Nova Atlantis

von Dominik Imseng

Zureich

ZÜRICH ist neu die teuerste Metropole der Welt. Nichts Besseres konnte der Stadt passieren. Sie wird zu einem Mythos werden.

NZZ am Sonntag, 8. März 2015 · Dominik Imseng auf Twitter

Ein winziges Birchermüesli, einen winzigen Saft dazu, und ich bin um 13 Franken ärmer. Was mein Portemonnaie in der Mittagspause am Bellevue schon immer wusste, bestätigt jetzt der „Economist“: Nach dem Frankenschock ist Zürich offiziell die teuerste Stadt der Welt. Nirgends sonst sind die Lebenshaltungskosten so hoch.

Immerhin: Im Maybach der Metropolen bekommt man auch etwas fürs Geld. So zeigen sich die mächtigsten Zürcher bald wieder in Strumpfhosen. Die Elite anderer Luxus-Städte wie Singapur (Rang 2 im „Economist“-Ranking) oder Paris (Rang 3) gäbe sich wohl kaum eine solche Blösse. In Zürich aber trägt das Sechseläuten zum sozialen Frieden bei. „Wir haben zwar keine Macht“, denken sich die Schaulustigen entlang von Bahnhofstrasse und Limmatquai. „Dafür müssen wir nicht so rumlaufen.“

Auch sonst ist das Leben in der Zwinglistadt jeden Rappen wert – ja sogar jeden Cent. Das zeigt eine Anfrage bei Freunden, die gemäss „Economist“ ebenfalls in sündhaft teuren Städten leben: Oslo (Rang 4), Sydney (Rang 5) und Kopenhagen (Rang 8).

Die erste Antwort kommt von Stefan aus Oslo: „Ja nicht hierherziehen!“ warnt er in seinem Mail. „Wenn ich in einer Bar ein Bier will, muss ich entweder 20 Minuten warten, bis man mich bedient, oder ich bekomme ein warmes. Beschwere ich mich und verlange ein kaltes, wird mir das warme ebenfalls auf die Rechnung gesetzt.“

Als nächstes kommt ein Mail von Terry aus Sydney: „Bleib bloss zuhause! Hier bläst dauernd ein teuflischer Wind, der im Winter unangenehm kalt ist. Weil die Ampel für Fussgänger nie Grün zeigt, kannst du beim Versuch, eine Strasse zu überqueren, erfrieren. Hast du dann genug und hältst ein Taxi an, solltest du besser einen Kredit beantragen – die fahren hier die unglaublichsten Umwege, um dich auszupressen.“

Als letzter antwortet Samuel aus Kopenhagen: „Warnung! Die Dänen sind emotional komplett verarmt. Man glaubt sich hier in der Zombie-Serie ‚The Walking Dead’. Und wusstest du, dass Sex mit Tieren in Dänemark erlaubt ist? Das sagt doch eigentlich alles, oder?“

Also auch nicht nach Kopenhagen. Aber warum überhaupt in einer Luxus-Stadt leben? Wäre es nicht viel schöner in Coimbatore im indischen Gliedstaat Tamil Nadu? Das ist die günstigste Option auf der Auswanderer-Webseite Expatistan.com. Wohnen: 89% billiger als in Zürich. Essen: 83%. Unterhaltung: ebenfalls 83%. „Unterhaltung?!“ schreibt mir ein Freund, der sich in Indien gut auskennt: „Du wirst dort drei Jobs brauchen, um auch nur halbwegs über die Runden zu kommen.“

