„Gott spielt Handorgel“

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Bild: Julian Hanford

Es gibt nicht viele Legenden im Schweizer Journalismus, aber HANSPETER „DÜSI“ KÜNZLER gehört dazu. Seit Ende der 1970er Jahre ist er als freier Musikjournalist in London stationiert und hat fast 3000 Musiker und Bands interviewt. Ein Gespräch über die Bedeutungslosigkeit der Hitparade, einarmige Schlagzeuger und das beste Album für Sex.

Schweizer Journalist, 29. November 2016 · Dominik Imseng auf Twitter

Seit fast 40 Jahren schreiben Sie über Musik. Was macht mehr Spass: Eine Platte zu loben oder zu verreissen?
Ein Lob ist natürlich etwas Schönes. Kürzlich kam ein Typ auf mich zu und meinte, ich hätte 1995 eine Platte der amerikanischen Band Hail empfohlen. Er sei dann an eins ihrer Konzerte gefahren und habe dort seine heutige Frau kennengelernt – wunderbar. Nichts aber übertrifft das Vergnügen, so einen richtigen Verriss zu schreiben.
Gönnen Sie es sich oft?
Viel zu selten. Der Platz für Plattenbesprechungen ist in den Medien ja sehr geschrumpft. Da sollte man die paar Zeilen, die übrig bleiben, nicht zum Abraten, sondern zum Empfehlen nutzen.
Und wie tut man das am besten?
Für mich kommt guter Musikjournalismus ohne Schaumschlägervokabeln wie „ultimativ“ aus. Dann möchte ich etwas über den Hintergrund und die Motivation der Band erfahren. Der Journalist sollte auch nicht einfach alles toll oder alles beschissen finden. Ich erwarte eine gewisse Offenheit und die Fähigkeit, den eigenen Enthusiasmus oder die eigene Ablehnung zu begründen. Grundsätzlich bin ich aber selten in der Situation, dass ich über eine Band schreiben muss, die ich wirklich schlecht finde. In diesem Fall ignoriere ich sie einfach. Mein Problem ist eher, dass ich eine Band von der Musik her mittelmässig finde, sie dann für ein Interview treffe und danach nicht mehr schlecht über sie schreiben mag.
Warum?
Weil mir die Musiker beim Gespräch sympathisch waren. In so einem Fall gebe ich dann einfach mehr oder weniger wieder, was sie mir erzählt haben.
Sind Sie zu nett für Ihren Job?
Das nicht. Ich finde es einfach einen Unterschied, ob man eine Platte bespricht oder eine Band porträtiert. Bei einer Besprechung kann man durchaus schwere Geschütze auffahren. Bei einem Porträt schreibe ich lieber über die Einflüsse und Ideen der Band und lasse den Leser sich sein eigenes Urteil bilden.
Es muss aber auch schon Musiker gegeben haben, die Ihnen beim Interview unsympathisch waren.
Aber sicher gibt es die. Salif Keïta gehört dazu. Oder Dave Gahan, der Sänger von Depeche Mode. Joe Jackson war ebenfalls sehr unfreundlich. Einmal auch Ringo Starr, aber die nächsten beiden Male war er der Charme und Witz in Person. In der Regel geben sich die meisten Künstler aber Mühe, freundlich zu sein, damit die Musikjournalisten nichts Böses über sie schreiben. Oh, da fällt mir ein: Norah Jones war auch sehr unsympathisch.
Die sieht doch supernett aus.
Aber im Interview war sie eine echte Bitch. Sie können mir glauben, danach habe ich nie mehr Norah Jones gehört. Noch schlimmer als Musiker scheinen aber Schauspieler zu sein. Ich habe einmal Kevin Spacey interviewt. Was für ein arroganter Sack! Filmjournalismus wäre definitiv nichts für mich. Das Theater, das die Filmindustrie um ihre Stars macht, ist unerträglich.
Wie laufen die Interviews mit Filmstars ab?
In der Regel interviewt man die Berühmtheiten nicht allein, sondern sitzt mit ein paar anderen Journalisten in irgendeiner Hotelsuite um einen runden Tisch herum. Das Ensemble ist immer dasselbe und das Stück, das aufgeführt wird, auch: Ein finnischer Boulevardjournalist stochert gnadenlos im Privatleben des Stars. Eine japanische Journalistin, die nicht Englisch spricht, hat einen Dolmetscher dabei und quatscht und quatscht und quatscht. Eine russische Journalistin kann ebenfalls kein Englisch. Und ein deutscher Journalist stellt endlos lange Fragen, auf die die Antwort eigentlich nur ja oder nein sein kann. Furchtbar.
