemand in diesem Höllenloch Pakistan bleiben, wo die Polizei bei Drogen keinen Spass verstand.

Tatsächlich stand aber den Backpackern das nervenaufreibendste Erlebnis ihrer Reise noch bevor: Eine korpulente Zöllnerin an der indischen Grenze hatte einen heiligen Schwur geleistet, keine einzige in Afghanistan schwarz gewechselte Rupie ins Land zu lassen. Ganz egal, wo man die Banknoten versteckt hatte, ob im Gestänge des Rucksacks oder in ausgehöhlten Zigaretten – die Beamtin im polizeigrünen Sari, die vor schamlosen Leibesvisitationen nicht zurückschreckte, fand sie mit an Hellsichtigkeit grenzender Leichtigkeit und nahm sie einem unter üblen Beschimpfungen ab.

Gar nicht erst zu diesem Grenz-Zerberus vorgedrungen waren diejenigen Globetrotter, denen entgangen war, dass es in Pakistan meist kein Visum für Indien gab. „Dieses holte man besser in Afghanistan ein“, erinnert sich Roland Stähli, „weil Indien und Pakistan oft politische Differenzen hatten. Ein paar Monate vor meinem Grenzübertritt führten die beiden Länder offen Krieg gegeneinander. So war das eben auf dem Hippie-Trail: Man bezahlte für jeden Fehler. Hatte man kein Wasser dabei, litt man Durst. Hatte man keine Taschenlampe, war es stockdunkel. Hatte man kein Visum, fuhr man 750 km zurück.“

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Dokument des Hippie-Trails: Der Reisepass von Roland Stähli

Auch Kurt Keller war so klug, sich das Visum für Indien schon in Kabul zu besorgen. Vor der Botschaft verlieh ein geschäftstüchtiger Afghane ein Bündel Dollarnoten an diejenigen Globetrotter, die nach der Dauerparty am Hindukusch abgebrannt waren. „Die indischen Behörden in Kabul wollten sichergehen, dass wir genug Geld hatten“, erinnert sich Keller. „Tatsächlich wiesen die Hippies aber immer dieselben Dollars vor und reichten sie dann an den nächsten Antragsteller weiter.“ Wer indische Beamte kennt, wird allerdings nicht ausschliessen, dass sich der Botschafter mit dem afghanischen Geldverleiher den Gewinn teilte.

Die Einreise nach Indien dauerte Stunden, bei Temperaturen von zuweilen 40 Grad, zudem lagen links und rechts des Grenzübertritts Minenfelder. „Die indischen Beamten trugen überdimensionierte Schnurrbärte und sassen in einem grossen Zelt“, erinnert sich Hans R. Wüthrich. „Ein halbnackter Bursche musste unaufhörlich an einem Strick ziehen, um einen Windfächer in Bewegung zu halten. Als wir uns erkundigten, wie lange die Abfertigung noch dauern würde, warf uns ein Offizier hinaus, mit dem Hinweis, man werde uns zu gegebener Zeit schon rufen.“

Christina Yoder und Roland Stähli erinnern sich an regelrechte Nervenzusammenbrüche beim Grenzübertritt, nicht nur bei Globetrottern, sondern auch bei indischen Beamten. „Einer von ihnen warf plötzlich einen Stapel Pässe zum Fenster hinaus“, erzählt Yoder. „Gut, waren unsere rot, so fanden wir sie schneller wieder. Danach durften wir uns erneut hintenanstellen.“ Am Ende seiner Asienreise tauschte Roland Stähli denn auch ein gelesenes Buch gegen eine abgegriffene Ausgabe von Freuds „Das Unbehagen in der Kultur“ ein und studierte nach seiner Rückkehr an der Uni Zürich Psychologie. „Ich hatte unterwegs in diverse menschliche Abgründe geblickt“, sagt Stähli. „Die wollte ich besser verstehen.“

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Angekommen im Sehnsuchtsland: Hippies in Indien

Endlich in Indien angekommen, erholten sich die Backpacker vom Stress der Einreise im Goldenen Tempel der Sikhs in Amritsar, wo sie gratis schlafen und essen durften – vorausgesetzt, es war noch Platz. Denn spätestens, als die Beatles 1968 im Ashram eines indischen Gurus Erleuchtung suchten, strömten jede Woche so viele Sinnsucher ins Land, dass sich die einheimischen Bauern diese Völkerwanderung nur mit einer schlimmen Dürre im Westen erklären konnten.

