Das Schattennetz

von Dominik Imseng

Die dunkle Seite des Mondes sieht nicht viel anders aus. Die dunkle Seite des Internets schon. Unterwegs im DARKNET.

NZZ am Sonntag, 23. September 2012 · Dominik Imseng auf Twitter

.com, .org, .ch: Webseiten mit diesen Endungen kennt jeder. Doch es gibt auch eine digitale Schattenwelt mit Endungen wie .onion oder .geek: das Darknet.

Zugang zu diesem Netz im Netz verschafft man sich nicht über den gewöhnlichen Browser. Es braucht dazu eine spezialisierte Software wie zum Beispiel Tor (www.torproject.org). Diese verbindet den Computer mit allen anderen Rechnern, auf denen das Programm läuft. So entsteht ein digitales Paralleluniversum, das durch aufwändige Verschlüsselung den User und die Webseiten, die er besucht, anonymisiert. Und das komplett legal: Die Entwicklung von Tor wurde von der US-Regierung mitfinanziert, um die Gegner autoritärer Regime zu unterstützen. Denn im gewöhnlichen Internet kann eine Diktatur relativ einfach verhindern, dass Oppositionelle auf eine regierungskritische Webseite zugreifen. Die Zensurbehörde muss dafür nur den nationalen Domain Name Server manipulieren. Das ist ein elementarer Internet-Knotenpunkt, der dem Computer Auskunft gibt, auf welchem Server der Inhalt einer bestimmten Webseite liegt. Wenn diese Telefonauskunft des Internets blockiert wird, gibt es die Online-Version von „Kein Anschluss unter dieser Nummer“: Die gewünschte Webseite wird vom Browser nicht gefunden. Das Darknet basiert demgegenüber auf einem Netzwerk privater Computer, die das reguläre Internet nur zum Transport ihrer hoch verschlüsselten Daten nutzen. Damit können dem Schattennetz Web-Sperren nichts anhaben, und Informationen werden in grösstmöglicher Anonymität ausgetauscht.

Einmal auf der dunklen Seite des Internets unterwegs, was auch ein Informatik-Laie problemlos schafft, fühlt man sich in die Online-Frühzeit zurückversetzt. Es gibt noch nicht Millionen von Webseiten, und ihr Design ist oft brachial. Doch auch der digitale Untergrund kennt E-Mail, Chat-Räume, eine Suchmaschine und eine Art Facebook: Torbook. Vor allem aber gibt es im Darknet Online-Shops.

Der bekannteste unter ihnen, die Webseite Silk Road, wurde im Februar 2011 lanciert und sieht nicht viel anders aus als Amazon oder eBay. Nur dass man hier nicht Bücher oder ausrangierte Lego-Ritterburgen kauft, sondern harte Drogen. Und das ganz entspannt: Wie in der Oberwelt des Internets können die User die Qualität der gelieferten Ware bewerten. Hat man sich für den Dealer seines Vertrauens entschieden, füllt man einfach seinen Online-Einkaufskorb und bezahlt. Allerdings nicht per Kreditkarte wie im gewöhnlichen Internet, das würde die Anonymität der Finanztransaktionen gefährden, sondern mit speziellen Online-Währungen, zum Beispiel Bitcoins. Diese können jederzeit gekauft und wieder in andere Währungen zurückgetauscht werden. Nahezu verborgen aber bleibt, wofür man Bitcoins ausgibt – oder womit man sie verdient.

Und das ist im Darknet von Vorteil. Denn Drogen sind nicht das einzige, was man in diesem digitalen Paralleluniversum findet. Die Webseite The Armory etwa ist ein surreal anmutendes Untergrund-Ricardo für Waffen. Ob Kleinrevolver, Maschinengewehre oder Plastiksprengstoff: Hier finden Kriminelle und Terroristen alles, was ihr dunkles Herz begehrt. Wie die Drogen kommen die Waffen bequem per Post, in Einzelteile zerlegt und über mehrere Päckchen verteilt, die zur zusätzlichen Tarnung harmlose weitere Metallteile enthalten. Auch liegt den Sendungen eine fiktive Rechnung bei, die auf eine andere Person als den Empfänger der illegalen Ware ausgestellt ist. So kann dieser behaupten, er habe die Drogen oder Waffen gar nicht bestellt, sie seien ihm nur fälschlicherweise zugeschickt worden.