Sie haben schon Zehntausende von Platten gehört. Welcher Song auf einem Album ist eigentlich meist der beste?
Der erste Song ist fast nie der beste. Das ist einfach der, von dem die Plattenfirma denkt, dass er hilft, die Platte zu verkaufen. Der zweite Track ist schon eher verbindlich. Sehr häufig aber ist der beste Song der zweite auf der zweiten Seite, bei einer CD also die Nummer 7. Wenn dieses Lied schlecht ist, dann meist auch der Rest der Platte.
Also hören Sie nur den siebten Song auf einem Album, um zu wissen, ob Sie es mögen?
Das geht sogar noch schneller. Ich weiss nach den ersten sieben Sekunden, ob mir eine Platte gefällt.
Ich stelle fest, dass wir noch etwas Grundsätzliches klären sollten.
Nämlich?
Finden Sie die Beatles besser oder die Stones?
Weder noch. Ich bin Fan der Beach Boys.
Wegen „Good Vibrations“? Ein ganzes Album in einem Song?
Mehr wegen „Pet Sounds“ und den späteren Sachen. Platten wie „Sunflower“, „Surf’s Up“ oder „Holland“.
Dann zu einem weiteren Grundsatzentscheid: Sind Blur die bessere Band oder Oasis?
Ganz klar Blur, die machen ja noch immer fantastische Musik. Aber natürlich gefielen mir Mitte der 90er Jahre auch Oasis sehr, mit ihrer wunderbar romantischen Rock’n’Roll-Attitüde: „We don’t give a shit. We are the greatest!“ Zum ersten Mal sah ich Oasis in Köln, wo sie das Publikum verärgerten, weil sie nach ein paar Minuten grundlos die Bühne verliessen. Als sie endlich zurückkehrten, hatten sie den Hass von 500 Leuten gegen sich. Wie sie diese negative Energie nutzten, um noch besser zu spielen, und wie sie dadurch das Publikum wieder komplett für sich gewannen, das war schon sehr eindrücklich. Anlässlich dieses Konzerts habe ich übrigens auch mein erstes Interview mit der Band geführt. Eine ziemlich spezielle Erfahrung. Als erstes waren nämlich plötzlich die Kabel meines Aufnahmegeräts durchschnitten.
Der Sabotageakt eines anderen Journalisten?
Da war kein anderer Journalist im Raum. Vielleicht ein Scherz der Band. Als nächstes kam eine Liste mit Drogenwünschen, die der Mann vom Plattenlabel erfüllen musste. Erst danach konnte ich endlich Oasis interviewen, allerdings nur den Drummer. Wahrscheinlich ein weiterer Scherz. Bei späteren Interviews lernte ich aber natürlich auch Noel und Liam Gallagher kennen. Die beiden interviewe ich noch heute regelmässig. Wir haben schöne Traditionen entwickelt. Noel empfiehlt mir zum Schluss immer ein tolles obskures Album, und Liam macht mir ein Kompliment für die Jacke, die ich gerade trage.
Britpop zeigt gut die Macht der Musikpresse auf. Er wurde von den Journalisten des „New Musical Express“ herbeigeschrieben, die Grunge hassten.
Da ist was dran. Britpop hing aber auch mit dem Aufkommen der CD zusammen. Durch diverse Best-of-CDs englischer Bands entdeckte man damals wieder die eigene musikalische Geschichte der 1960 und 70er Jahre: The Kinks, The Who, Small Faces, David Bowie, T. Rex, natürlich auch die Stones und die Beatles. Suede waren die erste Band, die sich auf dieses musikalische Erbe bezog. Dann kamen sehr schnell Blur, die sich in der Tradition von The Kinks sahen, oder Oasis, die sich bei den Beatles bedienten.
Fehlt noch ein dritter Grundsatzentscheid: Hat Michael Jackson die bessere Musik gemacht oder Prince?
Prince. Das heisst, ich muss präzisieren: Michael Jackson hat das, was er machte, unglaublich toll gemacht. Aber Prince hat über längere Zeit hinweg immer wieder Neues gewagt.
Sie haben über Michael Jackson ein Buch geschrieben.
