Nuhr ein Gespräch

von Dominik Imseng

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DIETER NUHR wollte ursprünglich Lehrer werden. Jetzt belehrt er Ideologen von links und rechts oder von religiöser Seite. Ein Gespräch mit dem Philosophen unter den Spassmachern.

NZZ am Sonntag, 6. Mai 2018 · Dominik Imseng kontaktieren

Schön, endlich den Mann kennenzulernen, für den meine Frau schwärmt.
Das Kompliment würde ich gerne zurückgeben. Aber meine Frau kennt Sie wohl nicht. Das ist leider das Problem. (Lacht)
Im Ernst: Auf Online-Dating-Seiten suchen Frauen oft einen humorvollen Mann. Ist der Humor beim Mann, was beim Pfau das Rad ist?
Bei Männern gehört Humor sicher zur Paarungsstrategie. Bei Frauen weniger. Frauen sind auch um einiges wählerischer. Das kommt wohl daher, dass sie nur etwa 400 Eizellen haben, Männer aber Milliarden von Samenzellen produzieren. Männer verfolgen darum eher eine Streuerstrategie.
Sie bekommen Comedy-Preise, werden aber auch als Kabarettist geehrt. Ja was denn nun?
Darüber denke ich nicht nach. Und ich glaube auch nicht, dass das die Zuschauer interessiert. In Amerika ist das zum Beispiel völlig wurscht. Dort stehen Kabarettisten mit Leuten auf der Bühne, die lauter Unterwäsche-Witze machen. Davon abgesehen geht es mir nicht nur darum, die Menschen zum Lachen zu bringen. Ich möchte auch eine Botschaft loswerden. Dass die Leute in meinen Shows lachen, ist ja wunderbar. Es gibt aber auch Stellen im Programm, wo man wirklich eine Stecknadel fallen hört.
Ein Beispiel.
In meinem aktuellen Programm stelle ich die Frage, ob diese ständige Sexismus-Debatte nicht sexistisch ist. Weil man Frauen offenbar keine andere Rolle zutraut als die des Opfers. Und ob es nicht besser wäre, Frauen auch mal zuzutrauen, dass sie Täter sind. Dass sich also eine Frau extra leicht bekleidet vor einen Produzenten hinsetzt und sagt: „Wenn Sie mir die Rolle geben, werden Sie das nicht bereuen.“ Ich glaube, dass es das genauso oft gibt wie die Fälle von sexueller Erpressung durch Männer, die ich auf keinen Fall verharmlosen will. Wenn man solche Dinge sagt, wissen die Leute nicht mehr, wie sie reagieren sollen. Und dann wird es sehr ruhig im Raum. Diese Momente liebe ich.
Träumen Sie von einem Programm, wo niemand lacht?
Das würde nicht funktionieren. Aber es ist sehr schön, wenn ein Programm solche Stellen hat. Danach muss man aber auch wieder über primitive Dinge lachen können. Ich habe ja auch Urologen-Witze im Programm. Die erzeugen immer einige der lautesten Lacher. Und damit habe ich kein Problem.
Sie wurden katholisch erzogen, waren Messdiener. Wann wird uns Gott den Gag mit Trump erklären?
Wenn es Gott denn wirklich gibt, hat er wohl Besseres zu tun.
Es gibt Gott nicht?
Ich habe keine Ahnung, ob es Gott gibt. Ich finde es auch immer idiotisch und anmassend, wenn Leute behaupten, sie wüssten, was Gott will, und das damit begründen, dass er zu uns gesprochen habe, zum Beispiel durch einen brennenden Dornbusch. Man weiss ja inzwischen, was im Hirn passiert, wenn man dehydriert bei 42 Grad in der Wüste hockt. Da hört man eben Stimmen. Was ich aber sehr gerne mag, ist diese Spiritualität der Buddhisten. Dass wir etwas hinzugeben zum Ganzen, sei es noch so klein, und dass sich das dann fortpflanzt. Ich würde jetzt aber nicht gleich in ein buddhistisches Kloster gehen und den ganzen Tag Buttertee trinken. Der schmeckt nämlich absolut widerlich.
