Kälte und Wärme

Vertonter Nervenzusammenbruch: Dave Ball und Marc Almond von Soft Cell

Das britische Elektropop-Duo SOFT CELL veröffentlicht ein neues Album. Man darf es ignorieren. Aber vor 40 Jahren waren Sänger Marc Almond und Keyboarder Dave Ball stilbildend.

Weltwoche, 17. Februar 2022 · Lesedauer 5 Min.

„Das ist ein Akkord, das ein zweiter und das ein dritter. Jetzt gründe eine Band.“ Nur wenige Jahre nach dem befreienden Dilettantismus des Punk entstand eine noch radikalere Do-it-yourself-Philosophie. Denn mit den ersten erschwinglichen Synthesizern brauchte es nur noch den Zeigfinger, um Musik zu machen. Vorausgesetzt, er landete auf den richtigen Tasten.

Auch der Kunststudent Dave Ball aus der nordenglischen Küstenstadt Blackpool besorgte sich Ende der 1970er Jahre eines dieser neuartigen elektronischen Tasteninstrumente. Zuerst nutzte er seine Klangmaschine von Korg, um die bizarre Performancekunst von Marc Almond – einem befreundeten Kommilitonen – mit Soundcollagen zu untermalen. Als sich herausstellte, dass dieser Almond genauso gern sang, wie seinen nackten Körper vor Publikum mit Katzenfutter einzuschmieren, nannten sich die zwei Studenten Soft Cell und begannen, schräge Popsongs zu schreiben.

Nach dem vergeblichen Versuch, ein Plattenlabel von ihrem Talent zu überzeugen, lieh sich Dave Ball von seiner Mutter 400 Pfund, damit Soft Cell 1980 die Kurz-LP „Mutant Moments“ veröffentlichen konnten. Eine Investition, die sich auszahlte, denn die vier Songs fanden bei Stevo Pearce Anklang, einem Londoner DJ, der frühen Elektropop von Bands wie Orchestral Manoeuvres in the Dark oder The Human League auflegte. Tatsächlich war Pearce so begeistert von Soft Cell, dass er per Anhalter nach Leeds fuhr, um sich der Band als Manager anzubieten – im reifen Alter von gerade mal 17 Jahren.

Seiner Unerfahrenheit zum Trotz schaffte es Pearce, dass kurz darauf Phonogram Soft Cell unter Vertrag nahm. „Memorabilia“ – die Debüt-Single vom März 1981 – floppte allerdings. Zu avantgardistisch war das Stück, das mit seiner repetitiven Basslinie Acid House vorwegnahm. Darum verlangte das Label eine Nachfolge-Single mit mehr Chartpotenzial, ansonsten die Zusammenarbeit mit der jungen Band beendet würde.

Soft Cell packten ihre letzte Chance gekonnt, indem sie eine Coverversion von „Tainted Love“ aufnahmen, einem 1965 veröffentlichten Song der Amerikanerin Gloria Jones, der in den Northern-Soul-Clubs lief, in denen Dave Ball als Teenager die Nächte durchtanzte. „Ich muss den Song wohl etwa 1975 zum ersten Mal gehört haben“, erinnerte sich Ball in einem Interview. „Zu einer Zeit, wo ich gerade das Album ‚Autobahn‘ von Kraftwerk entdeckte.“

Und genau so klingt „Tainted Love“ denn auch in der Version, die Soft Cell in gerade mal einem Tag aufnahmen – wie eine Mischung von Motown und Kraftwerk, Wärme und Kälte, Mensch und Maschine. Wo das Original von Gloria Jones auf Gitarre, Bläser und viel Tempo setzte, warfen Soft Cell all dies über Bord und machten „Tainted Love“ langsamer, dunkler, hypnotischer. Und dann war da noch dieses seltsame elektronische „Bink-Bink“-Geräusch, das den Song durchzog. Der vielleicht minimalste Hook der Popgeschichte, der aber gerade darum die im Juli 1981 veröffentlicht Single zum weltweiten Hit werden liess.

Mischung von Motown und Kraftwerk: „Tainted Love“ von Soft Cell (1981)

Auch in den USA war der Song in den Top Ten, was sich gut traf, denn Soft Cell wollten ihr Debütalbum in New York aufnehmen. Dort stürzte sich das Duo – befeuert von der damals neuen Droge Ecstasy – nicht nur in die Arbeit an weiteren Liedern, sondern auch ins pulsierende Nachtleben. Neben den angesagten Clubs der Stadt wie Danceteria oder Paradise Garage war es vor allem das New Yorker Rotlichtmilieu, das die beiden Briten anzog. Wie sehr die Trash-Ästhetik von schmierigen Sexkinos und traurigen Peepshows Soft Cell faszinierte, zeigt der Titel ihres ersten Albums, das im November 1981 erschien: „Non-Stop Erotic Cabaret“.