Das war ein Auftragswerk, für das ich gerade mal zwei Monate Zeit hatte. Einen Monat recherchieren und einen Monat schreiben. Echt der Wahnsinn. Aber auch sehr, sehr spannend.
Wie kam der Auftrag ausgerechnet zu Ihnen?
Ich war als einer der wenigen deutschsprachigen Journalisten in der O2-Arena in London, als Michael Jackson im März 2009 seine erste Tournee seit 12 Jahren ankündigte. Das war eine absolut unmögliche Veranstaltung. Zuerst wurde man äusserst gründlich auf Waffen untersucht. Dann musste man vier Stunden warten, ohne auf die Toilette zu dürfen. Zu essen und zu trinken gab es auch nichts. Die Pressephotographen waren sogar noch schlimmer dran. Die waren in so eine Art Käfig gepfercht. Als Michael Jackson dann endlich auftauchte, sagte er nicht viel mehr als: „Thank you so much! This is it! I love you all!“ Er sah aus wie Ozzy Osbourne, was ich denn auch in meinem Blog sarkastisch erwähnte. Lustigerweise war es aber genau dieser böse Post, der den Verlag auf mich aufmerksam machte. Ich bin echt vom Glück verfolgt.
Das gilt auch für den Veröffentlichungstermin des Buchs.
Genau. Es sollte gerade in Druck gehen, als ich in Zürich an einer Bar stand und ein Bier trank. Da lief auf einmal ein Typ an mir vorbei, der hemmungslos heulte. Ich fragte ihn, was los sei. Er schluchzte: „Michael Jackson ist tot.“ Darauf musste ich übers Wochenende ein neues Anfangs- und Schlusskapitel schreiben. Aber der Stress hat sich gelohnt. Wir haben 60’000 Exemplare verkauft. Zu Beginn musste der Verlag 24 Stunden nonstop drucken. Einmal ging sogar das Papier aus.
60’000 Bücher ergeben ein hübsches Sümmchen an Tantiemen.
Die Kohle ist leider weg. Unsere Familie brauchte zwei neue Badezimmer.
Rhythmuswechsel: Kurze Fragen, kurze Antworten.
Bereit.
Welches Instrument spielt Gott und welches der Teufel?
Gott spielt Handorgel und der Teufel spielt Saxophon. Halt, stopp, zu viele Freunde von mir sind Jazz-Saxophonisten. Also sage ich: Der Teufel spielt Querflöte.
Warum spielt Gott ausgerechnet Handorgel?
Das ist ein grossartiges Instrument! Ich spielte als Jugendlicher selbst Akkordeon, fand aber nie eine Band, die mich aufnehmen wollte. Als dann Punk kam, dachte ich: „Eine Punkband mit einer Handorgel! Genial!“ Aber niemand wollte mitmachen.
Wegen Punk oder wegen der Handorgel?
Wegen der Kombination wohl.
Sie hätten doch einfach auf einer Gitarre die drei Akkorde lernen können, die es für Punk brauchte.
Was fällt Ihnen ein! Gitarre ist ein Instrument für Mädchen. Meinte zumindest meine Mutter.
Nächste Frage: Welcher Droge verdanken wir die besseren Songs: Kokain oder LSD?
LSD. Nichts ist schlimmer als die kokaingetriebenen Synthesizer, Drums und bombastischen Refrains der 1980er Jahre. Leider muss man die immer noch hören, zum Beispiel bei der Band Empire of the Sun. Kokain führt oft zu Gigantomanie mit wenig Inhalt.
Und was macht den Sound von LSD so gut?
Die Überzeugung, dass alles möglich ist. Auf LSD lösen sich Zeit und Raum komplett auf. Diese Freiheit wollten die frühen Pink Floyd oder Amon Düül II musikalisch umsetzen.
Das war in den 1960 und 70er Jahren. Gibt es auch heute noch psychedelische Musik?
Immer mehr sogar. Bands wie The Black Angels oder Thee Oh Sees sorgen für ein Psychedelic-Rock-Revival.
Nächste Frage: Ihr Arzt sagt Ihnen, dass Sie in 45 Minuten Ihr Gehör verlieren werden. Welche Platte legen Sie auf?
„The Hangman’s Beautiful Daughter“ von The Incredible String Band. Auch eine psychedelische Band.
Eine Folk-Platte von 1968? Ich dachte, Sie seien ein ewiger Punk.
Falsch gedacht. Ich bin ein punkiger Acid-Folk-Mensch.