Über Delhi zogen die Reisenden weiter nach Agra, wo sie das Taj Mahal bestaunten und manchmal auch – heute undenkbar – in seinem Park campierten. Kurt Keller wurde in Agra unfreiwillig zur Hauptattraktion einer hinduistischen Prozession: „Auf einmal setzte man uns zur Belustigung der Massen auf einen Elefanten, übrigens völlig bekifft.“ Der Zürcher hat die begeisterten „Hippie! Hippie!“-Rufe der Inder noch immer im Ohr. Ebenso wenig vergessen hat er seinen Besuch der erotischen Tempel von Khajuraho. „Spätestens jetzt brach bei uns jungen Männern der sexuelle Notstand aus. Wir waren ja mittlerweile schon monatelang unterwegs. Entsprechend nervös wurden wir beim Anblick all der schönen Inderinnen im Sari, die sich in den Flüssen wuschen.“

Nächste Station der Morgenlandfahrer war dann meist Varanasi, das Mekka der Hindus. Wer dort verbrannt und den toxischen Wassern der Göttin Ganga übergeben wird, muss nicht mehr wiedergeboren werden. Die angeblich älteste Stadt der Welt ist für die Hindus so heilig, weil in Varanasi der Ganges statt nach Osten nach Norden fliesst, zurück zu seinem Ursprung im Himalaya.

Dorthin zog es viele Backpacker als nächstes, nicht zuletzt, um sich von Indien zu erholen. „Vor allem in Varanasi stürzte eine Flutwelle von Armut, Krankheit und Tod über mich herein“, erinnert sich Christina Yoder. „Das Fleisch der Verbrannten roch wie gegrillter Cervelat. Hunde nagten an Menschenfüssen. Man sah auch schlimme Fälle von Elefantiasis. Es war wie in Dantes Inferno.“

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Neujahrsgrüsse aus Kathmandu: Christina Yoder mit Hippie-Freunden

Also zwängte sich Yoder in einen der chronisch überfüllten indischen Züge und fuhr nach Raxaul an der nepalesischen Grenze, wo sie einen Bus Richtung Kathmandu nahm – für viele Backpacker das Ziel ihrer langen, beschwerlichen Reise. Dafür hatten sie all die Bettwanzen in den billigen Absteigen und den wochenlangen Durchfall nach der Wahl der falschen Garküche in Kauf genommen.

Tatsächlich gab es im mythenumrankten Kathmandu, das der Blumenkinder-Barde Cat Stevens besang, alles, was das Hippie-Herz begehrte – nicht zuletzt die Royal Nepal Hashish Shops, wo es eine Unzahl von Sorten und Terroirs zu kosten gab. In der nach den jungen Reisenden benannten Freak Street, mit ihren günstigen Pensionen und Restaurants (legendär das Hungry Eye), waberten die süsslichen Schwaden so dicht, dass man vom blossen Herumschlendern high wurde. Wer frische Luft brauchte, fuhr in einem Bus voller Hühner und Schweine nach Pokhara, mit Blick auf das Annapurna-Massiv. Dort gehörten die Hippies zu den ersten Trekkern, auf der Suche nach Shangri-La, jenem imaginären Himalaya-Paradies, wo die Menschen ein biblisches Alter erreichen sollen.

Zurück in der Wirklichkeit von Kathmandu war es dann aber langsam Zeit, die Weiterreise zu planen. Nach einem letzten Gang aufs Hauptpostamt, wo vielleicht ein Brief aus der Heimat wartete, zogen einige Wandervögel Richtung Osten weiter, so etwa Christina Yoder, die nach Burma, Thailand und Vietnam reiste. Auch Roland Stähli, der Kathmandu ausliess, durchquerte Südostasien, in seinem Fall gar bis nach Bali. „Die heutigen Touristenhochburgen Ko Samui und Kuta Beach waren noch einfache Hüttenansammlungen“, erinnert er sich. Gehorsamst legte Soldat Stähli in den Schweizer Botschaften von Bangkok, Kuala Lumpur, Djakarta und Singapur sein militärisches Dienstbüchlein vor, damit das Heimatland wusste, wo er im Ernstfall einzuziehen war.

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Stationen des Hippie-Trails im Dienstbüchlein von Roland Stähli

In der Regel führte der Hippie-Trail aber nach Bombay, wo Hans R. Wüthrich ein letztes Mal eine Fabrik der indischen Limonadenmarke Gold Spot besuchte – der geschäftstüchtige Basler besserte seine Reisekasse dadurch auf, dass er seinen Citroën mit Werbung für das einheimische Zuckerwasser versah. Danach schiffte er sich für die Überfahrt nach Ostafrika ein, während der klassische Hippie-Trail nach Goa führte, denn dort lockten Sonne, Meer und Bounty-Strände.