Die Platte enthielt Elektropop-Perlen wie das verspielte „Bedsitter“ oder das wunderbar melodramatische „Say Hello, Wave Goodbye“, die dem Duo weitere Hits bescherten – diesmal sogar selbstgeschriebene. Doch je populärer Soft Cell wurden, desto mehr hatte die Band das Gefühl, dass ihr Erfolg in den Charts ein einziges grosses Missverständnis war. Sah denn niemand, dass Marc Almond und Dave Ball in Wahrheit Untergrundkünstler waren – inspiriert von experimentellen Bands wie Throbbing Gristle oder Suicide und voller Verachtung für das Musikgeschäft, das Kommerz über Kreativität stellte?

Eine gehörige Portion Provokation musste her, fand das Duo. Ein für alle Mal sollte klargemacht werden, dass Soft Cell keine tumbe Popkombo waren, sondern eine Kultband. Also liessen Marc Almond und Dave Ball für die nächste Single ein Video drehen, das von A bis Z auf Skandal gebürstet war – mit Transsexuellen, Rinderhäften und einem Kleinwüchsigen in einem Fetischkostüm, passend zum provokanten Titel des Songs: „Sex Dwarf“.

Das Video war ein gewaltiger Skandal, obwohl es gar niemand zu sehen bekam. Denn das Filmmaterial wurde von der britischen Polizei konfisziert, die Ausstrahlung des Machwerks verboten. Mittlerweile findet es sich – natürlich – im Internet, allerdings in zwei Versionen: der ursprünglichen und einer jugendfreien. (Sie werden rasch merken, welche Sie gefunden haben.)

Die Zensurmassnahme in Verbindung mit dem pausenlosen Drogenkonsum der zwei Musiker – neben Ecstasy am liebsten Kokain und LSD – führte dazu, dass Soft Cell fortan einen Kurs der aggressiven Unkommerzialität fuhren. Statt wie gewünscht Hits zu liefern und nett von den Titelseiten der Teenagermagazine zu lächeln, wurden ihre Kompositionen immer sperriger und die Texte immer sarkastischer – Marc Almond sang am liebsten über Vorstadtalbträume, frustrierte Hausfrauen auf Valium, anonymen Sex.

Der Höhe- oder besser Tiefpunkt der Auseinandersetzung zwischen Soft Cell und ihrem Plattenlabel erfolgte im Februar 1983, als Phonogram die Single „Numbers“ nur im Duo-Pack mit einer Gratis-Version von „Tainted Love“ auf den Markt bringen wollte. Für Marc Almond eine solche Verletzung seiner künstlerischen Ehre, dass er – randvoll mit Drogen – zu Phonogram marschierte, sich einen Feuerlöscher schnappte und begann, goldene Schallplatten zu zertrümmern.

Spätestens bei den Aufnahmen zum dritten Album – „This Last Night in Sodom“ – wurde dann alles zu viel. Das Duo betrieb darauf Selbstzerstörung als Kunstform und hasste die Musikindustrie (und sich selbst) mittlerweile so sehr, dass viele der neuen Songs krude Monoaufnahmen waren. Und doch: Was sich 1984 wie ein vertonter Nervenzusammenbruch anhörte, offenbarte sich als wegweisend für etliche spätere elektronische Musikstile – von Industrial über Darkwave bis Techno.

Dass Marc Almond und Dave Ball inzwischen nicht mehr mit all jenen Schritt zu halten vermögen, die musikalisch in ihre Fussstapfen getreten sind, zeigte sich erstmals 2002, als das wiedervereinigte Duo das wenig überzeugende Album „Cruelty Without Beauty“ vorlegte. Auch „Happiness Not Included“, das neuste Werk der Band, für das sie sich 20 Jahre Zeit liess, enthält keine musikalischen Glücksmomente. Mit einer Ausnahme – dem Song „Nostalgia Machine“. Und zwar dann, wenn man ihn als Einladung hört, wieder einmal die ersten drei Platten von Soft Cell aufzulegen – dieser Punkband mit Synthesizern, diesen Popstars wider Willen.

Leidenschaftlicher und verrückter, aber auch kreativer und wegweisender waren die 1980er Jahre selten.