Welcher Sänger nervt am meisten? Ich akzeptiere keine andere Antwort als „Bono“.
Bono.
Im Ernst jetzt?
Klar. In unserem Haushalt heisst er „Bongo“.
Welche Band macht am längsten gute Musik?
Pere Ubu, seit Punkzeiten. Ihre Platten sind immer noch wunderbar lebendig und anders, mit vielen komischen Geräuschen, wie etwa Flaschen, die zerschlagen werden.
Bei welchem Lied müssen Sie heulen?
„Sloop John B“ von den Beach Boys. Meine erste Single.
Was ist schlimmer: Ein zu langes Gitarren- oder ein zu langes Schlagzeugsolo?
Ein zu langes Schlagzeugsolo. Jedes Schlagzeugsolo, das länger als 25 Sekunden dauert, ist zu lang.
Welche Songzeile hätte es verdient, als Tattoo gestochen zu werden?
Dürfen es auch vier Zeilen sein?
Es wird einfach ein ziemlich grosses Tattoo.
Dann entscheide ich mich für den Song „Neanderthal Man“ der Band Hot Legs aus dem Jahr 1970: „I’m a Neanderthal man, you’re a Neanderthal girl. Let’s make Neanderthal love in this Neanderthal world.“
Welches ist der schlimmste Nummer-1-Hit aller Zeiten? Ich plädiere für „In The Army Now“ von Status Quo.
Da gibt es Schlimmeres. Zum Beispiel Whitney Houston mit „I Will Always Love You“.
Wichtige Frage: Welcher Song gehört zwingend auf ein Mixtape, das eine schöne, kluge Frau beeindrucken soll?
Ich würde einen Song wählen, der mir gleichzeitig zeigt, ob diese Dame auch wirklich die richtige ist. Dann nämlich, wenn sie das Lied ebenfalls gut findet.
Clevere Strategie.
Darum wähle ich „When I Get To The Border“ von Richard und Linda Thompson.
Das Mixtape war erfolgreich: Bestes Album für Sex?
„45:33“, die zweite Platte von LCD Sound System.
Das Mixtape war erfolglos: Bestes Lied bei Liebeskummer?
Eindeutig eins von Nick Drake. Zum Beispiel „Pink Moon“.
Nehmen wir an, Sie wären Gott.
Das fällt mir nicht schwer.
Welches Mitglied im „27 Club“ hätten Sie nicht so früh sterben lassen, wer sollte noch immer Musik machen? Brian Jones? Jimi Hendrix? Janis Joplin? Jim Morrison? Kurt Cobain? Amy Winehouse?
Tim Buckley.
Der experimentelle Folksänger aus den 70er Jahren?
Genau. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob er tatsächlich Mitglied im „27 Club“ ist. Ich schaue mal schnell im Internet nach. Aha, Tim Buckley starb erst mit 28. Mist!
Also müssen Sie jemand anderen wählen.
Ich will aber keinen von denen zurückholen!
Come on! Jim Morrison! Kurt Cobain! Amy Winehouse!
Dann nehme ich Jimi Hendrix, bin aber wirklich traurig darüber, dass Tim Buckley nicht schon mit 27 gestorben ist.
Der bekannte englische Musikjournalist Jon Savage schrieb kürzlich ein Buch über das Jahr 1966. Nicht genug, dass es fantastische Bands in der Hitparade gab, sie sangen auch Lieder über die Bewusstseinserweiterung durch LSD, für die Bürgerrechtsbewegung oder gegen den Vietnamkrieg. 50 Jahre später sind nicht mehr die Beatles die grösste Band der Welt, sondern die Teenie-Idole One Republic. War es je trauriger als heute, die Hitparade zu hören?
Es war tatsächlich nie trauriger, der Tiefpunkt ist erreicht. Es hört aber auch niemand mehr die Hitparade.
Meine Söhne machen das noch. Ihre Töchter doch bestimmt auch.
Nein.
Weil es ihnen ihr strenger Musikkritiker-Vater verbietet?
