Ode an die Stadt

STÄDTE sind dreckig, ungesund und umweltschädlich. „Im Gegenteil“, belegen Studien: Sie machen uns klüger, reicher, gesünder, glücklicher, schöner – und sogar ökologischer.

NZZ am Sonntag, 8. April 2012 · Dominik Imseng auf Twitter

Tausende Städter fahren nächstes Wochenende wieder ins Grüne, und nicht wenige werden sich beim Wandern und Biken fragen: Warum atme ich nicht immer diese von Wald und Heu durchsüsste Luft? Warum ziehe ich nicht aufs Land?

Halt! Stop! Fangen Sie gar nicht an, mit diesem Gedanken zu spielen. Denn Studien renommierter Professoren belegen: Städte machen uns klüger, reicher, gesünder, glücklicher, schöner und sogar umweltfreundlicher.

So preist zum Beispiel der Harvard-Ökonom Edward Glaeser in seinem Buch „Triumph of the City“ die Stadt als „grösste Erfindung der Menschheit“, die die Vernetzung von Intelligenz, den Austausch von Ideen fördere. Als eine Art Internet vor dem Internet verbinden Städte Talente und Hirne, lassen sie neue Ideen wie Feuerfunken von Händler zu Händler, Ingenieur zu Ingenieur, Künstler zu Künstler fliegen.

Ein Beispiel: Nachdem der Florentiner Baumeister Brunelleschi zu Beginn des 15. Jahrhunderts die Gesetze der Perspektive entwickelt hatte, berücksichtigte sie Donatello, ein weiterer Florentiner, in seinen Statuen und inspirierte dadurch Masaccio, einen dritten Florentiner, die lineare Perspektive auch in der Malerei anzuwenden.

Glaeser ist überzeugt: Je näher wir zusammenleben, desto innovativer, kreativer, produktiver werden wir. Und tatsächlich: Das Pro-Kopf-Einkommen in Ländern, deren Bevölkerung mehrheitlich in Städten lebt, ist fast viermal höher als das in agrar geprägten Nationen.

Städte schaffen aber nicht nur Reichtum, weist der Harvard-Professor nach: Sie sind auch gesünder. Gewaltige Investitionen in Abwassersysteme und Müllentsorgung, Impfprogramme und Spitäler haben dazu geführt, dass nirgends auf der Welt Menschen so alt werden wie in Städten (am meisten Methusalems wohnen derzeit in Tokio). Dies gilt selbst für Entwicklungsländer: In der nigerianischen Millionenmetropole Lagos haben drei Viertel der Bewohner Zugang zu sauberem Wasser, im übrigen Nigeria sind es durchschnittlich nur 30%.

Doch das sind noch nicht alle Vorteile von Städten: Theater und Kunstgalerien, Museen und Konzertsäle existieren nur, wenn es genug Menschen gibt, die sich ihre hohen Fixkosten teilen. Der Effekt dieses städtischen Kulturangebots ist eine gesteigerte Lebensqualität, die sich statistisch festmachen lässt: In Ländern, deren Bürger mehrheitlich in Städten leben, bezeichnen sich 30% der Menschen als „sehr glücklich“, in agrar geprägten Nationen sind es nur 25%.

Mehr Kultur heisst aber auch mehr Lebensart, mehr modische Eleganz. Städte brachten uns die Fifth Avenue in New York und die Rue Saint-Honoré in Paris, die Via Condotti in Rom und die Savile Row in London. Mit der städtischen Verfeinerung unseres Äusseren geht das unseres Inneren einher. Ob Aristoteles in Athen oder Habermas in Frankfurt, ob in Salons oder Untergrundzirkeln: Die Stadt als Ort der Vielfalt und Fremdheit regt zum Denken an, Urbanität und Geist sind gleichbedeutend. Wie auch Urbanität und Freiheit: Städte schreiben kein bestimmtes Lebensmodell vor, lockern das Korsett aus Konvention und Bindung, fördern Toleranz. Es ist kein Zufall, dass die Menschenrechte in Paris verkündet wurden. Wie überhaupt alles, was unsere moderne Gesellschaft auszeichnet, in einer Stadt entstand: die Demokratie in Athen, der bürgerliche Rechtsstaat in London, die industrielle Revolution in Birmingham.

Ha! Da haben wir’s! Spätestens jetzt muss unser Lob der Stadt sein Ende finden, denn Städte sind umweltschädlich. „Im Gegenteil“, sagt David Owen, Journalist beim „New Yorker“ und Autor des Buchs „Green Metropolis“: Städte sind ökologisch. Stadtbewohner kommen mit weniger Wohnraum aus, den sie heizen müssen, gehen öfter zu Fuss und benutzen häufiger den ÖV. All dies sorgt dafür, dass der ökologische Fussabdruck von Städtern deutlich kleiner ist als der jener, die aus falsch verstandener Naturliebe aufs Land ziehen und dort für einen CO2-Alptraum sorgen – durch den gestiegenen Energieverbrauch von Einfamilienhäusern und durch ständiges Autofahren, ob zur Arbeit in die Stadt, mit den Kindern zur Schule oder zum Einkaufen ins Shoppingcenter.

Auch Edward Glaeser findet Städte ökologischer. „Wenn ihr die Natur liebt, lasst sie in Ruhe“, ruft er Umweltschützern zu: „Zieht in einen Wolkenkratzer!“ Wobei dieser für den gebürtigen New Yorker nicht himmelsstürmend genug sein kann. „Je höher, desto umweltfreundlicher“, argumentiert der Professor und bezeichnet die Limitierung von Bauhöhen und übertriebenen Denkmalschutz als ökologische Todsünden. Für Glaeser ist klar: Je schneller ein möglichst grosser Teil der Menschheit in maximal verdichteten Städten lebt, desto entschiedener wirken wir dem Klimawandel entgegen. (Genau so müsste auch Bundesrätin Doris Leuthard argumentieren, wenn ihre Forderung nach mehr Hochhäusern in Schweizer Städten Gehör finden soll.)

Die Stadt als ökologisches Ideal, als Arche Noah aus Stein und Glas, die uns vor den Folgen der Klimaerwärmung bewahrt? Warum nicht. Was in Florenz die Renaissance, in Paris die Aufklärung und in Genf das Internet hervorgebracht hat, wird auch mit dem Klimawandel fertig.