Der Wille zur Lust

von Dominik Imseng

DEBBIE HARRY, die Sängerin von Blondie, wird 75. Und sucht „einen netten Mann für guten Sex“.

Weltwoche, 25. Juni 2020 · Lesedauer 2 Min.

Andy Warhol meinte: „Könnte ich mir ein Gesicht aussuchen, wäre es das von Debbie Harry.“ Tatsächlich gibt Google kein Bild der Sängerin her, auf dem sie nicht zum Niederknien aussieht. Zumindest in den 1970er und frühen 1980er Jahren.

Aufgewachsen ist die 1945 geborene Harry in New Jersey, bei „strengen, aber liebevollen“ Pflegeeltern, wie sie in ihrer Autobiographie schreibt, die im letzten Oktober erschien.

Mit 20 zog Harry nach New York, wo sie ihr Geld unter anderem als „Playboy“-Bunny und Nachtclub-Kellnerin verdiente. Als sie im August 1969 von einem Musikfestival erfuhr, das 100 Meilen von New York entfernt auf einer Kuhweide stattfinden sollte, fuhr Harry nach Woodstock. Dort lernte sie den Gitarristen Chris Stein kennen, mit dem sie fünf Jahre später die Band Blondie gründete. Zuvor hatte Harry, damals noch brünett, in einer erfolglosen Folkrock-Formation gesungen.

Blondie spielten zuerst punkigen Rock im Stil der Ramones. Später liessen sie auch Funk- und Disco-Elemente einfliessen, so wie in ihrem Welthit „Heart of Glass“, der 1979 entstand.


Ob live oder auf Fotos: Debbie Harry inszenierte sich stets als Marilyn Monroe des New Wave – lasziver Blick und Kussmund inbegriffen. „Ich mochte die Vorstellung, dass mein Poster in den Schlafzimmern der Fans hing“, schreibt Harry in ihrer Autobiographie. „Sex ist der Grund, warum wir uns schön anziehen, die Haare kämmen, die Zähne putzen und duschen.“

Auch David Bowie war von Debbie Harry verzaubert. So sehr, dass er nach einer Linie Kokain seinen Penis hervorholte, damit ihn die Sängerin „begutachten“ könne, wie der Brite vorschlug. Heute würde das unter #MeToo laufen. Damals lief das unter #Rock’n’Roll.

Der letzte Hit von Blondie stammt von 1981. Es ist der Song „Rapture“ („Verzückung“), in dem Harry auf einmal zu rappen beginnt. Unbeholfen zwar und wohl auf Drogen („Du hörst nicht auf, Autos zu essen“, lautet eine Zeile), aber so verflucht sexy, dass der Song zur ersten gerappten Nummer 1 in den US-Charts wurde.


Umso steiler dann der Absturz: Kokain- und Heroinexzesse, das falsche Management, Steuerschulden – im November 1982 brachen Blondie auseinander. Geblieben ist Debbie Harrys Wille zur Lust. Vor fünf Jahren wünschte sie sich zum 70. Geburtstag „einen netten Mann für guten Sex“. Mit Erfolg. „Aber es war nichts von Dauer“, beklagte sie sich. „Darum bin ich offen für weitere Vorschläge.“

Am 1. Juli feiert Debbie Harry ihren 75. Geburtstag. Wenn man sie sich so anschaut, scheint sie die Lust auf die Lust nicht verloren zu haben.