Im Bett mit Alain de Botton

von Dominik Imseng

Was Sie schon immer über SEX wissen wollten, aber Alain de Botton bisher nicht zu fragen wagten. Los geht’s.

NZZ am Sonntag, 7. Oktober 2012 · Dominik Imseng auf Twitter

Herr de Botton: Mit Ihrem neuen Buch verfolgen Sie ein ehrgeiziges Ziel: Sie wollen dafür sorgen, dass Ehepaare mehr Sex haben. Was hat Sie dazu inspiriert? Ihre eigene Ehe?
Es ist sehr freundlich von Ihnen, sich um meine Ehe zu sorgen. Es geht ihr gut, darum habe ich das Buch nicht ausschliesslich zum Wohle meiner Frau und mir geschrieben, sondern weil ich glaube, dass kaum ein Mensch seine Sexualität völlig normal findet. Tief in unserem Inneren sind wir alle von Schuldgefühlen und Neurosen geplagt, von Ängsten und Begierden. Wir alle haben eine gestörte Sexualität, allerdings nur in Bezug auf eine gestörte Definition von Normalität. Darum fand ich es an der Zeit, die Seltsamkeit von Sex mit Mut und Lust zu akzeptieren und darüber mit Ehrlichkeit und Einfühlungsvermögen zu sprechen.
Um für mehr Sex zu sorgen, schlagen Sie vor, dass der eine Ehepartner Sex mit einem Fremden hat, während der andere Fotos macht und die Bilder aufs Internet stellt. Ich bin mir nicht sicher, ob meine Frau da einverstanden wäre.
Ihre Frau mag meinen Vorschlag nicht gutheissen, aber vielleicht interessiert sie der philosophische Gedanke hinter diesem Exhibitionismus: Über die Lust einer fremden Person wird die eigene wiederentdeckt. Doch warum muss der Sex in einer Partnerschaft überhaupt erkalten? Ich denke, dass dies mit der Schwierigkeit zu tun hat, vom Bereich des Alltags in den der Erotik zu wechseln. Beziehungen schliessen ja häufig das Führen eines Haushalts und das Grossziehen von Kindern ein – Aufgaben, die einem das Gefühl geben können, ein KMU zu leiten. Die dafür notwendige Selbstdisziplin ist schlecht mit dem Kontrollverlust zu vereinbaren, den Sex mit sich bringt. In Beziehungen leidet dieser also nicht primär, weil er uns keinen Spass macht, sondern weil seine Freuden unsere Fähigkeit untergraben, die Herausforderungen des Lebens zu meistern.
Was schlagen Sie vor, um das Feuer der Leidenschaft wieder zu entfachen?
Zum Beispiel Sex in einem Hotelzimmer. Dass wir die erotische Seite unseres Partners ignorieren, hat ja auch mit dem immer gleichen Umfeld zu tun, in dem wir ihn erleben. Es sind diese immer gleichen Wohnzimmerstühle und dieser immer gleiche Teppich schuld, dass wir zu wenig Sex haben. Darum ist die metaphysische Bedeutung von Hotelzimmern nicht zu unterschätzen. Ihre Betten mit den vielen Kissen, der Zimmerservice und diese kleinen zellophanverpackten Seifen im Bad können dazu führen, dass wir uns wieder mit unserem verloren geglaubten sexuellen Ich verbinden. Es gibt keine Grenze für das, was ein gemeinsames Bad in einer fremden Wanne, ein Korb frischer Früchte und die Aussicht auf einen unbekannten Hafen bewirken können.
Ein weiterer Grund, warum der Sex in einer Ehe einschläft, ist für Sie das Konzept der Ehe selbst.
Das ist wahr. Das Konzept der Ehe ist wie ein Bettlaken, das sich einfach nicht glattstreichen lässt: Wenn wir versuchen, die eine Seite zu optimieren, bringen wir nur die drei anderen durcheinander.
Wie meinen Sie das?