Überhaupt nicht. In England ist die Hitparade nur noch ein Instrument für Plattenlabels, um ihren Marktanteil abzuschätzen. Musikalisch und kulturell ist sie völlig irrelevant. Neue Songs entdeckt man über andere Quellen, zum Beispiel Facebook. Im übrigen bin ich überhaupt nicht der Meinung, dass die Musik heute schlechter ist als 1966. Jon Savage ist ein arroganter Sack. Ich habe ihn einmal interviewt, als er eine Platte über Punk aus Los Angeles herausgab. Das Gespräch fand in einem englischen Privatclub statt, wie es sich für einen Snob wie ihn gehört. Nicht genug, dass Savage mich die ganze Zeit belehrte, er öffnete auch einfach plötzlich meine Tasche und zog „The Sun“ heraus. „Why the fuck do you buy ‚The Sun?’“, schrie er mich an. Ein typisches Beispiel dafür, wie arrogant die oberen Schichten in England sein können. Das bringt man denen in diesen teuren Privatschulen bei.
Wie wurde eigentlich ausgerechnet London zu einem Epizentrum von Pop und Rock?
Dafür gibt es viele Gründe: historische, soziale, auch wirtschaftliche. Ich nenne Ihnen nur einen, sonst würde unser Gespräch ausufern: In London fand im Jahr 1133 das erste Musikfestival statt. Ein Pfarrer wollte für sein Hospiz Geld sammeln und organisierte ein Fest, wo drei Tage lang Musiker auftraten. Das war damals völlig neu, da Musik sonst nur am Hof, in der Kirche oder in Kneipen zu hören war.
Okay, erneuter Rhythmuswechsel, wir machen hier eine Art Progressive-Rock-Interview. Ich stelle jetzt ein paar Behauptungen auf und Sie sagen mir, ob Sie damit einverstanden sind.
Bereit.
Einverstanden, dass nur Idioten Luftgitarre spielen?
Blödsinn. Dieses grosse Vergnügen gönne ich mir regelmässig. Zuletzt bei einem Konzert von The Kills.
Aber Headbangen geht gar nicht, oder?
Das stimmt. Heavy Metal ist ganz schlimm. Noch schlimmer ist Hardcore.
Nächste Behauptung: Einverstanden, dass Bob Dylan den Literaturnobelpreis nicht verdient hat?
Quatsch. „Chronicles“ ist eines der besten Bücher über Musik, das ich gelesen habe. Und Dylans Songtexte sind schon hohe Kunst. Einerseits konkret, anderseits sehr vieldeutig.
Einverstanden, dass Depeche Mode doppelt so lang schlechte Musik machen, wie sie gute gemacht haben?
Depeche Mode machten überhaupt nie gute Musik. Während meines Interviews mit ihnen bin ich eingeschlafen. Das ist mir sonst noch nie passiert. Fairerweise muss ich anmerken, dass auch einmal ein Musiker im Gespräch mit mir eingeschlafen ist – Eminem. Das war aber nicht wegen meinen Fragen, sondern wegen seinen Drogen.
Einverstanden, dass Frauen die Musik hören, die sie gut finden, während Männer die Musik hören, von der sie glauben, dass es cool ist, sie gut zu finden? Ich sage nur: „Psychocandy“ von The Jesus and Mary Chain.
Super Album!
Nicht im Ernst. Da hört man ja nur Feedback.
Aber was für welches. Und wissen Sie was? Ich hörte die Platte zum ersten Mal, als sie mir eine Frau vorspielte, die sie ebenfalls toll fand. Darum: Nein, Ihre Theorie taugt nichts.
Nächste Behauptung: Einverstanden, dass Def Leppard besser klingen, seit ihr Schlagzeuger nur noch einen Arm hat? Das ist eine Scherzfrage, aber Sie dürfen trotzdem antworten.
Einverstanden. Allerdings hat das damit zu tun, dass die Studiotechnik besser wurde, während sich der Schlagzeuger von seinem Autounfall erholte. Nach seiner Zwangspause klangen alle Bands besser. Sogar solche mit einem einarmigen Drummer.
Einverstanden, dass Songs, die komplett für ein bestimmtes Musikjahr stehen, extrem schlecht altern? Nehmen wir zum Beispiel „Relax“ von Frankie Goes to Hollywood. Das kann man ja heute nicht mehr hören.
Überhaupt nicht einverstanden. Der Song ist immer noch super. Der Frau des Drummers begegne ich übrigens regelmässig auf einem Friedhof in der Nachbarschaft, wo wir beide mit unseren Hunden Gassi gehen.
Einverstanden, dass die grössten Musikfreaks alleinstehende Männer sind und ihre unzähligen Platten ihr Harem?
Ich kenne tatsächlich ziemlich viele Männer, auf die Ihre Theorie zutrifft, möchte aber betonen, dass ich verheiratet bin.