Dann halt weiterhin Zürich. Keine Stadt, die einem einen Stromstoss gibt wie New York, wo man nur ein paar Stunden Schlaf braucht, so aufgepumpt ist man. Auch kein Ort wie Rom, wo an jedem Stein Geschichte klebt, oder London, das ja überhaupt die beste Stadt der Welt ist. Nein, Zürich ist nicht arm, aber sexy, wie das vor ein paar Jahren noch Berlin war, sondern reich und ein wenig bieder. Insofern passt das Zürcher Geschnetzelte ganz gut als Stadtgericht: unverschämt im Preis, fad im Geschmack. Dass es häufig lauwarm serviert wird, ist ebenfalls stimmig: Zürich ist eine Jeans mit Bundfalten, ein Irokesenschnitt vom Starfrisör, ein alkoholfreies Bier. Wurde die E-Zigarette von einem Zürcher erfunden? Das einzige Extrem dieser Stadt ist ihre komplette Extremlosigkeit. Nichts ist auffällig, nichts eigen. Ginge Zürich an einem vorbei, man würde sich nicht nach ihm umdrehen. Warum auch? Es gäbe keinen Grund dafür. Das einzige, was an Zürich bemerkenswert ist, sind die Verkäuferinnen in den Sprüngli-Läden. Meine Vermutung ist, dass diese Damen irgendwo gezüchtet werden, vielleicht mit Hilfe eines Zauberers. Eine andere Möglichkeit ist, dass wir es mit einer weitverzweigten Sippe von Müttern, Töchtern, Tanten und Cousinen zu tun haben, die sich seit Jahrzehnten jede frei gewordene Stelle zuschanzen. Wie kann man sich sonst so ähnlich sehen? Wie die genau gleiche Stimme haben? Wie sich durch die genau gleiche vornehme Zurückhaltung auszeichnen? Der Einkauf bei Sprüngli ist so irritierend wie eine Demonstration der Hackergruppe Anonymous, deren Mitglieder alle dieselbe Maske tragen.

Wie wird es weitergehen mit der teuersten Metropole der Welt? Ich sehe drei Szenarien, und alle gefallen mir gut. Das erste: Weil sich in der Limmatstadt niemand mehr eine eigene Wohnung leisten kann, wird aus Zürich die grösste WG der Welt – mit riesigen Schlafsälen, Gemeinschaftswohnzimmern und kollektiv bewirtschafteten Gemüse- und Obstgärten. Zürich wird so zu einer gigantischen selbstversorgenden Hippiekommune. Ein wenig ähnelt es dann wieder der Pfahlbausiedlung, aus der es einst hervorgegangen ist.

Das zweite Szenario: Zürichs Stadtrat beschliesst: Wenn schon Luxus-Metropole, dann richtig. Die Politessen tragen Chanel-Kostüme, Hunde-Halsbänder müssen mit Brillanten besetzt sein, und zwischen Quaibrücke und Münsterbrücke erhebt sich der 30 Meter hohe Koloss von Zürich: ein Herkules mit Löwenkopf aus purem Gold.

Eine letzte mögliche Entwicklung gefällt mir besonders gut: Zürich wird zu einer verlassenen Stadt wie Loulan. In der Antike war das eine der blühendsten Metropolen an der Seidenstrasse, ein Zentrum des Handels zwischen Chinesen, Mongolen, Arabern, Indern und Europäern. Doch im 4. Jahrhundert führte ein Klimawechsel dazu, dass in Loulan immer mehr das Süsswasser fehlte. Nach und nach versank die Stadt im Sand der Wüste Lop Nor. Erst 1900 entdeckte sie der schwedische Forschungsreisende Sven Hedin wieder.

Was für eine wunderbare Vorstellung: Ein Zürich, das aufgrund seiner astronomischen Lebenshaltungskosten unbewohnbar wird und das man darum aufgibt. Die Natur erobert sich die Stadt zurück, nach ein paar Jahrhunderten sind kaum noch Spuren einer einstigen Besiedelung zu sehen. Mit etwas Glück wird Zürich vielleicht sogar zu einem Mythos wie Atlantis. „Ist es wirklich möglich“, werden sich die Menschen in der Zukunft fragen, „dass es einmal eine Stadt gab, in der ein Cocktail 19 Franken kostete?“

„Unmöglich!“ werden sie lachen: „Dieses Zürich hat es nie gegeben.“

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