Der Sternenmann

Irgendwo zwischen Mensch und Alien: David Bowie (1972)


Vor 50 Jahren veränderte DAVID BOWIE in nur vier Minuten die Welt. Sein Auftritt bei der britischen Musiksendung „Top of the Pops“ inspirierte und ermutigte eine ganze Generation.

Weltwoche, 28. Juli 2022 · Lesedauer 5 Min.

Am 6. Juli 1972, einem Donnerstag, stellten 15 Millionen Briten kurz nach 19.40 Uhr fest, dass nicht nur LSD das Bewusstsein erweitern kann, sondern auch die BBC.

Der Trip begann, als in der Musiksendung „Top of the Pops“ ein junger Mann mit orangefarbenem Haar auf einer blauen Akustikgitarre ein paar verträumte Akkorde griff und zu singen anfing, wirres Zeug über einen Ausserirdischen, der sich in die Frequenz eines Radiosenders einklinkt, um mit der Menschheit zu kommunizieren.

Der bleiche Musiker war kein Unbekannter, aber doch ein Niemand. Seit einem Jahrzehnt schon hatte sich David Bowie verzweifelt bemüht, im Musikgeschäft Fuss zu fassen. Zuerst spielte er Rhythm ’n’ Blues, dann Musical-ähnliche Songs, dann Folk Rock. Aber alles, was der Londoner in den 1960er Jahren auf Vinyl presste, wurde ignoriert, mit einer Ausnahme: der Weltraumballade „Space Oddity“, die von der Begeisterung für die Mondlandung im Juli 1969 profitierte und vier Wochen in den britischen Top Ten war. Danach ging Bowie aber wieder vergessen. Keines der drei Alben, die er zwischen 1969 und 1971 veröffentlichte, fand ein nennenswertes Publikum. David Bowie blieb ein ewiger Möchtegern und überlegte sich schon, Pantomime oder Zen-Mönch zu werden.

Doch auf einmal sah er seine Chance gekommen. Der britische Sänger Marc Bolan hatte Anfang der 1970er Jahre mit Hits wie „Ride a White Swan“, „Hot Love“ und „Get It On“ einen neuen Musikstil entwickelt: Glam Rock – klassischer Rock ’n’ Roll im Stile von Gene Vincent, entschleunigt und mit Streichern unterlegt. Die Teenager waren hin und weg von diesem neuen Sound, nicht zuletzt wegen Marc Bolans androgyner Erscheinung: Der lockenköpfige Sänger klebte sich Sternchen unter die Augen, schlang eine Federboa um den Hals und trug Damenschuhe.

David Bowie, der schon seit Jahren mit den Geschlechterrollen spielte und auf den Hüllen seiner letzten Alben mehr wie eine Frau aussah als wie ein Mann, sprang auf den glitzernden Glam-Rock-Zug auf, indem er sich in den ausserirdischen Rock-Messias Ziggy Stardust verwandelte. Zum Konzept gehörte, dass Bowies Ehefrau Angie – eine so schrille wie geschäftstüchtige Amerikanerin – ihrem Gatten einen neuen Look verpasste, irgendwo zwischen Mensch und Alien, Mann und Frau.

Botschafter einer freieren Welt: David Bowie bei „Top of the Pops“ (1972)


Und so stand Bowie nun im Studio 8 der BBC, riss lässig die Gitarre hoch, zog eine Elvis-Schnute und stimmte dann den Refrain von „Starman“ an, der ersten Single aus seinem neuen Album „The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“.

Aber was zur Hölle war da auf einmal los? Während Bowie von einem Sternenmann sang, der uns Menschen kennenlernen wollte, der aber Angst hatte, dass wir darüber den Verstand verlieren könnten, trat der Gitarrist seiner Band – Mick Ronson – zu ihm ans Mikrophon, um mitzusingen. Und genau da passierte es, das Unglaubliche, das Unfassbare: David Bowie legte einfach so den Arm um die Schulter von Mick Ronson und zog den Gitarristen innig an sich.

