„Verrückt? Ich? Warum denn?“

irak

Er gerät im Irak unter Beschuss, wird von Kannibalen gejagt oder fährt mit dem Auto in einen Tornado: CHRISTOPH ZÜRCHER, Ressortleiter Gesellschaft bei der „NZZ am Sonntag“, erlebt die wildesten Abenteuer. Ein Gespräch über Journalismus, der sich was traut.

Schweizer Journalist, 1. März 2017 · Dominik Imseng auf Twitter

Wann hat man Ihnen zuletzt gesagt, dass Sie komplett verrückt sind, Herr Zürcher?
Verrückt? Ich? Warum denn?
Als letzten Herbst die Grossoffensive gegen den IS begann, flogen Sie nach Mosul und riskierten dort, erschossen zu werden. Warum machen Sie sowas? Wollen Sie Frauen beeindrucken?
Ich sehe das rein journalistisch. Krieg ist das maximale Drama, es geht um Leben und Tod. Darum war ich mir sicher, dass ich aus Mosul mit einer spannenden Geschichte zurückkehren würde. Natürlich wollte ich auch informieren und die Leser am Kampf gegen den IS teilhaben lassen. Aber in erster Linie wollte ich eine interessante, emotionale Geschichte erzählen. Nennen Sie mich ruhig einen Boulevardjournalisten.
Und dafür riskieren Sie Ihr Leben?
Es ist mein Leben, ich darf damit machen, was ich will. Grundsätzlich sehe ich das Ganze aber weniger dramatisch als Sie. In einem Krieg – selbst an der Front – passiert ja oft sehr lang nichts, dann ist während fünf Minuten die Hölle los, und danach langweilt man sich wieder.
Wie kommt man eigentlich als gewöhnlicher Schweizer Journalist dem IS so nah, dass man von ihm beschossen wird? Sie sind ja kein Kriegsreporter.
Mittlerweile habe ich gute Kontakte im Irak, die mir Zugang zu einer kämpfenden Einheit der kurdischen Peschmerga verschaffen. Als ich das erste Mal über den Krieg gegen den IS berichten wollte, bin ich aber einfach nach Erbil geflogen und dort zur Medienstelle der Autonomen Region Kurdistan gegangen. Wenig später war ich an der Front.
Zwei Irak-Reportagen in weniger als zwei Jahren: Sind Sie ein War Junkie?
Ein Adrenalin-Junkie vielleicht. Wenn es gefährlich wird, fühle ich mich lebendiger. Grundsätzlich aber ist es doch einfach so, dass ich Journalist bin. Und als Journalist ist es mein Job, dorthin zu gehen, wo gerade etwas Wichtiges passiert. Gefahr hin oder her.
Ihre Abenteuerreisen begannen 2004, als Sie die gloriose Idee hatten, in Pakistan Osama bin Laden zu suchen.
So gefährlich war diese Geschichte doch gar nicht.
Man drückte Ihnen ziemlich schnell ein Gewehr an die Schläfe.
Ich war damals aber auch wirklich noch ein Greenhorn, ohne jede Ahnung, wie ein Land wie Pakistan funktioniert, und mit null Sensorium dafür, wem man trauen kann und wem nicht. Ich erinnere mich, dass ich im Basar von Peschawar weit und breit der einzige Mann ohne Bart und Turban war und dass mich das überhaupt nicht beunruhigte.
Sie haben Ihre Suche nach bin Laden als missglückten Selbstmordversuch nach einer gescheiterten Beziehung dargestellt. Ist das Ihre Art Humor oder meinten Sie das ernst?
Es gab damals tatsächlich ein paar private Komplikationen. Darum war ich vielleicht ein wenig lebensmüde und nahm gewisse Risiken in Kauf. Aber ich bin ja wieder heil nach Hause gekommen.
Sie verfassen Ihre Texte in der Ich-Form. Ist das nicht bei der NZZ völlig verpönt?
Als ich vor über zehn Jahren damit anfing, war das sicher der Fall. Man unterstellte mir hemmungslose Eitelkeit. Darum geht es aber überhaupt nicht, sondern um einen dramaturgischen Kniff, den man nicht zuletzt dann anwenden kann, wenn man für eine Geschichte nicht viel Zeit hat. Die Ich-Form sorgt aber nicht nur für einen roten Faden, sondern auch für völlige Transparenz. Sie macht klar, dass da die subjektive Sicht einer konkreten Person vermittelt wird statt die einer pseudo-objektiven Instanz. Davon abgesehen ist die Ich-Form die älteste Erzählperspektive überhaupt. Schon vor zehntausenden von Jahren sassen in der afrikanischen Savanne Menschen um jemanden herum, der etwas erlebt hatte und die Zuhörer nun daran teilhaben liess.

