Doktor Cool

von Dominik Imseng

NS

Der britische Philosoph Nick Southgate lehrt uns endlich einmal etwas Nützliches: Wie werde ich COOL?

NZZ am Sonntag, 15. Juli 2012 · Dominik Imseng auf Twitter

Ist das der Mann, der mir die ewige Coolness schenkt?

Besonders cool sieht Nick Southgate, der Leiter des Kurses „How to be cool“ an der Londoner „School of Life“, ja nicht aus. Aber sieht Christoph Blocher aus wie ein Milliardär oder Heinz Spoerli wie ein Ballettgenie?

Eben.

Also muss nicht cool aussehen, wer die Kunst des Coolseins lehrt. Und damit endlich einmal etwas Nützliches. Denn es ist ja ziemlich schwierig geworden, cool zu sein. Früher zog man einfach einen schmal geschnittenen Anzug an, spielte entspannten Jazz, und schon war man cool. So cool wie Miles Davis, der 1957 das legendäre Album „Birth of the Cool“ veröffentlichte und mit seiner dunklen Sonnenbrille so cool war, dass er hätte durch Feuer gehen können.

Auch James Dean war cool. Oder Marlon Brando in „The Wild One“. Oder der junge Elvis. Cool hatte damals also viel mit der Auflehnung gegen die spiessigen 1950er Jahre zu tun. Cool war rebellisch und gefährlich. Cool war Untergrund.

Zehn Jahre später wurde es dann aber schwierig mit dem Coolsein. Die Werber fingen an zu suggerieren, dass Cool käuflich ist. Auf einmal konnte sich auch ein Broker cool fühlen, weil er Saxophon spielte; ein Buchhalter, weil er mit der Vespa zu Arbeit fuhr; ein Anwalt, weil er zu seinem Anzug Turnschuhe trug. Coolsein wurde zur risikolosen Auflösung von Verhaltenscodes. Coolsein wurde Mainstream.

Daher stellt sich die Frage: Was ist eigentlich noch cool in einer Welt, in der alle cool sein wollen? Kann es das überhaupt noch geben: cool? Und wie schafft man es, seine Coolness nicht wieder zu verlieren, wenn man sie einmal gefunden hat? Auch Miles Davis war ja nicht mehr cool, als er in den 1980er Jahren mit Gel-Locken Funk-Pop spielte. Und vielleicht hätte auch James Dean seine Coolness verloren, wäre er nicht tödlich verunfallt. (Immerhin in einem Porsche Spyder – sehr cool.)

Darum sind wir hier. Darum haben wir für 31 Pfund und 50 Pence den dreistündigen Kurs „How to be cool“ gebucht und warten nun darauf, dass uns sein Leiter Nick Southgate erleuchtet.

Neben, vor und hinter mir scheint jede Coolness-Ikone der letzten 50 Jahre zu sitzen. Einer der Kursteilnehmer versucht, wie der Schriftsteller Jack Kerouac auszusehen, der den Kultroman „On the Road“ geschrieben hat. Ein anderer ähnelt dem Schauspieler Steve McQueen in „The Thomas Crown Affair“. Ein dritter ist ein Doppelgänger von Ian Curtis, dem früh verstorbenen Sänger der Band Joy Division. Und eine junge Frau versucht, wie Kate Moss auszusehen, das Supermodel, das es coolerweise ablehnt, ein Supermodel zu sein.

Nur einer der Kursteilnehmer kopiert keinen Star. Aber auch er will cool sein, denn in der Pause zeigt er uns ein hässliches Tattoo auf seinem linken Oberarm. Er hat es mit einer selbst konstruierten Tätowiermaschine gestochen, die er aus einem Druckbleistift, einem Radiergummi, einer Gitarrensaite und einer elektrischen Zahnbürste gebastelt hat.

„Cool, nicht?“ fragt er uns unsicher.