Konnte das wirklich sein? Hatten da gerade 15 Millionen Briten zur besten Sendezeit gesehen, wie ein Mann zärtlich einen anderen Mann berührte? Unmöglich! So etwas Skandalöses war doch nicht gerade geschehen – oder etwa doch? In England war zwar Sex zwischen Männern seit 1967 kein Verbrechen mehr, wenn die Beteiligten mindestens 21 Jahre alt waren. Aber was das Gesetz erlaubte, war noch immer ein Tabu. Auch in der Musikszene. Sex, Drugs and Rock’n’Roll – natürlich. Aber doch nicht diese Art von Sex!

Es folgte ein instrumentaler Zwischenteil, während dem sich viele TV-Zuschauer wohl einzureden versuchten, dass da wohl eine Art Unfall passiert war. Vielleicht drohte dieser furchtbar dünne David Bowie ja vor Hunger ohnmächtig zu werden und musste sich darum am Gitarristen seiner Band festhalten, der allerdings auch nicht viel mehr Fleisch auf den Knochen hatte. Aber Achtung: Die BBC hatte lang genug die Teenager gezeigt, die sich hinter und neben der Band unbeholfen und Kaugummi kauend zur Musik bewegten. Das Lied ging weiter, die zweite Strophe begann.

„Ich musste jemanden anrufen“, sang Bowie nun, während er direkt in die Kamera schaute, „und ich habe mich für dich entschieden.“ Dabei richtete er seinen Zeigfinger auf das Objektiv und so gleichsam durch die Kamera hindurch auf jeden einzelnen der 15 Millionen Briten zuhause vor den Fernsehern, denen spätestens in diesem Moment klar wurde: Was sie da sahen, das war nicht einfach der Auftritt eines Sängers, der sein neues Liedchen vorstellte. Das war ein revolutionärer, ein transformativer Akt.

Dieser David Bowie, der in einem hautengen Overall steckte, dessen Stoff wie die Schuppen eines seltsam gemusterten Fischs schimmerte; dieser David Bowie, der gerade erneut zärtlich den Gitarristen seiner Band umarmte – noch selbstverständlicher, noch stolzer als zuvor – und dabei seine weiss lackierten Fingernägel in die Kamera hielt; dieser David Bowie mit seinem orangefarbenen Haar und dem weiss gepuderten Gesicht war der Botschafter einer anderen, einer freieren Welt und verkündete: Du musst nicht aussehen, wie alle anderen aussehen. Du musst nicht tun, was alle anderen tun. Du kannst du selbst sein und aus diesem Ja zu dir selbst deine grösste Stärke machen.

Und so nähten denn noch am selben Abend unzählige britische Teenager einen farbigen Knopf an das Jackett ihrer Schuluniform oder falteten einen Teil der Krawatte nach hinten, damit sie schmaler wirkte, oder liessen sich sonst etwas einfallen, um in Zukunft ein wenig anders auszusehen, ein wenig freier zu werden, ein wenig wie dieser fantastische, dieser unglaubliche David Bowie zu sein. Und natürlich standen auch viele vor dem Badezimmerspiegel und versuchten, sich Bowies flauschige Vorne-kurz-und-hinten-lang-Frisur zu schneiden, was in der Regel komplett misslang, aber egal: Bowies vier Minuten in „Top of the Pops“ verhalfen diesem ewigen Möchtegern nicht nur zum lang ersehnten Durchbruch – sie liessen auch die Welt von Schwarzweiss zu Technicolor wechseln, von eng zu unbegrenzt, von langweilig zu randvoll mit aufregenden Möglichkeiten.

