Mister Mikro

von Dominik Imseng

KartonmodellbauBild: Gabriela Traasdahl

Klein, kleiner, Mister Mikro: Der Schweizer THOMAS GRÜNINGER lässt das Schlachtschiff Prinz Eugen im Massstab 1:250 auferstehen. Die extreme Originaltreue seiner Verkleinerung raubt anderen Modellbauern den Atem.

NZZ am Sonntag, 25. Mai 2014 · Dominik Imseng auf Twitter

Seine Hände sind so geschickt, dass er einer Fliege ein Magenband anlegen könnte: Der Schweizer Thomas Grüninger ist in der internationalen Szene der Modellbauer „Mister Mikro“. Kaum jemand bringt es im Ausschneiden, Falzen und Verkleben von Karton zu seiner Meisterschaft.

Aber Moment mal: Kartonmodelle? Ist das nicht etwas für Primarschüler, die in der Heimatkunde ein Walliser Stadel oder das Schloss Sargans zusammenpappen?

„Sie denken an einen Bastelbogen“, klärt Grüninger auf: „Das ist die erste Stufe. Die zweite ist der Modellbaubogen, wo die Teile kleiner und zahlreicher werden. Und die dritte Stufe ist der Präzisionsmodellbaubogen: Noch kleinere Teile, und vor allem mehr.“

Viel mehr: Die Prinz Eugen, ein deutsches Schlachtschiff aus dem Zweiten Weltkrieg, an dem Grüninger schon seit Jahren baut, umfasst im Originalbogen 3000 bis 4000 Elemente. Doch das ist erst der Anfang. Mister Mikro wird dem Modell im Massstab 1:250 noch mehrere zehntausend Teile hinzufügen: Haltegriffchen, Sprechröhrchen, Messinstrumentchen – alle handgefertigt und so winzig, dass sie in der Regel nur unter der Lupe zu sehen sind. Ja sogar nur unter dem Mikroskop.

Es ist dieser extreme Detaillierungsgrad, der Grüninger zu einem Mozart des Modellbaus macht. Auf seiner Prinz Eugen sind die Handräder der Scheinwerferrichtgeräte aus winzigen Drahtstückchen zusammengefügt („Fragen Sie mich nicht, wie ich es angestellt habe, ich geriet in die Nähe eines Nervenzusammenbruchs“). Den Lauf eines Flugabwehrgeschützes hat er aus einem Stück Zahnstocher gedrechselt. Für eine Leiter nahm er 0.2-Millimeter-Draht aus Lautsprecherkabeln, trennte kleinste Sprossen ab und fixierte sie mit einem Tröpfchen hochverdünnten Weissleim.

„Das ist eben der Grüninger in mir“, sagt Grüninger.

Dieses Hinzufügen winzigster Details nennt man im Modellbau „Supern“, und nur wenige bringen es darin zur selben Könnerschaft wie der 47-jährige Thalwiler. Aus technischen Archiven beschafft sich Grüninger die Planzeichnungen der Prinz Eugen und konstruiert auf ihrer Basis eigene Modellbaubögen, die er am Computer verkleinert. Dass bei diesem Präzisionsfuror sein Schiff nicht schneller wächst als ein menschliches Haar, kümmert Mister Mikro nicht. Im Gegenteil: Als er auf alten Aufnahmen entdeckte, dass an den Innenwänden der Umzäunungen der Decksmaschinerie die unteren Kanten schwarz bemalt waren, verlegte er nachträglich einen schmalen schwarzen Papierstreifen. „Das erforderte schon etwas Nerven“, meint Grüninger. „Aber als Privatschullehrer für Jugendliche mit Lernschwierigkeiten hat man die, glauben Sie mir.“

Wie ist der Mann in diesen Wahnsinn geraten? Wie wurde Mister Mikro Mister Mikro?

„Es begann, als ich fünf Jahre alt war“, erinnert sich Grüninger. „Meine Mutter brachte vom Einkaufen einen Kartonbogen mit Giraffen, Elefanten und anderen Tieren nach Hause. Ich schnitt sie aus, verklebte sie mit einer Lasche – und schon hatte ich dreidimensionale Vierbeiner mit hohem Spielwert. Mein Bruder und ich waren von den Socken!“ In der Primarschule kamen dann die bekannten Bögen des Zürcher Lehrerverlags hinzu: Kyburg, Schloss Chillon, Autofähre etc. „Mein Streber-Ehrgeiz zwang mich natürlich dazu, stets die anspruchsvollsten Modelle zu bauen – und zwar perfekt.“

Nach diversen Burgen und Schlössern öffneten sich Grüninger mit Mitte zwanzig gleichsam die Tore zum erwachsenen Modellbau. „Ich gab fast meine gesamten Sommerferien daran, eine Ju-52 mit gerilltem, metallisiertem Papier und kompletter Inneneinrichtung zu bauen. Damals habe ich mein Handwerk gelernt.“ Ein paar Jahre später reiste Grüninger dann zwecks Brautschau ins Rheingau. „Ich kehrte zwar nicht mit einem netten Mädel heim, dafür mit etlichen Bögen des legendären Wilhelmshavener Modellbauverlags. Sie brachten die Dämme vollends zum Brechen und führten zehn Jahre später in direkter Linie zu meiner Prinz Eugen.“