Punk feiert gerade seinen 40. Geburtstag. Einverstanden mit der legendären Musikjournalistin Julie Burchill? Sie sagte: „Punk was over in two years. That was the only damn good thing about it.“
Bullshit. Das ist ein typisch englisches Phänomen: Einfach etwas behaupten, um eine Reaktion zu provozieren.
Julie Burchill meint es gar nicht so?
Wenn ja, wäre sie eine dumme Kuh. Okay, Punk als Modephänomen war nach zwei Jahren vorbei. Aber der Philosophie von Punk – dass Perfektion nicht so wichtig ist, dass man einfach sein Ding machen soll – verdanken wir enorm viel. Ich denke da nur an all die unabhängigen Plattenlabels, die damals entstanden sind und die Musikszene enorm bereichert haben. Punk war auch sehr offen gegenüber der schwarzen Musik. Bands wie The Slits oder The Ruts übernahmen Reggae-Elemente, Rip Rig + Panic verbanden Punk mit Jazz.
Apropos Punk: 1976 konnte man als Jugendlicher gegen die Gesellschaft rebellieren, indem man sich eine Sicherheitsnadel durch die Wange stach und drei Akkorde lernte.
Zwei reichten auch.
40 Jahre später ist das Widerstandspotenzial von Musik gleich null. Wer heute schockieren will, muss IS-Kämpfer werden.
Da ist was dran, leider. Mit Musik kann man aber noch immer provozieren. Es gibt da eine Band in London, The Fat White Family. Zur Zeit ihres ersten Albums mit dreckigem Rock’n’Roll lebten die Musiker in einem Pub in Brixton, wo sie auch auftraten. Als Margaret Thatcher starb, hängten sie ein Transparent an die Fassade mit der Schlagzeile: „The bitch is dead.“ Das sorgte doch für einigen Rummel.
Nun zu einer wirklich wichtigen Frage.
Und die wäre?
Erklären Sie uns Ihren fantastischen Bart.
Da gibt es nicht viel zu erklären. Ich liess ihn mir aus purer Faulheit wachsen. Ich hatte einfach keine Lust mehr, mich zu rasieren.
Sie haben Ihre Gesichtsbehaarung auch schon als „Hexenbesen“ bezeichnet. Besitzt Ihr Bart Zauberkräfte?
Auf eine Art schon. Wildfremde Frauen wollen ihn berühren, und an der Bar quatschen mich Männer an. Anderseits wird man plötzlich angestarrt oder sogar angepöbelt. In Zürich hörte ich zum Beispiel mal: „Geh nach Hause, Taliban!“
Und wie reagieren die Musiker, die Sie interviewen?
Die ignorieren den Bart komplett. Da fällt mir etwas Lustiges ein. Ich sollte einmal mit Peter Gabriel sprechen.
Ein Kandidat für das dümmlichste Bühnenkostüm aller Zeiten. Er trug einmal eins mit aufblasbaren Hoden.
Tja. Jedenfalls kam Peter Gabriel zum Interview, und ich stellte mit Entsetzen fest, dass ich genau denselben Bart trug wie er. Damals war meiner noch kürzer und spitzer – eben genau wie der von Peter Gabriel. Ich war wie gelähmt und dachte: „Meint der jetzt, ich verarsche ihn, indem ich als sein Klon auftauche?“ Peter Gabriel hat aber nicht mit der Wimper gezuckt. Zwei Jahre später habe ich ihn erneut getroffen und ihm meine Ängste von damals gebeichtet. Er hat sich halb kaputt gelacht und mir ein tolles Interview gegeben. Das hilft natürlich ungemein, wenn dich als Journalist irgendetwas mit einem Star verbindet. Bei einem Gespräch mit Elton John, der einmal Mitbesitzer des FC Watford war, war das das Thema Fussball. Da war auch nicht mehr so schlimm, dass ich mich nach dem Interview verlief und plötzlich in der Suite von Elton John landete. Er hatte gerade seinen Lover auf dem Schoss.
Es kommt Ihnen also bei Ihrer Arbeit als Musikjournalist entgegen, dass Sie auch über Fussball schreiben?
In England sicher.
Weil dort Musik und Fussball zusammengehören?