Tatsächlich war der Auftritt Bowies an jenem Sommerabend eine Art Big Bang der Popkultur der 1970er und frühen 1980er Jahre, der in alle Himmelsrichtungen Inspiration und Kreativität schleuderte. Ob Punker wie die Sex Pistols, Darkwaver wie Siouxsie and the Banshees, New Romantics wie Duran Duran oder Synthiepopper wie Depeche Mode: Sie alle sassen am 6. Juli 1972 als Teenager vor dem Fernseher, als David Bowie auf dem Planeten Erde landete. Und sie alle fanden sein überirdisches Selbstbewusstsein so sexy, dass sie fortan nur noch ein Ziel kannten – selber Popstars zu werden.

„Ich spürte einen Schauer des Begehrens“, erinnert sich Gary Kemp von Spandau Ballet, der 12 war, als er Bowie bei „Top of the Pops“ erlebte: „In dieser Nacht habe ich meine Zukunft geplant.“ Und Robert Smith von The Cure erzählt: „Ich sah Bowie im Fernsehen und legte sofort etwas von dem Make-up meiner älteren Schwester auf. Ich fand es grossartig, wie seltsam ich damit aussah und wie sehr es die Leute provozierte. Du trägst Eyeliner und die Leute schreien dich an. Wie komisch – und wie wunderbar.“

Ganz besonders prägte Bowies Auftritt all jene, die nicht von Mädchen träumten, obwohl sie doch Jungs waren, oder nicht für Jungs schwärmten, obwohl das doch die meisten Mädchen tun. „Als ich David Bowie im Fernsehen sah, gab er mir ein Geschenk“, erinnert sich die Gay-Ikone Boy George: „Das Geschenk zu entdecken, wer ich wirklich bin – das Geschenk der Freiheit.“ Dazu passt, dass Bowie zugab, den Refrain von „Starman“ vom Lied „Over the Rainbow“ gestohlen zu haben, das Judy Garland im Film „The Wizard of Oz“ singt, eine der LBGTQ-Hymnen überhaupt. (Hören Sie genau hin: Der Oktavsprung zwischen „Some-where“ in „Over the Rainbow“ und „Star-man“ ist derselbe.)

Vielleicht war dies die wichtigste Mission, die David Bowie an jenem Sommerabend zu erfüllen hatte: Mit seinem Auftritt bei „Top of the Pops“ befreite er die Unfreien, ermutigte er die Mutlosen, gab er all jenen eine Stimme, die keine hatten.

David Bowie war der Sternenmann, von dem er sang, und er brachte ein Licht in die Welt, das bis heute leuchtet.

1 Kommentar zu „Der Sternenmann“

  1. Lieber Nik

    Wie immer toller Artikel. Niemand schreibt so wunderbar über Popmusik, über Musikerinnen und Musiker und die Hintergründe wie du – die meisten Musikjournis ergehen sich im Sezieren neuer Alben. Gähn.

    Obwohl mich die Pop Musik nie erreicht hat, Bowie ist auch an mir nicht spurlos vorübergegnagen. Er war anders als die anderen, eine Lichgestalt, sensibel, intelligent, verrückt, ja, aber immer mit Stil. Mit 16 bin ich zum erstem Mal alleine nach Paris gereist, zu einer Bekannten der Familie. Sie war Ende zwanzig und ein verrücktes Haus. Wir beide liebten Bowie – sie auch wegen seiner Musik, aber vor allem fanden wir ihn hinreissend. Als ich dort war, trat Michel Polnareff im Olympia auf (ich war auch am Konzert). Diesem Auftritt ging ein grosser Skandal voraus. So liess der gute Michel in ganz Paris Plakate aushängen, auf denen er uns seinen nackten Arsch entgegenstreckte. Am nächsten Tag war der blanke Hintern überall mit weissem Papier abgeklebt.

    So was hatte der Sternenmann nie nötig.

    Bunte Grüsse Dominique

    Dominique Anne Schuetz Konzept – Text – Redaktion – Literatur Goethestrasse 11 CH – 8712 Stäfa Telefon: +41 (0)44 796 10 38 E-Mail: domasch@bluewin.ch http://www.dominique-anne-schuetz.com

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