Junglemarathon

Nach einem Ultramarathon in Brasilien.

Einer der Tricks, mit denen Sie für Spannung sorgen, ist die eintauchende Recherche. Statt über die Teilnehmer eines Ultramarathons zu schreiben, rennen Sie selbst mit – und sterben dann beinah an Flüssigkeitsverlust.
Das war natürlich nicht der Plan. Aber um eine Geschichte zu erzählen, braucht es einen Protagonisten. Und diese Rolle übernehme häufig ich. Mit dem Vorteil, dass ich über keinen anderen Protagonisten so gut Bescheid weiss.
Die teilnehmende Recherche zeichnete auch Hunter S. Thompson aus. Für eine Reportage über die Hells Angels wurde er praktisch Mitglied der Gang. Es gibt aber einen grossen Unterschied: Thompson wollte die dunkle Seite der USA beleuchten, Sie hingegen wollen einfach unterhalten.
Und wenn dem so wäre? Eine gute Zeitung sollte wie eine gute Tischkonversation sein. Da gibt es Momente, wo man ernsthaft ist, und solche, wo man über einen Blödsinn lacht. Grundsätzlich habe aber auch ich eine moralische Agenda. Ich will zeigen, wie spannend andere Länder und Kulturen sind. Das klingt jetzt ein wenig kitschig, aber es wäre mir sehr recht, wenn meine Texte zu einer weltoffeneren Schweiz beitragen würden.
Indem Sie beschreiben, wie Sie fast von Kannibalen getötet werden?
Die Reaktionen auf diese „Kannibalen-Safari“ waren tatsächlich gemischt. Ein Leser fand den Text so politically incorrect, dass er sich wünschte, ich wäre gegessen worden. Das ist eben das Risiko, das man eingeht, wenn man über etwas mit einer anderen Haltung schreibt. Sicher, ich hätte die Suche nach Eingeborenen, die noch nie einen Westler gesehen haben, in jeder zweiten Zeile verurteilen können. Aber das hätte doch keine gute Geschichte ergeben. Das ist doch todlangweilig.
Aber eben auch das, was man in der „NZZ am Sonntag“ erwarten würde. Sieht man Sie dort als Nestbeschmutzer, der den seriösen Ruf des Blatts gefährdet?
Es gab schon das eine oder andere Mal Diskussionen über meine Texte, und ich kann auch nicht bestreiten, dass es mir zuweilen Vergnügen bereitet hat, intern ein wenig zu provozieren. Ich würde aber behaupten, dass sich die „NZZ am Sonntag“ und ich in den 15 Jahren, in denen ich nun dort bin, gegenseitig angenähert haben: Ich wurde mehr NZZ-like und die „NZZ am Sonntag“ näherte sich meinem Stil an. Irgendwann kommt eben jeder Underground im Establishment an. Davon abgesehen gab es in der traditionsreichen Geschichte der NZZ durchaus Zeiten, wo sie nicht immer so seriös und ausgewogen daherkam wie in den letzten Jahrzehnten. Lesen Sie einmal eine NZZ aus den 1920er Jahren. Dort schrieben noch ganz andere journalistische Amokläufer.

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Abenteurer-Chic in Afghanistan.