Ein Verstörter, ein Verwirrter. Und der Beweis dafür, dass uns der allgemeine Zwang zum Coolsein in den Irrsinn treibt. Vielleicht weil der Befehl zur Lockerheit ein Widerspruch in sich ist: Man kann nicht auf Befehl locker bleiben, man kann nicht jemanden zur Ungezwungenheit zwingen.

Eine vertrackte Sache also, die Sache mit dem Coolsein. Darum braucht es einen Doktor der Philosophie, um uns den Weg aus der Verwirrung zu zeigen. Als erstes kann uns Nick Southgate beruhigen: „Niemand ist immer cool“, erklärt er. „War Elvis cool, als er vor dem Spiegel den perfekten Hüftschwung übte? Nein. Er studierte eine coole Pose ein. Und das ist ziemlich uncool.“

Wir Coolness-Schüler nicken.

Dann führt Nick Southgate ein Video vor, das zehnmal hintereinander dieselbe Szene zeigt: In einem Actionfilm laufen ein paar harte Jungs in Zeitlupe auf die Kamera zu, während hinter ihnen ein Gebäude in die Luft fliegt. Während der gewaltigen Explosion verziehen die coolen Typen keine Miene, und natürlich drehen sie sich auch nicht um, das wäre ja uncool.

Alle in der Klasse müssen lachen – bis auf den Coolness-Schüler, der versucht, wie der Schauspieler Vin Diesel auszusehen.

Als nächstes beamt Nick Southgate eine Eins mit 12 Nullen an die Wand. „Jährlich geben wir Billionen dafür aus, cool zu sein“, sagt er. „Wir kaufen ein Kabrio, wir ändern unseren Haarschnitt, wir setzen eine neue Sonnenbrille auf – alles nur, weil uns die Werbung zum Coolsein verführt. Ist es da nicht cooler, uncool sein zu sein?“ Unser Lehrer kommt in Fahrt: „Ist es da nicht cooler, uns von unserer falschen Vorstellung von Cool zu befreien und zu entdecken, was wirklich cool ist?“

Wir Coolness-Schüler fühlen: Die lange, kalte, sternenlose Nacht des Uncoolseins ist bald vorbei. Die Morgenröte der Erkenntnis naht.

„Cool, wirklich cool ist“, fährt Nick Southgate fort, „wenn wir bei allem, was wir tun, die Mitte finden zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig. Wenn wir nicht mutig sind, sind wir feige, aber wenn wir zu mutig sind, sind wir leichtsinnig. Wenn wir uns nicht beherrschen können, sind wir der Sklave unserer Begierden, aber wenn wir uns zu sehr beherrschen, werden wir freudlos. Wenn wir nicht grosszügig sind, sind wir geizig, aber wenn wir zu grosszügig sind, werden wir ausgenutzt. Darum bedeutet cool zu sein: Mass zu halten, gelassen zu bleiben, Seelenfrieden zu finden.“

Und jetzt kommt er, der Satz, der die Wolken des Unwissens aufreisst und uns wie ein Lichtstrahl trifft. „Coolness“, sagt Southgate, „ist die Klippe, an der sich die Brandung bricht und um die herum nur Stille ist und Bewegungslosigkeit.“

Jack Kerouac, Steve McQueen, Ian Curtis, Kate Moss, Vin Diesel, der Verrückte, der sich selbst tätowiert hat, und ich: Wir alle sind erleuchtet, als uns Doktor Cool in eine warme feuchte Londoner Sommernacht entlässt.

Gleich um die Ecke der „School of Life“ ist ein Pub. Es ist zum Bersten voll, doch als die Gäste unsere entschlossenen Mienen sehen, teilt sich die Menge wie das Rote Meer, als es ihm Moses befiehlt.

Ich gehe an den Tresen und bitte den Barmann, mir ein Bier zu empfehlen. Er ist zwei Meter gross, und auf seinem kahlen Schädel balanciert er einen winzigen Fedora.

„Ein Bier für dich?“

Er schaut mich lange an und zapft dann ein Guinness Extra Cold.