
Die Schwedin ROBYN veröffentlicht nach acht Jahren ein neues Album. Darauf singt sie über Kontrolle. Und ihren bewussten Verlust.
Weltwoche, 23. April 2026 · Lesedauer 3 Min.
Wenn Pop perfekt ist, ist er eine Maschine, um Gefühle zu erzeugen. Die richtigen musikalischen Ideen werden sauber miteinander verschweisst und hunderte kluge Entscheidungen getroffen: Genau so müssen die Keyboards klingen. Genau jetzt braucht es ein überraschendes perkussives Element. Genau an dieser Stelle muss der Bass einsetzen. Oder nein: Wie wäre es ohne Bass, so wie bei „When Doves Cry“ von Prince? Stimmt, klingt besser – also ohne Bass. Auch die ideale Balance zwischen Wiederholung und Abweichung, Erwartung und Überraschung ist wichtig. Zu viel vom einen oder andern, und die Maschine fängt an zu stottern. Dann fühlen wir nichts.
Pop als Ingenieurskunst: So wurde 2010 auch „Dancing On My Own“ zum Welthit, ein Lied der schwedischen Sängerin Robyn. Ein treibender Sequencer, ein Four-on-the-Floor-Beat, eine Stimme, die gleichzeitig stark und zerbrechlich war, und eine Geschichte, die jeder verstand: Eine Frau erfährt, dass ihr Ex, den sie nicht vergessen kann, eine neue Freundin hat. Also stellt sie den beiden nach und muss zusehen, wie sich das verliebte Paar in einem Club küsst, während die heimliche Beobachterin allein in einer Ecke tanzt.
Eine durchschnittliche Künstlerin hätte aus dieser Herzschmerzgeschichte statt eines Dancefloor-Krachers eine sülzige Ballade gemacht. Die schlaue Robyn aber weiss: Wie perfekter Pop ist auch der menschliche Körper eine Maschine, die Gefühle erzeugt. Die Euphorie beim Tanzen in einem Club und die Melancholie nach einer gescheiterten Beziehung sind keine Gegensätze, sondern die Wirkung ein- und derselben Hormone. Nur schütten wir einmal zu viel und einmal zu wenig davon aus.
Dopamin, Serotonin, Oxytocin: Diese kleinen chemischen Explosionen in unserem Körper, die Gefühle überhaupt möglich machen – genau darum geht es auch auf Robyns neuem Album „Sexistential“, dem ersten seit 2018, so wie es schon davor eine Pause von acht Jahren gab. Und davor eine von fünf. Tatsächlich verläuft die Karriere der Schwedin wie eine Reihe vorsichtiger Kurskorrekturen. Immer wieder ist es jahrelang still um Robyn, bis sie plötzlich wieder auftaucht, sich dann abermals zurückzieht und den Eindruck erweckt, dass sie das Popgeschäft endgültig verlassen hat, um eines Morgens wie aus dem Nichts heraus eine Welttournee anzukündigen.
Während die meisten Popstars fürchten, dass sie in Vergessenheit geraten, wenn sie nicht pausenlos die Algorithmen der Streaming-Plattformen füttern, ist Robyn diesbezüglich angstfrei. Aus gutem Grund: Durch den erfolgreichen Kampf gegen die Bevormundung durch Plattenfirmen hat sich die Schwedin als feministische Ikone etabliert, die dank ihrer verletzlichen Texte auch eine grosse queere Fangemeinde hat und darum jedes Album als eine bewusste Entscheidung verstehen darf.
Und die lautet bei Robyn jetzt: Ich will über das Leben – und den Körper – eines Popstars in der Menopause singen. Über das Scheitern einer Beziehung. Über den Entschluss, mit über 40 ohne Partner schwanger zu werden. Über künstliche Befruchtung. Über die Liebe zu ihrem Söhnchen, das sie allein aufzieht. Und über das eigenartige Gefühl, gleichzeitig verletzlich und unzerstörbar zu sein.
Das klingt nach Konzeptkunst. Robyn aber macht etwas viel Besseres daraus: ein Album über Kontrolle und ihren bewussten Verlust. Ja, da gibt es den Popstar, der vor tausenden von Fans auf der Bühne steht. Aber da gibt es eben auch den Moment, wo das Kind endlich schläft und Robyn allein in der Küche sitzt, ein Glas Wein in der Hand, und eine Dating-App öffnet.
Der Unterschied, legt ihr neues Album nahe, ist kleiner, als man denkt.