Sie sind ein passionierter Reisender, besuchten auch schon Aserbaidschan oder Jemen. Sind Sie auf der Suche nach dem perfekten Witz?
Überhaupt nicht. Viele Kabarettisten, die ich kenne, sind im Sommerurlaub nicht über Holland hinausgekommen und glauben trotzdem, über die Welt urteilen zu können. Das geht nicht. Beim Reisen lernt man auch, dass diese routinierte Unzufriedenheit der Deutschen – und wohl auch der Schweizer – wahnsinnig respektlos ist. Bei uns wissen die Leute offenbar nicht mehr, was Armut, Hunger und Krieg bedeuten.
Aber die Medien sind doch voller Schreckensmeldungen.
Das ist ein weiteres Problem. Die Medien zeigen uns lauter Leute, die in Kriegen verstümmelt werden oder bei Naturkatastrophen umkommen. Als würde die Welt nur aus Schreckensereignissen bestehen, was definitiv nicht der Fall ist. Die Medien sind zwar unverzichtbar, sie sind aber auch die Pest für unser Gehirn, weil sie uns kaputtmachen. Kein Wunder, dass unsere Gesellschaft immer gewalttätiger wird, wenn jeden Abend im Fernsehen gemordet wird. Ich glaube, dass wir mehr gesündere Menschen hätten, wenn wir einfach mal unsere Fernseher aus dem Fenster werfen würden.
Sie machen sich immer wieder über den muslimischen Fundamentalismus lustig. Fürchten Sie nicht die Rache eines „Terrortrottels“, wie Sie islamistische Attentäter schimpfen?
Ich glaube, dass ich ziemlich genau weiss, was ich sagen darf und was nicht. Ich würde jetzt zum Beispiel keine Witze über Mohammed machen. Weil es ernsthaft Menschen gibt, vor denen ich dann Angst haben müsste. Dass finde ich eines der bittersten Dinge überhaupt. Bei uns gibt es eine repressive Parallelgesellschaft, wo zum Beispiel Brüder darüber wachen, dass ihre Schwestern ihre Sexualität nicht frei ausleben können. Und wir akzeptieren das einfach. Und wundern uns dann, wenn rechte Parteien gewählt werden. Kulturen, die Individuen unterdrücken, dürfen wir bei uns nicht akzeptieren. Wenn man Unfreiheit nicht verhindern kann, dann muss man sie zumindest immer wieder anprangern. Darum finde ich es auch so beschämend, wie die Linke mit dem Thema radikaler Islam umgeht. Weil all die grundlegenden Menschenrechte, für die sie dauernd eintritt, offenbar nichts mehr gelten, wenn gewalttätige Irren sie über Bord werfen. Da zieht man dann plötzlich den Schwanz ein. Und wirft denen, die dagegen etwas sagen, noch vor, sie seien ausländerfeindlich.
Auch Ihnen warf man schon Ausländerfeindlichkeit vor.
Richtig, und das ist kompletter Unsinn. Ich verbringe mindestens ein Drittel des Jahres im Ausland und habe eine grösstmögliche Offenheit fremden Kulturen gegenüber. Gleichzeitig bin ich aber auch der festen Meinung, dass es unveräusserliche Menschenrechte gibt. Und wer die ausser Kraft setzen will, ist mein Feind.
Im Grunde sind Sie ein klassischer Liberaler.
Das habe ich auch irgendwann festgestellt, obwohl ich ja grün-links sozialisiert wurde. Bürgerliche Freiheiten sind mir sehr wichtig. Vor allem auch, weil ich noch Zeiten erlebt habe, wo das in Deutschland mit den bürgerlichen Freiheiten noch nicht so selbstverständlich war. Für mich gibt es auch ganz viele zulässige Interpretationen unserer Gesellschaft. Darum habe ich mit Heilsideologien – ob von links, von rechts oder von religiöser Seite – ein Problem.