Die Unabhängigkeit von Liebe, Sex und Familie wurde jahrtausendelang als Tatsache des Lebens akzeptiert. Erst das europäische Bürgertum begann Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, ein seltsames neues Ideal zu entwickeln. Ab sofort sollten sich Ehegatten nicht einfach zum Wohle ihrer Kinder tolerieren, sondern auch lieben und begehren. So entstand die Vorstellung, dass unsere Bedürfnisse nach Liebe, Sex und Familie alle auf einmal erfüllt werden könnten, mit Hilfe einer einzigen Person. Ein sehr unrealistisches Ideal.
Ist die Polygamie der Muslime eine bessere Lösung? Oder die arrangierte Ehe der Hindus?
Nein. Es gibt keine Antwort auf die Spannungen innerhalb einer Ehe, wenn das, was wir unter einer Antwort verstehen, eine Vereinbarung ist, in der keine Partei einen Verlust erleidet und alle unsere Bedürfnisse friedlich koexistieren. Liebe, Sex und Familie beeinflussen und schädigen sich auf teuflische Art. Die aufrichtige Liebe für jemanden kann unsere Fähigkeit mindern, mit ihm Sex zu haben. Eine Affäre mit einer Person, die wir zwar nicht lieben, aber begehren, kann unsere Beziehung mit einem Ehepartner gefährden, den wir zwar nicht mehr begehren, aber immer noch lieben. Und eine Familie zu gründen, kann zwar Liebe und Sex einschränken, zu ihren Gunsten jedoch unsere Kinder zu vernachlässigen, kann die psychische Gesundheit der nächsten Generation bedrohen.
Apropos psychische Gesundheit: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Pornographie unser sexuelles Ich von unserem humanen Ich trennt. Mit verheerenden Folgen.
Ich denke in der Tat, dass die jederzeitige Verfügbarkeit von Online-Pornographie ein Problem darstellt. Unsere Psyche ist für den gelegentlichen Anblick einer Stammesfrau gerüstet, die durch die Savanne schreitet, und nicht für ein Bombardement von erotischen Szenen, die sogar jene übertreffen, die der kranke Geist des Marquis de Sade ersann. Nichts in uns vermag der Versuchung zu widerstehen, ein paar weitere Minuten in den dunkleren Bereichen des Internets zu verweilen. Darum dürfen wir nicht zulassen, dass uns unsere sexuellen Begierden zerstören.
Was schlagen Sie vor?
Mir schwebt eine neue Form von Pornographie vor, die sexuelle Erregung mit höheren Werten verbindet. Die abgedroschenen Plots und stammelnden Darsteller gewöhnlicher Pornofilme würden ersetzt durch die Verbindung von Pornographie und Intelligenz, Liebenswürdigkeit oder Demut. Ich könnte mir eine erotische Szene zwischen Lesenden vorstellen oder Oralsex, der von zärtlichen Blicken begleitet wird. Auch Unsicherheit oder Schüchternheit können erotisch wirken. Dank dieser neuen Art der Pornographie müssten wir uns nicht mehr zwischen Menschlichkeit und Sexualität entscheiden.
Sie besitzen eine eigene Filmproduktionsgesellschaft. Sie könnten diese humanistischen Pornofilme selbst drehen.
Nein, nein. Das darf gerne jemand anders übernehmen. Aber ich denke, es wäre eine lohnende Aufgabe.
Sind Sie bereit für die wirklich grossen Fragen, Herr de Botton?
Ich bitte darum.
Die Frau mit dem grössten Sex-Appeal?
Die Schauspielerin Keira Knightley.
Das akademischste Umfeld, in dem Sie je Sex hatten?
In der Bibliothek der Cambridge University. In der Sammlung seltener Bücher.
Ist es traurig, aus dieser Welt zu gehen, ohne einen flotten Dreier probiert zu haben?
Ich denke schon. Darum sollte, wer zu einem flotten Dreier aufgefordert wird, diese Einladung höflich annehmen. Er könnte damit jemanden davor bewahren, mit einer unerfüllten Sehnsucht zu sterben.
Warum können Männer problemlos zwischen Sex und Liebe unterscheiden und Frauen nicht?