Weniger lang her ist „Tempo“, an das Ihr Stil stark erinnert.
Natürlich habe ich „Tempo“ gelesen und dort auch während der Journalistenschule ein Volontariat gemacht. Aber ich würde jetzt nicht sagen, dass ich unbedingt „Tempo“-Geschichten machen will.
Hunde essen, in der Gruppe onanieren oder Ayahuasca schlucken klingt aber sehr danach.
Und trotzdem würde ich „Tempo“ nicht als meinen grössten Einfluss bezeichnen. Ein Niklaus Meienberg war für mich viel bedeutender. Seine Leidenschaftlichkeit habe ich sehr geschätzt und vermisse sie im heutigen Journalismus. Diese Art Radikalität ist irgendwie verloren gegangen. Journalismus ist ein Job wie jeder andere geworden, den man erlernt und dann einfach nach Schema F praktiziert. Eine Art Informationsservice. Aber in Wahrheit geht es doch überhaupt nicht darum, ob man weiss, wie man eine Reportage, ein Porträt oder einen Kommentar schreibt. Es geht um eine eigene Perspektive und darum, dass man für immer und ewig auf Distanz geht. Zu allem und zu allen.
Der Journalist als einsamer Wolf?
Es ist tatsächlich so, dass ich für einen Journalisten, der nicht ein wenig vereinsamt ist, nur schwer Respekt haben kann. Journalismus ist für mich in erster Linie eine Haltung. Und die ist: Ich gehöre zu niemandem. Man muss sich immer fragen: Ist das wirklich wahr, was alle schreiben? Ist das wirklich eine interessante Geschichte? Alles andere ist graduell PR. Man schreibt für Interessengruppen. Das ist für mich das Schlimmste.
Gehen Sie doch zur „Weltwoche“. Dort können Sie schreiben, was alle andern nicht schreiben wollen.
Tatsächlich hat Roger Köppel, dessen politische Ansichten ich nicht immer teile, fantastischen Journalismus gemacht. Vor allem in der Zeit, als er nicht mehr links war, aber auch noch kein Parteijournalist. Ich spreche von seinen Jahren beim „Magazin“ und von seiner ersten Zeit bei der „Weltwoche“. Das war wahrhaft unabhängiger Journalismus. Journalismus, der sich etwas traute. Von Autoren mit Charisma, die überzeugend argumentierten, warum man etwas auch anders sehen konnte. Das lernt man natürlich nicht in den Journalistenschulen. Man kann ja nicht aus jedem beliebigen Menschen einen Freigeist machen. Das ist etwas, was man mitbringen muss. Einen gewissen Schmiss. Eine gewisse Coolness.
Journalismus als Lebensform?
Warum nicht. Dieser Beruf ist wie der Eintritt in ein Kloster, ein Abschied vom gewöhnlichen Leben. Im Grunde müsste man von Journalisten eine Art Gelübde verlangen. Für reinen, heiligen Journalismus.
Das klingt nach Project R. Das Medien-Startup will dem Journalismus seinen Platz in der Demokratie zurückgeben und wird dafür wohl auf Werbung verzichten.
Die Radikalität und Konsequenz dieser Vision finde ich auf jeden Fall gut. Journalismus ist ja wirklich eine ziemlich leidenschaftslose Angelegenheit geworden. Ich stelle ein allgemeines Ermatten fest. Das war vor 20 Jahren noch anders.
Da verdiente man mit Journalismus auch noch Geld.
Das ist schon richtig. Trotzdem muss man deswegen nicht so pragmatisch und nüchtern werden wie heute. Es werden ja am Laufmeter Konzepte geschrieben, wie die Zukunft des Journalismus aussehen soll. Mit Konzepten aber wird man den Journalismus nicht retten. Nur mit Journalisten, die berühren, weil sie ihre Arbeit mit Herzblut machen.

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Mit Drogenschmugglern in Mexiko.

Wie kommen Sie eigentlich auf Ihre verrückten Geschichten? Klauen Sie die bei „Vice“?
Überhaupt nicht. „Vice“ finde ich mittlerweile ziemlich dröge. Meine Geschichten finde ich, indem ich Augen und Ohren offenhalte. Der Text über die Kannibalen in Indonesien wurde zum Beispiel von einer kleinen Meldung in einem Outdoor-Magazin inspiriert.
Die Story war unglaublich, fast schon unglaubwürdig. Wie weiss ich eigentlich, dass Sie kein zweiter Tom Kummer sind und ungeniert hinzudichten?
Glauben Sie mir: Wenn ich meine Geschichten erfinden würde, wären sie noch um einiges verrückter. Aber natürlich lasse ich die Momente weg, wo nichts Spannendes passiert ist.
Oder die Momente, die Sie kompromittieren. Ich denke da an Ihre Reportage aus Djibouti, wo Sie tagelang in einem Bordell rumhingen. Dort blieb es doch nicht nur bei ein paar Drinks, wie Sie schreiben.
Im Ernst: Ich war dort absolut anständig und hätte auch kein Problem zuzugeben, wenn das Gegenteil der Fall gewesen wäre. Davon abgesehen ist Djibouti eine wirklich coole Stadt, die ich jedem nur empfehlen kann.
Sie waren dort ständig von Kat berauscht.
Die tollste und gesündeste Droge, die es gibt. Leider ist es ziemlich schwierig, sie in Zürich zu bekommen.

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Mit Bodyguards in Somalia.