Sie sind einer der bissigsten Satiriker im deutschen Sprachraum. Ist die einzige Linie, die ein Kabarettist nicht überschreiten darf, die zur Humorlosigkeit?
Das ist doch so ein Klischee: Ein Kabarettist darf alles, nur nicht langweilen. Das einzige, was mich interessiert, ist: Was finde ich lustig? Leider muss ich mein Programm wirklich so egomanisch planen. Und kann dann nur hoffen, dass es genügend Leute gibt, die meinen Humor teilen. Ich habe aber sicher eine Beleidigungsgrenze. So versuche ich zum Beispiel, auf der Bühne nur Dinge zu sagen, die ich den Leuten auch ins Gesicht sagen würde. Ich mache jetzt also keine Witze über Politiker und denke dann, wenn ich sie treffe: Oh Gott, wie peinlich, hoffentlich hat der oder sie das nicht gehört. Wenn ich mich über jemanden lustig mache, dann möchte ich dieser Person noch in die Augen sehen können. Es sei denn, es sind Leute wie Trump, denen ich gar nicht begegnen will. Solche Leute gibt es natürlich auch.
Vor ein paar Monaten twitterte Trump, sein Atomknopf sei grösser und potenter als der von Kim Jong Un. Leben wir in Zeiten, wo Lachen die Flucht vor dem Weinen ist?
Ich sehe das eher so, dass Trump etwas zutiefst Sinnstiftendes hat. Nie war sich die gesamte bürgerliche Gesellschaft in der Beurteilung eines Politikers so einig wie bei ihm. Trump ist auch ein Segen für Europa. Auf einmal geht es mit der EU wieder voran. Die Europäer stellen fest, dass sie selber verteidigungsfähig sein müssen und sich nicht immer nur auf die Amerikaner verlassen dürfen. Ich glaube, dass Trump in Europa viele positive Entwicklungen in Gang gesetzt hat – auch wenn das natürlich nicht sein Plan war.
Sie sind ein unverbesserlicher Optimist. Wie in Ihren Programmen.
Zu Recht! Der Welt ging es noch nie so gut wie heute. Noch nie haben so viele Menschen oberhalb der Armutsgrenze gelebt. Das sind nicht meine Zahlen, sondern die der Vereinten Nationen. Wir haben auch weniger Kriege und weniger Umweltverschmutzung. China stellt gerade seinen kompletten Fuhrpark auf Elektroenergie um. Ich war in der Stadt Xi’an, wo Millionen Menschen wohnen. Dort hört man auf der Strasse nur noch so ein komisches Surren, weil alle mit Elektrorollern unterwegs sind.
Haben Sie eine Theorie, was Ihren Witz im Innersten zusammenhält?
Keine Ahnung. Haben Sie eine?
Bei Ihnen reibt sich der gesunde Menschenverstand an der Wirklichkeit.
Ich habe ein sehr distanziertes Verhältnis zum gesunden Menschenverstand. Was der Mensch für gesund hält, ist ja oft ziemlich krank. Die psychiatrischen Anstalten sind voll mit Leuten, die sich für normal halten. Nein, eine Humortheorie habe ich nicht. Wenn ich anfange, über Humor nachzudenken, sage ich mir: Mach’s nicht, sonst wird das ein System. Es gibt ja Bücher, „How to be a comedy writer“ oder so. Und es gibt diese Comedy-Schulen. Da kommen die immer mit Aufbau und Punchline. Dann wird das so zum Handwerk – und dadurch mechanisch und unlustig. Man fragt sich dann: Der Witz ist doch eigentlich gut, warum zündet er nicht? Weil er eben so aufgebaut ist, dass er wie ein Zahnrad funktioniert. Aber lustig ist ein Witz eigentlich immer dann, wenn etwas Überraschendes passiert. Oder wenn eine Wendung drin ist, wo man denkt: Was hat der jetzt gesagt?! Dann fängt es an, interessant zu werden.