Und an der baut er jetzt („Schreiben Sie ja nicht ‚basteln!‘“), wann immer er sich von seinen diversen anderen Leidenschaften losreissen kann: dem Jazzpianospiel, dem Kochen, dem Comiczeichnen, dem Schreiben (alles auf höchstem Niveau – dieser Grüninger ist ein Tausendsassa). Karton, eine Schere, Leim und eine äusserst verständnisvolle Freundin – viel mehr braucht Mister Mikro nicht, um mit seiner Kleinstkunst anderen Modellbauern den Atem zu rauben. „Dagegen sehen meine Machwerke aus wie mit zwei linken Händen im Dunkeln gebaut“, kommentiert etwa ein User die Bilder, die Grüninger von seiner Prinz Eugen im Online-Forum kartonbau.de veröffentlichte. Ein anderer fragt: „Warum sieht man die Ameisen nicht, die dir bei der Arbeit helfen?“ Und ein dritter stöhnt: „Unsichtbare Hecknähte, abgerundete Bugspitze – das kann nur Zauberei sein!“

Tatsächlich hat sich Grüninger in all den Jahren als Modellbaubesessener ein fast schon alchemistisches Wissen über die Materialeigenschaften von Papier angeeignet. Wo seine Kollegen etwa ein gewöhnliches Falzbeil verwenden, macht Mister Mikro mit dem Japanmesser auf der Rückseite zwei kaum voneinander entfernte feine Schnitte und kratzt dann mit einer Präzisionspinzette den Zellstoff dazwischen heraus. So entsteht eine feine Rille, die beim Falzen weisse Knicke und unschöne Ausfaserungen verhindert. „Der Aufwand ist enorm, aber gerechtfertigt“, meint der Papierflüsterer: „Schauen Sie mal hier, mein Miniatur-Neuschwanstein.“ Man traut seinen Augen nicht: Auf einer Fläche von zwei Quadratzentimetern präsentiert sich König Ludwigs Märchenschloss im Massstab 1:5000. Weil er gerade so gut im Schuss war, hat Mister Mikro für sein Schlösschen auch gleich eine winzige Vitrine gebaut. „Das ist eben der Grüninger in mir“, sagt Grüninger erneut, der den Architekturwinzling für ein Modellbauertreffen in Bremerhaven schuf („Ich wollte mit leichtem Gepäck reisen“).

Ebenfalls im beinah subatomaren Bereich arbeitet Mister Mikro beim Modell eines der Aufklärungsflugzeuge, welche die Prinz Eugen mit sich führte. Die Tragflächen des etwa drei Zentimeter kleinen Fliegerchens haben einzeln aufgehängte Klappen, und die Cockpiteinrichtung ist die kleinste, die je gebaut wurde. Fusspedal, Sicherheitsgurte, Kopfstützen – selbst das komplette Armaturenbrett hat Grüninger kreiert, letzteres auf der Fläche eines Stecknadelkopfs, aus 0.1-mm-Draht und mikroskopisch kleinen Tröpfchen Weissleim.

Es braucht schon ein ordentliches Makroobjektiv, um Mister Mikros ganze Meisterschaft zu erkennen – oder seinen ganzen Wahnsinn. „Ein Fall für die Heilanstalt“, meinte ein mit Grüninger befreundeter Uhrmacher, der Grandes Complications zusammensetzt. Doch auch eine Laune der Natur macht Mister Mikro zu Mister Mikro: Wenn Grüninger die Brille abnimmt, sehen seine kurzsichtigen Augen so scharf, dass er die Staubmilben auf seinen Modellen entdeckt. Stundenlang kann er mit einer Augen-Modell-Distanz von wenigen Zentimetern arbeiten, mit Aussicht über den gesamten Zürichsee, würde er denn einmal aufblicken. Bis morgens um vier sitzt er an dem einfachen Schulpult, das ihm als Werkstatt dient, für einen Zehntel-Fingernagel mehr Prinz Eugen.

„Wie ich mich bemühe, Möwenkot authentisch hinzubekommen! Und Zigarettenstummel! Und die Kratzer vom Deckschrubben!“

„Sie scherzen, Herr Grüninger.“

„Nicht wirklich“, sagt er. Tatsächlich macht ihn seine Perfektionssucht gleichsam zum ewigen Anfänger. „Ich habe schon Projekte abgebrochen, nur weil ich erkannte, dass ich unmöglich dahin gelangen kann, wo ich hinwill“, seufzt Mister Mikro. Aber mit seiner Prinz Eugen – mit der will er fertig werden. Kubikmillimeter für Kubikmillimeter entreisst er das Schiff dem Grund des Bikini-Atolls, in das es ein Atombombentest der Amerikaner im Mai 1945 befördert hat. Scheinwerferlein für Scheinwerferlein, Bulläuglein für Bulläuglein, Torpedolein für Torpedolein lässt er den 10’000-Tonnen-Kreuzer auferstehen und träumt von einem kleinen Museum, in dem er sein Modell dereinst ausstellt, mit photographischen Vergrösserungen an den Wänden, damit man noch die winzigsten Details erkennt.

In zehn, fünfzehn, vielleicht aber auch erst in zwanzig Jahren sollte es soweit sein, hofft Mister Mikro. Vorausgesetzt, er kommt nicht auf zu viele dumme Gedanken. Die Seekarten auf der Kommandobrücke wären zum Beispiel eine hübsche Herausforderung. Oder eine Miniaturausgabe der Schiffsbibel, mit sämtlichen Seiten zum Umblättern.

„Das ist eben der Grüninger in mir“, sagt Grüninger. Und setzt in sein Japanmesser eine neue Klinge ein.