Die Retter der Welt

Coed+HillsBild: Matt Kirby, Cardiff

Wie reduziert man seinen ökologischen Fussabdruck auf Null? Die Hightech-Hippies von COED HILLS leben’s vor.

NZZ am Sonntag, 15. November 2009 · Dominik Imseng auf Twitter

Im Grunde war es nur eine gefilmte PowerPoint-Präsentation, gehalten von einem Mann, für den das Wort Charisma nicht erfunden wurde. Und doch machte Al Gores „Eine unbequeme Wahrheit“ klar, dass wir jetzt endlich etwas tun müssen gegen den Klimawandel: nämlich Socken anziehen statt die Heizung hochdrehen oder für die 100 Meter zum Zigarettenautomaten nicht das Auto nehmen oder den Fernseher nicht nur mit der Fernbedienung ausmachen, also alles ziemlich mühsames Zeug, und so produzieren denn 99,999% der Menschen in den Industrieländern immer noch mindestens fünfmal mehr Kohlendioxid, als klimaverträglich ist.

Um ein paar der anderen 0,001% zu treffen, muss man sich zu Saint Hilary durchfragen, einem Dörfchen in den sanften Hügeln Wales’, das mit seinen niederen Häusern wie das Auenland aus dem „Herrn der Ringe“ wirkt. Dort wandert man an der alten roten Telefonzelle vorbei ein paar hundert Meter talwärts, bis man zur Siedlung Coed Hills kommt, einem Ort, wo die Männer Bärte haben oder lange Haare oder beides, wo die Frauen manchmal beim Ja-Sagen den Kopf schütteln, weil sie eine Zeitlang in Indien gelebt haben, und wo im Radio gerade John Lennon singt, als ich ankomme.

Ich bin also in einer Art Hippie-Kommune gelandet, wenn man Menschen, die die Liebe, den Frieden und das Glück suchen, auch 40 Jahre nach Woodstock noch Hippies nennen will. Apropos Liebe: Vor ein paar Jahren fand einer der Kommune-Männer, dass die Kommune-Frauen alle mit ihm ins Bett gehen sollten, doch mittlerweile ist das Team perfekt und auch klar, was die Kommune genau will: nämlich gemäss den Prinzipien des sogenannten „Low impact living“ zu leben, also ihren ökologischen Fussabdruck auf ein Minimum zu beschränken.

Das machen die Bewohner von Coed Hills dadurch, dass sie die ressourcenschonende Lebensweise unserer Vorfahren mit nachhaltigen Energietechnologien verbinden. Konkret: Die etwa 20 Kommunarden leben in Holzhütten, Tipis, Jurten oder Häusern aus Strohballen und nutzen gleichzeitig Sonnenenergie. Sie sind dank ihrem Obst- und Gemüsegarten zumindest im Sommer komplett autark und haben Windturbinen. Sie schmieden, töpfern, flechten, weben und programmieren danach ihren Hightech-Holzboiler.

Kurz: Coed Hills ist Bauernhof und Experimentierlabor, Mittelalter und Effizienzrevolution, Nostalgie und Utopie – eine Verbindung von Gegensätzen, wie sie auch der sogenannte „Lifestyle of Health and Sustainability“ fordert, der nach „Eine unbequeme Wahrheit“ in den Industrieländern populär geworden ist und der das Problem des Klimawandels, den unser Konsum verursacht hat, durch Konsum auch wieder lösen will: Es müsse einfach bewusster, intelligenter Konsum sein, der die Antithesen Genuss und Umweltbewusstsein, Luxus und Ökologie, Materialismus und Engagement vereine, ja dialektisch aufhebe. Das Problem aber ist, dass dieser „Lifestyle of Health and Sustainability“ zwar vielleicht zu klügerem Konsum führt, aber eben nicht zu weniger: Das modische Öko-T-Shirt wird schon nächsten Monat durch ein noch modischeres ersetzt, die Trauben sind Bio, aber aus Südafrika, und die Kompensation von Flügen – eine Art ökologischer Ablasshandel – ist so günstig, dass sie fast schon Lust macht, an noch mehr Wochenenden mal eben schnell nach Barcelona, Dublin oder Berlin zu jetten, so gut tut das ja der Umwelt.