In der ehemaligen portugiesischen Kolonie an der Südwestküste Indiens wurde der Hippie-Traum vom High- und Freisein Wirklichkeit, vor allem während der ausschweifenden Partys am Anjuna Beach, die manchmal 15 Tage und Nächte dauerten. Dies blieb den Einheimischen nicht verborgen. Kurt Keller erinnert sich: „Goa wurde zum Reiseziel indischer Touristen, die diese komischen jungen Westler sehen wollten, die sich nicht die Haare schnitten und nackt ins Meer hüpften. Ich fühlte mich wie ein Zootier.“ Nach ein paar Wochen zog es Keller denn auch in die Heimat zurück, wo ihm am Flughafen Kloten als erstes die Schuhsohlen aufgeschnitten wurden. „Die Beamten wollten sichergehen, dass ich kein Haschisch ins Land schmuggelte.“

Auch in Indien und Nepal hatten die Globetrotter inzwischen ein schlechtes Image. Indira Gandhi, die die Weltenbummler einst als „Kinder Indiens“ in die Arme geschlossen hatte, ging nun auf Distanz und kritisierte ihre Zügellosigkeit. Auch der nepalesische König mochte nicht mehr mitansehen, wie manchmal nackte Westlerinnen – komplett auf Drogen – schreiend durch Kathmandu rannten, um vor einem heiligen Tempel weinend zusammenzubrechen.

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Frei sein, high sein: Hippie-Paradies Goa

Vollends gestoppt wurde der Vogelzug der Hippies 1979, als die Sowjets in Afghanistan einfielen und im Iran der Schah gestürzt wurde. Das Land am Hindukusch versank in jahrzehntelangem Bürgerkrieg, und Ayatollah Khomeini errichtete einen Gottesstaat, an dessen Pforten die lebenslustigen Blumenkinder vergeblich klopften.

In Goa aber sieht man sie noch heute, ergraut, doch nach Jahrzehnten in Indien akzeptiert. Manche meinten es ernst mit ihrer Begeisterung für die Spiritualität des Ostens und wurden zu hinduistischen Mönchen – ihre Reise nach Indien war auch eine Reise nach Innen. Andere eröffneten Kleidergeschäfte, Kunstgalerien oder German Bakeries. Wieder andere begründeten in den späten 1980er Jahren die Technomusik-Spielart Goa Trance. Und zuletzt gibt es noch die, die abstürzten und seitdem als Bettler in der Dritten Welt leben – auch so kann ein Hippietraum enden.

Trotzdem muss man für die Heerscharen junger Westler, die sich auf die beschwerliche Reise nach Osten begaben, dankbar sein. Manche von ihnen mögen Haschköpfe und Tagediebe gewesen sein. Doch weil sie so verrückt waren, eine buntere und freiere Welt zu fordern, wurde unsere Welt tatsächlich bunter und freier. Vor allem aber hatten die Morgenlandfahrer eine tiefe Wahrheit erkannt: Der Mensch, der sich nicht bewegt, ist tot.

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Backpacker-Bibel

650 Titel in 14 Sprachen und einer Gesamtauflage von 55 Millionen Exemplaren: Lonely Planet ist weltweit der grösste Verlag für Reiseführer und wurde 1973 von Tony und Maureen Wheeler mit einem Buch über den Hippie-Trail lanciert: „Across Asia On The Cheap“.

Im selben Jahr legte auch der Schweizer Robert Treichler ein Vademecum für die Überlandreise nach Asien vor: „Der billigste Trip nach Indien“, erschienen im Zürcher Regenbogen-Verlag. Das Buch, das perfekt in die Hintertasche einer Jeans passte, war unter den deutschsprachigen Backpackern Kult und erlebte Jahr für Jahr neue Auflagen. „Wenn du mit Bahn und Bus reist, kostet dich der Trip nach Delhi nur 280 Franken“, rechnete Treichler vor. „Das sind die Transportkosten für den Hinweg. Dazu musst du mit 1.50 bis 3 Dollars pro Tag für Unterkunft und Essen rechnen.“

Treichler reiste erstmals 1966 auf dem Landweg nach Indien. „Der Flug hätte mich drei Monatslöhne gekostet“, erinnert er sich.