Die wahre Königin

von Dominik Imseng

Grace_Jones


Seit 70 Jahren ist sie nicht von dieser Welt. Happy Birthday, GRACE JONES!

Weltwoche, 9. Mai 2018 · Lesedauer 2 Min.

Das Gerücht geht um, dass Grace Jones am 19. Mai 1948 in der Nähe von Kingston, Jamaika, zur Welt kam. Das ist natürlich Unsinn: Grace Jones entstieg einem UFO.

1977 veröffentlichte sie ihr erstes Album, das das Lied „La vie en rose“ enthielt, die grandiose Coverversion eines Chansons von Edith Piaf. Zuvor hatte Jones erfolgreich als Model gearbeitet und – weniger erfolgreich – in einigen Filmen mitgewirkt, darunter auch schlüpfrigen. Aber so waren sie eben, die Siebzigerjahre: schlüpfrig und voller Drogen. Und nirgends sonst waren die Siebzigerjahre mehr Siebzigerjahre als im Studio 54 in New York. In diesen Nachtclub ging Grace Jones gern mit ihrer Freundin Jerry Hall, und wenn die beiden zusammen tanzten, die dunkelhäutige kahlrasierte Amazone und das blonde Supermodel, das gerade Mick Jagger verführt hatte, dann waren das die besten Siebzigerjahre, die es in den Siebzigerjahren gab.

Grace Jones machte damals drei Alben mit Discomusik. Dann wurde ihr klar, dass mit dem neuen Jahrzehnt auch ein neuer Sound kommen musste – und ein neues Image. 1980 liess sie sich eine Brikettfrisur schneiden und schlüpfte nackt in einen Anzug mit extrabreiten Schulterpolstern. Ihre Musik wurde knochentrocken: Elektro-Funk mit Reggae- und Dub-Elementen. Dazu sprach Jones mehr, als dass sie sang. Ein androgyner Weltstar war geboren. Jeder Mann auf dem Planeten Erde hatte Angst vor ihr.

Doch Grace Jones’ grösste Zeit sollte erst noch kommen. 1985 spannte sie mit dem britischen Klangzauberer Trevor Horn zusammen, um den Song (und das Album) „Slave to the Rhythm“ aufzunehmen: bombastischer, orgiastischer Pop der Extraklasse.

Überhaupt war 1985 das Jahr von Grace Jones: Sie spielte eine Schurkin im James-Bond-Film „A View to a Kill“ und war der Star in einem Werbespot von Citroën, wo sie ein Auto verschluckte und dann rülpsen musste. Regie führte bei dem Spot Jean-Paul Goude, mit dem die Sängerin Anfang der 1980er Jahre ihre avantgardistische „One Man Show“ entwickelt hatte, die halb Konzert, halb Performance war. Grace Jones startete die Shows jeweils, indem sie einem Gorillakostüm entstieg.

Und so spektakulär sind ihre Auftritte bis heute. 2012 – mit fast 65 Jahren – sang Jones aus Anlass des diamantenen Thronjubiläums der englischen Königin „Slave to the Rhythm“ und liess dabei einen Hula-Hoop-Reifen um die noch immer lasziven Hüften kreisen (siehe unten). Tatsächlich hätte nicht Grace Jones der englischen Königin die Ehre erweisen sollen, sondern die englische Königin Grace Jones.

Am 19. Mai 2018 bekommt die Queen die Chance, ihren Fauxpas wiedergutzumachen und sich vor der einzig wahren Königin zu verneigen.