Wer bin ich?

Irisierendes Alter Ego: Levin Goes Lightly (Bild: Marina Mónaco)


Der deutsche Geheimtipp LEVIN GOES LIGHTLY überzeugt auch auf seinem fünften Album mit elektrisierendem Post-Post-Punk.

Weltwoche, 5. Dezember 2024 · Lesedauer 3 Min.

Wäre die Welt gerecht, gäbe es weder Armut noch Kriege und Levin Stadler würde Arenen füllen. Aktuell aber hat der Bayer kaum mehr als 10’000 monatliche Hörer auf Spotify und verdient sein Geld darum als Grafiker.

Nach der Arbeit jedoch – im Tonstudio und noch bis Ende Jahr in deutschen Clubs – wird aus Levin Stadler Levin Goes Lightly: eine grell geschminkte Kunstfigur, die an die Verwandlung des schüchternen Vorstadtjungen David Robert Jones in die flirrende Bühnenpersona David Bowie erinnert, der sich danach in weitere Alter Egos auffächerte, von Ziggy Stardust über Aladdin Sane bis hin zum Thin White Duke.

Das tut auch Levin Goes Lightly, der sich seit der Lo-Fi-Indierock-EP „Dizzy Height“ von 2013 unentwegt verpuppt, um erneut zu schlüpfen, sich wieder einspinnt und abermals befreit.

Die endlosen Metamorphosen des Wahl-Stuttgarters begannen 2015 mit dem Album „Neo Romantic“, das tatsächlich so klang, als hätte es der DJ Rusty Egan schon Ende der 1970er Jahre im Londoner Blitz-Club aufgelegt, wo die New Romantics zu Suicide und Joy Division Jive tanzten.

Dann kam „Ga Ps“ von 2017, auf dem Levin Goes Lightly seinen Post-Post-Punk weitertrieb, noch ein wenig mehr in die Dunkelheit hinein, ins Unbekannte und Gefährliche, bis der Musiker 2019 auf „Nackt“ mit einem neuen Mass an Intimität überraschte, indem er nicht mehr auf Englisch sang, sondern in seiner Muttersprache. Eine weitere kluge Entscheidung von Levin Goes Lightly war es, im Studio noch mehr auf Synthesizer und Drumcomputer zu setzen, weil nichts eine Stimme uns mehr berühren lässt, als wenn sie das einzig Echte in einer Welt des Künstlichen ist, das einzig Lebende in einer Welt der Maschinen.

2021 erschien das Album „Rot“, inspiriert vom traurigen Scheitern einer langjährigen Beziehung. Da die Welt gleichzeitig in eine Pandemie schlitterte, musste der Mittdreissiger den Lockdown in doppelter Einzelhaft absitzen, was ihm künstlerisch bekam: Der Song „Liebhaber“ hätte es verdient, dass ihn Zehntausende mitsingen. Aber eben: Wer hat gesagt, dass die Welt gerecht sein muss?

Und nun, vor wenigen Wochen veröffentlicht: „Numb“, das fünfte Album von Levin Goes Lightly, wo der Bayer mit der charmanten Zahnlücke wie schon auf dem Vorgänger halb auf Deutsch, halb auf Englisch singt, weil offenbar auch dies zu seinem irisierenden Alter Ego gehört. Die Themen aber sind in beiden Sprachen dieselben: die Liebe und wie uns die Spannung zwischen dem Wunsch, uns zu verbinden, und dem Bedürfnis, uns zu schützen, mitunter zerreisst. Die Reise aus der Dunkelheit ans Licht und zurück in die Dunkelheit. Die Melancholie, die manchmal so gross wird, dass es darauf im Song „Headbanging“ nur eine einzige Reaktion geben kann: wie verrückt den Kopf schütteln, ihn wild kreisen lassen, damit der Schmerz der Seele auch den Körper erfüllt.

Und so wird das – bitte, bitte – immer weitergehen mit diesem kommerziell gesehen inexistenten, künstlerisch aber umso lebendigeren Musiker. Levin Stadler alias Levin Goes Lightly wird das Verwirrende der Liebe auch auf seinen nächsten Alben besingen. Er wird auch in Zukunft keine rauen Kanten glätten und stattdessen all das Widersprüchliche in uns feiern, all das Dazwischen und Sowohl-als-auch. Und er wird dies erneut mit grösster Kunstfertigkeit tun und mit einem tiefen Verständnis dafür, wie Musik uns bewegen kann, wie sie uns fühlen lassen kann.

Levin Goes Lightly: Numb (Tapete Records) auf Spotify