Seit dem Buch „Fever Pitch“ von Nick Hornby auf jeden Fall. Musik und Fussball mussten in England aber erst zueinander finden. Es gab zwar schon immer Songs über Fussball. Aber Musiker, die wirklich Fussballfans waren, waren lange rar. Die Hippies konnten ja überhaupt nichts mit Fussball anfangen, die fanden ihn zu primitiv. In den 1970er Jahren waren dann aber Rod Stewart und wie gesagt Elton John Fussballfans, und in den 1980er Jahren gab es Bands wie The Wedding Present, die Fussball liebten. Mit Britpop wurde Fussball schliesslich vollends hip, denken wir nur an die Leidenschaft von Oasis für Manchester City.
Ehrlich gesagt schreiben Sie ja in der NZZ seit geraumer Zeit mehr über Fussball als über Musik.
Notgedrungen, das Feuilleton der NZZ bezahlt ja fast nichts mehr. In der „NZZ am Sonntag“ bekomme ich für meine Artikel das Dreifache.
Okay, es erklingen langsam die Schlussakkorde.
Ist gut.
Warum eigentlich der Spitzname „Düsi“?
Als Gymnasiast machte ich regelmässig Orientierungslauf. Einmal sollte ich in einem Viererteam am Kantonalzürcher OL teilnehmen. Doch einer meiner Kumpels tauchte nicht auf, worauf die anderen fanden, jetzt könnten wir uns ja ein wenig entspannen und eine Flasche Wein aufmachen. Ich war nicht einverstanden und drängte dazu, Gas zu geben. So entstand dann das „Düsi“.
Der, der losdüsen will?
Genau. Das Dumme war dann, das ausgerechnet ich, der am wenigsten besoffen war, beim Orientierungslauf ausglitt und eine steile Böschung runterrutschte. Ich musste mich dann an einem Busch festhalten, um nicht fünf Meter in die Tiefe zu fallen. Die anderen grölten sich natürlich halb tot, und seitdem war ich definitiv der „Düsi“.
Nehmen wir an, dieser „Düsi“ hätte einen Menschen getötet und müsste jetzt 20 Jahre in Einzelhaft sitzen. In dieser Zeit dürfte er nur eine Platte hören. Welche würde er ins Gefängnis mitnehmen?
Ich tendiere zu einem Album von Philip Glass. Seine Musik ist so repetitiv, dass man darin immer neue Formen entdeckt. Ein gewöhnliches Album mit Songs würde mir sicher rasch verleiden.
Dann zur letzten und wichtigsten Frage.
Ich bin bereit.
Ist alles nur Rock’n’Roll?
Nein, nicht alles ist Rock’n’Roll. Aber Rock’n’Roll ist ein wichtiger Teil von allem.

 


Von den Arctic Monkeys bis Jay-Z

Es gibt nur ein Thema im Journalismus, über das man ein Leben lang schreiben kann, ohne zum Alkoholiker zu werden: Musik.

Hanspeter „Düsi“ Künzler muss das schon als Teenager geahnt haben. Er veröffentlichte 1973 einen Text über Bob Marley im „Zeitdienst“, der damaligen Zeitschrift der Zürcher Jungkommunisten. Seit einem Auslandsemester in London zuhause, schrieb Künzler dann Musikberichte für die legendäre Zürcher Jugendzeitung „21i“. Kurz darauf rief François Mürner vom neu lancierten DRS3 an und wollte ebenfalls Beiträge.

Seitdem ist Künzler, mittlerweile 60, für eine Vielzahl von Medien tätig – von der NZZ über das Strassenmagazin „Surprise“ bis zum deutschen „Musikexpress“. Immer als Freier und „mit dem grossen Glück, dass in Zeiten weniger Aufträge der Franken stärker ist“.

Fast 3000 Musiker und Bands hat der studierte Anglist und Ideengeschichtler schon interviewt, von den Arctic Monkeys über Fela Kuti und Morrissey bis zu Jay-Z. Daneben beschäftigen Künzler auch immer wieder Buchprojekte, im Moment eins über das 30-jährige Bestehen des englischen Labels Cooking Vinyl.

Was muss man sonst noch über „Düsi“ wissen? Er lebt im Londoner Stadtteil Kilburn in einem typisch englischen Townhouse, das bis unter den Rand mit Platten, Büchern und Kunst gefüllt ist. Nur noch seine Frau Lou (eine erfolgreiche Kinderbuchautorin), die Töchter Lily und Isabel, die Katzen Pingu und Chicken und der Hund Dennis the Menace finden knapp Platz.

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