Eigentlich kommen Sie ja aus dem unlustigsten Land der Welt. Diesen Politclown Hitler hätten die Deutschen doch damals einfach weglachen müssen.
Ich habe mich belehren lassen, was das angeht. Wir kennen Hitler ja nur aus diesen Filmausschnitten, wo er ständig brüllt. Ausserhalb dieser Auftritte muss er weniger lächerlich gewirkt haben. Aber es gibt ja auch heute noch Politiker, die versuchen, Fakten ausser Kraft zu setzen und neue Fakten zu erfinden. Und die damit Erfolg haben. Das ist natürlich wegen der mangelnden Bildung der Menschen. Ich habe ja Geschichte studiert. Da lernt man ein bisschen, mit Quellen umzugehen und eine Behauptung abzuklopfen. Viele Menschen sind aber schon überfordert zu erkennen: Was ist jetzt logisches Aufeinanderfolgen? Oder was ist rein zeitliche Koinzidenz?
Schreiben Sie Ihre Programme allein? Oder können Sie Ihre Einfälle mit jemandem spiegeln?
Ich schreibe ganz allein für mich, meist spät in der Nacht. Und dann kriegt es meine Frau zu lesen, die inzwischen eine wirklich gute Dramaturgin ist. Die sagt mir dann: Das und das ist zu lang oder nicht lustig. Da werde ich dann oft sauer. Aber sie hat eigentlich fast immer recht. Gerade, was so Timing-Sachen angeht, hat sie ein super Gespür. Und sie hält mich auch von bestimmten Arten von Witzen ab. Weil ich natürlich auch manchmal einen etwas männerartigen Humor habe. (Lacht)
Sie stehen seit 30 Jahren auf der Bühne. Hat sich Ihr Humor in dieser Zeit verändert?
Eigentlich nicht. Aber etwas fällt mir auf: Eine religionskritische Nummer war in den neunziger Jahren links. Und heute bekommt man dafür plötzlich Applaus von der AfD, weil die das auf den Islam ummünzt. Ich muss darum heute ganz anders austarieren als früher. Ich sitze jetzt wirklich da und schaue, wieviel ich über den Islam sage, wieviel über Katholiken, wieviel über Linke, wieviel über Rechte usw. Ich tariere das aus, damit ich mir nachher nicht vorwerfen lassen muss, einseitig gewesen zu sein. Davon abgesehen, hat sich an meinem Humor aber nicht viel geändert. In meinen Programmen war ich schon immer gegen Hysterie und für Toleranz, vor allem auch für Respekt gegenüber Andersdenkenden.
In Ihrem Webshop gibt es ein T-Shirt mit dem Spruch …
„Wenn man keine Ahnung hat: einfach mal Fresse halten.“
Das T-Shirt gibt es auch in Braun. Eigens für AfD-Wähler?
Nö, das gab es schon immer in Braun, noch bevor es die AfD gab. Das war ein Satz aus einem Programm, der immer wieder zitiert wurde. Den haben wir mal auf eine Postkarte gedruckt. Und diese Postkarte wurde am meisten mitgenommen. Danach haben wir dieses T-Shirt gemacht. Das Lustige an dem Satz ist ja, dass man immer denkt, der andere sei gemeint. Tatsächlich habe ich die Aussage auf mich bezogen. (Lacht)
Sie sagten mal, Sie wollten deutscher Bundespräsident werden. Dürfen wir noch hoffen?
Bundeskanzler wäre auch mein Ding. Grundsätzlich bin ich für alles zu haben. Das einzige, was ich nicht werden möchte, ist Chef der Deutschen Bahn. Weil ich den Betrieb wahrscheinlich schliessen müsste.