„Lifestyle of Health and Sustainability“? Davon haben die Bewohner von Coed Hills noch nie gehört. Stattdessen setzen sie auf die Kraft der Kunst, um die (im übrigen jederzeit willkommenen) Besucher der Kommune zu einer nachhaltigen Lebensweise zu inspirieren: Überall auf dem über 70 Hektar grossen Gelände befinden sich Skulpturen, Objekte und Installationen: aus Ästen geflochtene menschliche Körper, Bäume, um die farbige Tücher geschlungen sind, ein Kanu in Drachen-Form – bis hin zum eindrücklichsten Kunstwerk von Coed Hills: ein riesiger am Sonne-Mond-Kalender orientierter Steinkreis, eine Art Stone Henge für das dritte Jahrtausend, das zu errichten Jahre gedauert hat und neben dem eine riesige Windturbine surrt. Und all dies: die Jurten und die Sonnenkollektoren, die Schmiedebälge und die Laptops, die Vergangenheit der Zukunft und die Zukunft der Vergangenheit – all dies bildet die Bühne für eine Rund-um-die-Uhr-Performance, die das Kommune-Mitglied Matt, der die Windturbinen mit den Sonnenkollektoren synchronisiert, eine „Inszenierung der Kunst des Lebens“ nennt. Und Chris, der im Gemüsegarten arbeitet, sagt: „Wir wollen nicht protestieren und nicht predigen. Wir wollen einfach inspirieren.“ Und Angharad, die das Brot bäckt, sagt: „Ich will auf Zehenspitzen über die Erde gehen.“ Und Rachel, die sich um die Kulturfestivals und Workshops kümmert, die die Kommune finanzieren, sagt: „Warum ich hier bin? Vielleicht, weil ich Angst habe. Vielleicht aber auch, weil ich es liebe, Holz zu hacken.“ Und dann sagt wieder Matt etwas: „Wir sind nicht alternativ. Wir sind eine Alternative.“ Und dann wieder Chris: „Wir zeigen, wie man in der Welt von morgen überlebt.“ Und dann wieder Angharad: „Ich will mich um die Erde kümmern.“ Und dann kommt John „The Pilot“ angeradelt, der eigentlich gar nicht zur Kommune gehört, aber ihr sehr zugetan ist, vielleicht weil er in einem der absurdesten Ölkriege überhaupt gekämpft hat: dem Falkland-Krieg, 12’500 Kilometer von Wales entfernt, dann kommt also John „The Pilot“ angeradelt und sagt: „Schau dir diese Bäume an. Der dort ist 150 Jahre alt, der dort 200 und der dort hinten 300. Darum geht es bei Coed Hills. Um das Ewige im Wandel. Um das Wesen der Dinge. Um das, was wirklich zählt.“

„Was wirst du von Coed Hills mitnehmen?“, fragt mich Angharad, die sich, wenn sie nicht Brot bäckt, an jedes Klavier setzt, um wie Holly Hunter in „The Piano“ zu spielen: „Wie wirst du Mutter Erde weniger zur Last fallen?“

„Das wird schwierig, Angharad. Meine Wohnung ist viel zu gross. Sie zu heizen, benötigt viel zu viel Energie“, sage ich und fühle mich wie ein Robbenbaby-Schlächter. Zumindest hoffe ich, dass sich Robbenbaby-Schlächter so fühlen.

„Hast du einen Garten? Kannst du Gemüse anpflanzen?“

„Wir versuchten einmal, Salat anzupflanzen. Aber die Schnecken haben ihn gefressen.“

„Streue geröstete Eierschalen auf die Erde“, sagt Angharad: „Das mögen die Schnecken nicht.“ Und dann sagt Angharad noch: „Auch Hühnerdreck hilft.“

Im Jahre des Herrn 2099, wenn die grosse Flut über die Erde kommt, werden sich von allen Völkern der Erde je ein Mann und eine Frau auf den Weg zu einem Ort in der Nähe eines kleinen Dorfes in den sanften Hügeln Wales’ machen, weil sie gehört haben, dass dort ein gewaltiges Schiff entstanden sein soll: dreihundert Ellen lang und fünfzig Ellen breit, aus Buchenholz und mit Pech abgedichtet, und während das Wasser um sie herum immer höher steigt, werden die Menschen an Bord dieses riesigen Schiffes gehen, auf dem sie Männer mit Bärten oder langen Haaren oder beidem erwarten und Frauen, die beim Ja-Sagen manchmal den Kopf schütteln.

Und im Radio wird John Lennon singen.