Da wäre ich mir nicht so sicher. Auch das weibliche Geschlecht kennt eine Unterscheidung, die der zwischen Hure und Muttergottes entspricht, auf die Sie anspielen. Es ist die zwischen dem „lieben Kerl“ und dem „Bastard“. Zwar ziehen Frauen in der Theorie den warmherzigen, fürsorglichen und kommunikativen „lieben Kerl“ vor. In der Praxis aber können sie sich nicht der grösseren sexuellen Anziehungskraft jenes grausamen „Bastards“ entziehen, der nach dem Sex den Kontinent wechselt.
Warum rasieren sich alle Frauen und Männer unter 30 die Schamhaare? Die Duchess of Cambridge hat das ja gerade wieder schön gezeigt.
Ich wünschte, ich wüsste es.
Apropos Schamhaare: In Ihrem Buch vergleichen Sie Oralsex mit dem Kuss, den ein Priester einem Sünder auf die Stirn drückt, als Zeichen, dass Gott ihm seine Verfehlungen vergibt. Wie würden Sie Ihre These vor dem Papst rechtfertigen?
Ich würde argumentieren, dass Sex unsere seit Kindertagen verinnerlichte Unterscheidung zwischen schmutzig und sauber aufhebt. Das trifft nie mehr zu als beim Oralsex, bei dem wir unser Gesicht und damit unser öffentlichstes Selbst gegen unser vermeintlich schmutzigstes pressen. Dadurch dass wir das Geschlechtsteil unseres Partners küssen, saugen und lecken, lassen wir seiner Person eine Zustimmung zuteil werden, die ich mit der Vergebung ihrer Sünden vergleiche.
Eine andere erstaunliche These in Ihrem Buch ist, dass ein Mann auf seine Impotenz stolz sein sollte.
In der Tat. Impotenz ist oft ein Symptom der Angst davor, einem Partner unsere eigenen Wünsche aufzuzwingen oder ihn nicht wirklich zu befriedigen. Insofern ist sie nichts, für das wir uns schämen müssten. Ich kann mir sehr gut Plakate und ganzseitige Inserate vorstellen, die beiden Geschlechtern deutlich machen, dass Impotenz weit davon entfernt ist, ein Problem zu sein. Vielmehr sehe ich sie als Beweis für eine höhere Form von Zärtlichkeit. Statt sie zu verfluchen und mit Medikamenten zu behandeln, sollten wir in der Impotenz ein Zeichen von Geistestiefe und Moral erkennen.
Stichwort Moral: Sie behaupten, dass sich im Fall eines Seitensprungs nicht derjenige entschuldigen sollte, der seinen Partner betrogen hat, sondern derjenige, der betrogen wurde. Haben Sie während Ihres Studiums die Ethikvorlesungen geschwänzt?
Keineswegs. Dass ein Paar bereit ist, nicht ständig aus dem Käfig der Ehe auszubrechen, um seine sexuellen Begierden zu befriedigen, ist ein Wunder der Zivilisation. Ehepartner, die einander treu bleiben, sollten das Ausmass der Opfer erkennen, das sie für ihre Liebe und für ihre Kinder erbringen, und auf ihre Tapferkeit stolz sein. Wenn ein Partner trotzdem einmal fremd geht, sollte dies den anderen nicht zu einem Wutanfall verleiten. Stattdessen sollte er sich dafür entschuldigen, dass es ihm nicht gelungen ist, begehrenswerter zu sein.
Nach dem Tode Gottes erklärt die Philosophie auch den Tod der Ehe?
Formulieren wir es so: Die traditionelle Vorstellung von Liebe geht davon aus, dass die Ehe der ideale Rahmen ist, um unsere Sexualität auszudrücken. Tatsächlich aber ist sie selten der Ort, wo wir uns sicher genug fühlen, unsere innersten Bedürfnisse zu enthüllen. Eine Gummimaske aufzusetzen oder vorzugeben, ein inzestuöses Verhältnis einzugehen, fällt leichter mit jemandem, dem wir nicht jahrzehntelang beim Frühstück gegenübersitzen. Vielleicht ist Sex ganz einfach eine zu intime Angelegenheit für die Ehe.

Alain de Botton: Wie man richtig an Sex denkt. Kailash Verlag. 224 S.

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