Doch im Darknet lässt sich nicht nur einiges einkaufen – man kann dort auch einiges lernen. Zum Beispiel wie man aus Bankautomaten mehr Geld herausholt, als vom Konto abgezogen wird, oder wie man den Strichcode von Produkten manipuliert, damit sie an der Kasse günstiger werden. Auch finden sich im digitalen Untergrund Spezialisten für delikate Aufgaben: vom Profi-Dieb, der jeden gewünschten Gegenstand stiehlt, über den Hacker, der eine Webseite knackt, bis zum Auftragskiller, der unliebsame Zeugen beseitigt. (Eine Art „Gelbe Seiten“ des organisierten Verbrechens scheint es allerdings noch nicht zu geben.)

Spätestens jetzt fragt man sich vielleicht: Wenn das Darknet die Online-Version jener dunklen Gassen und verrauchten Hinterzimmer ist, in denen Kriminelle ihren Geschäften nachgehen, dann gibt es doch sicher auch die Online-Version ihrer Gegenspieler: digitale verdeckte Ermittler, die den bösen Buben im Darknet nachstellen. Und tatsächlich, die gibt’s. Allerdings hat die Polizei nicht die Mittel, um das Schattennetz effizient zu überwachen und die Identität krimineller Nutzer zu entschlüsseln. Das übernehmen Kreise, die das Recht in die eigene Hand nehmen. Wie etwa bei Lolita City, einer Darknet-Webseite mit Kinderpornographie. Sie wurde im Oktober 2011 von der Hacker-Gruppe Anonymous attackiert, die die Namen von fast 1600 Pädophilen veröffentlichte, teilweise samt Wohnort, E-Mail-Adresse und Telefonnummer.

Doch auch solch drastische Massnahmen verhindern nicht, dass das Darknet immer weiter wuchert – was allerdings nicht nur negative Folgen hat. Denn so wie das gewöhnliche Internet keine reine Domäne des Guten ist, ist das Darknet keine reine Domäne des Bösen. Seine Verschlüsselungstechnologien erlauben es den Gegnern autoritärer Regime, gefahrlos miteinander zu kommunizieren, und auch bei uns schätzen immer mehr Surfer die Anonymität des digitalen Untergrunds, weil sie sich in der freien Welt nicht mehr wirklich frei fühlen.

Ungefragt sammeln nämlich Suchmaschinen oder soziale Netzwerke laufend sensible Daten. Das merkt rasch, wer auf einem fremden Rechner dieselbe Webseite aufruft, die er eben noch zuhause besucht hat: Die dort platzierte Werbung ist nicht mehr den individuellen Interessen und Vorlieben angepasst, die man beim Surfen auf dem heimischen Computer von sich preisgegeben hat.

Das Darknet hingegen bietet Anonymität und steht für die Vision einer Welt ohne Unternehmen und Marken – einschliesslich ihrer Anwälte. Denn die Festnahme von Kim Schmitz, Gründer der Online-Tauschbörse Megaupload, macht klar: Die Zeiten des fröhlichen Gratis-Downloads von Musik und Filmen sind vorbei. Mit ACTA, einem geplanten völkerrechtlichen Handelsabkommen gegen Produktpiraterie, nimmt der Druck auf Urheberrechtsverletzer zusätzlich zu. Da bietet sich das Darknet als willkommenes digitales Rückzugsgebiet an, das immer mehr auch für den illegalen Download von Musik, Filmen, eBooks oder Software genutzt wird.

Ein anonymes Online-Piratennest, wo das Urheberrecht mit Füssen getreten wird? Eine anarchistische Utopie mit einer eigenen, nicht von Banken kontrollierten Währung? Ein digitaler Untergrund für Kriminelle? Ein sicherer Hafen für Dissidenten?

Am Ende des Tages ist das Darknet wie der Strom, ohne den es nicht existiert: Man kann damit einen Menschen foltern oder das Herz eines Patienten wieder zum Schlagen bringen.

Das Darknet ist das, was man daraus macht.

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