Wie lange brauchen Sie jeweils, um Ihre Abenteuer aufzuschreiben? Mit 20’000 Zeichen gehören Ihre Texte regelmässig zu den längsten im Blatt.
Ich sitze vielleicht drei, vier Tage an einem Text. Ist das schnell oder langsam? Ich weiss es nicht. Auf jeden Fall schreibe ich gern, ohne dabei gross zu leiden. Ich mache diese leicht verrückten Reisen auch nur, um Stoff zum Schreiben zu haben. Ein anderer Inhalt fällt mir schlicht nicht ein.
Niemand sonst im Schweizer Journalismus macht, was Sie machen. Und doch sind Sie bei der Wahl zum Journalisten des Jahres kein Thema. Noch nicht einmal in der Kategorie „Gesellschaft“ sind Sie regelmässig nominiert. Und wenn ja, landen Sie abgeschlagen auf den letzten Plätzen.
Tja. Vielleicht sollte ich ein besserer Netzwerker werden und mich mit ein paar Journalisten anfreunden. Unter den 30, 40 namhaftesten Journalisten des Landes zu sein, ist aber auch super. Ausserdem kenne ich sehr viel bessere Journalisten als mich, die überhaupt nie erwähnt werden. Meine Zufriedenheit würde durch die Wahl zum Journalisten des Jahres ohnehin nicht grösser. Ich möchte einfach machen können, was ich will.
Das können Sie tatsächlich. Manchmal sind Sie wochenlang im Ausland und machen Ihren Ressortleiterjob übers Internet.
Was soll ich dazu sagen. Ich habe in Felix E. Müller einen sehr guten Chef.
Ich würde gerne noch auf Ihr grösstes Abenteuer überhaupt zu sprechen kommen: Ihre Kurzehe. Zwei Wochen, nachdem Sie hundert Leute zur Hochzeit eingeladen hatten, waren Sie bereits wieder geschieden.
Ups. Sie wissen davon?
Sie können jetzt darüber reden oder versprechen, eines Tages darüber zu schreiben.
Tja. Das war seit eh und je eine sehr turbulente Beziehung. Wir waren schon drei-, viermal zusammen und dann wieder getrennt. Die Hochzeit liess das Ganze dann definitiv ausser Rand und Band geraten. Aber bitte quälen Sie mich nicht. Ich bin heute glücklicher Götti des Töchterchens meiner Exfrau. Sehen Sie mal auf dem Bild hier, wie süss die Kleine ist. Alles gut, glauben Sie mir!
Wie geht es mit Ihnen weiter? Bleiben Sie bis zur Pensionierung bei der „NZZ am Sonntag“ und schreiben Ihre Abenteuergeschichten?
Das denke ich weniger, um ehrlich zu sein. Ich bin jetzt 20 Jahre im Journalismus, vielleicht mache ich mal was anderes. Auswandern wäre auch ein Thema, nach Irland oder Argentinien. Eine weite, leere Pampa, ein Kaminfeuer, ein paar Pferde, ein Hund … ich glaube, das würde mir gefallen. Obwohl – die Welt scheint gerade spannender und spannender zu werden. Vielleicht sollte ich doch noch eine Weile Journalist bleiben.


Christoph Zürcher, Journalist, Zürich

Christoph Zürcher, Abenteuerjournalist

„Ich muss mich im Leben schon auf grösseren Blödsinn eingelassen haben. Ich weiss im Augenblick nur nicht wann.“ So beginnt eine typische Christoph-Zürcher-Geschichte.

Für seine Reportagen nimmt der Ressortleiter Gesellschaft der „NZZ am Sonntag“ erhebliche Risiken in Kauf. Er machte einen Roadtrip zu den Taliban, liess sich auf somalische Piraten ein oder lief in Äthiopien Gefahr, kastriert zu werden. Ein weiteres Kennzeichen seiner Texte ist der volle Körpereinsatz: Zürcher rannte für eine Reportage dreimal einen Berg hoch, ass Hunde oder badete in radioaktivem Wasser.

Könnte man ihn als Marina Abramović des Journalismus bezeichnen? Setzt Zürcher seinen Körper mit Absicht Strapazen aus? „Vielleicht“, sagt er. „Es ist aber auch einfach so, dass ich das Konkrete dem Abstrakten vorziehe, und dreimal einen Berg hochzurennen, ist ziemlich konkret.“ Wieder zurück im Büro, erzählt Zürcher seine Abenteuergeschichten mit viel Humor und mindestens so vielen Cliffhangern wie in einem Martin-Suter-Roman.

Christoph Zürcher wurde 1965 geboren. Er studierte an der Universität Zürich allgemeine Geschichte, Soziologie und politische Wissenschaften. Nach der Ringier-Journalistenschule war er bei der „Schweizer Woche“ und bei „Cash“ tätig. Seit 2002 ist er im Ressort Gesellschaft der „NZZ am Sonntag“, seit 2004 als Ressortleiter. 2014 erschien eine Sammlung seiner Reportagen unter dem Titel „Wie ich Kannibalen, Taliban und die stärksten Frauen der Welt überlebte“ (Orell Füssli).

Christoph Zürcher ist auch Gründer der Afghan Ski Challenge („No weapons allowed“), einer gemeinnützigen Veranstaltung, die Afghanen fürs Skifahren begeistert. Seine Reportage über die erste Austragung des Skirennens führte – wohl einmalig im Schweizer Journalismus – zur Eröffnung einer Bar: dem Bamyan Ski Club in St. Moritz.