Die Mensch-Maschine

von Dominik Imseng

Neil+HarbissonBild: Dan Wilton/Red Bulletin

Neil Harbisson muss nicht auf Google Glass warten, um sich zum CYBORG zu machen: Der farbenblinde Brite hat ein elektronisches Auge, das Farben in Töne umwandelt. Wie lebt es sich als Mensch-Maschine?

NZZ am Sonntag, 20. Juli 2014 · Dominik Imseng auf Twitter

Wie klingt mein Hemd, Neil Harbisson?
Ganz gut. Ich kann Ihnen ein MP3 davon mailen.
Sie sind komplett farbenblind und tragen vor Ihrer Stirn einen Sensor, der die Farben, die Sie nicht sehen, in Töne umwandelt.
Richtig. Grün ist ein A, Rot ist ein F – jede Farbe hat ihre eigene Musiknote. Wenn Salat wie ein Lied von Justin Bieber klingen würde, hätten ihn Kinder lieber.
Kann ich mal sehen, wie der Farbsensor mit Ihrem Schädel verbunden ist?
Hier bitte. Die Schallwellen werden in meinen Schädelknochen übertragen, wie bei einem Delfin.
Können Sie als Cyborg noch duschen?
Kein Problem. Nur tauchen geht nicht, da der Farbsensor nicht wasserdicht ist. Aber daran arbeite ich. Das ist ja gerade das Tolle daran, ein Cyborg zu sein: Die Entwicklung ist nie abgeschlossen. Normale Menschen werden gebrechlich, wenn sie altern. Bei mir ist das anders: Je älter ich werde, desto besser ist die Technologie in mir.
Wie reagieren die Menschen auf Ihren Anblick?
In London schlug mich einmal ein Taschendieb nieder, weil er dachte, dass ich ihn auf frischer Tat filme. Oft lassen mich auch Kinos nicht hinein, weil sie glauben, dass ich den Film aufnehmen will. Darum habe ich die „Cyborg Foundation“ gegründet. Sie setzt sich für die Rechte von Menschen ein, die Technologie zu einem festen Bestandteil ihres Körpers machen.
Im Rahmen eines Kunstprojekts haben Sie Prince Charles getroffen. Wie klang sein Gesicht?
Nicht schlecht. Ich machte von ihm ein Klangporträt, wie übrigens auch von Woody Allen, Al Gore oder Nicole Kidman. Dabei führe ich den Farbsensor über das Gesicht einer Person und nehme die Töne der Haare, Augen, Wangen und Lippen wahr. So trete ich auch als Musiker auf. An Lautsprecher angeschlossen, spiele ich dem Publikum den Klang meiner Socken oder meiner Krawatte vor. Manchmal lasse ich die Konzertbesucher auch hören, wie sie aussehen. Das Gute daran: Wenn die Leute ihre Musik nicht mögen, sind sie selber schuld.
Wie klingt das Gesicht eines Nigerianers? Wie das eines Finnen?
Wir sind nicht schwarz oder weiss. Wir sind alle verschiedene Arten von Orange.
Eine Welt voller Cyborgs wäre eine Welt ohne Rassisten?
Vielleicht.
Trotzdem muss Ihre Welt schrecklich sein. Politiker halten nie den Mund. Für Sie sind sie auch auf einem stummen Wahlplakat zu hören.
Dafür wird Einkaufen zum Erlebnis. Die in allen Regenbogenfarben leuchtenden Waschmittelpackungen klingen wie eine Symphonie. Manchmal gehe ich auch an ein Paar Hosen vorbei und denke: „Hey, ich mag ihren Sound. Ich glaube, ich kaufe sie.“
Wie klingen Gemälde? Tönt ein Warhol besser als ein Velázquez?
Warhol produziert in meinem Kopf sehr klare, reine Töne, wie übrigens auch Joan Miró oder Mark Rothko. Velázquez, da Vinci oder Edvard Munch klingen demgegenüber verstörend. Diese Maler verwenden oft Schattierungen derselben Farbe, dadurch liegen die einzelnen Töne nah beieinander. Die so entstehenden Klangcollagen könnten aus einem Horrorfilm stammen.
Wie tönt ein Supermodel? Besonders verführerisch? Wie der Gesang der Sirenen in der Odyssee?
Nicht unbedingt. Manche Menschen können sehr schön sein und trotzdem nicht harmonisch klingen.
Wenn für Sie jede Farbe einen Klang hat, hat dann auch jeder Klang eine Farbe?
Ja. Durch die Analyse von Tönen kann ich Klänge Farben zuordnen. Das Klingeln meines Telefons ist grün, mein Staubsauger tönt rot. Darum mache ich Farbporträts von Stimmen – mit überraschenden Ergebnissen. Die Reden Adolf Hitlers sind zum Beispiel ausgesprochen farbenfroh, da Hitler verschiedene Tonlagen verwendet. Martin Luther King hingegen ist weniger bunt. Er spricht monotoner.
Und welche Farbe hat Mozart?
Gelb, so wie Bach. Beethoven ist violett und blau. Cage ist schwarz und weiss.
Herzschrittmacher und Elektroden, die dafür sorgen, dass Parkinson-Kranke nicht mehr zittern – werden wir nicht langsam alle zu Cyborgs?
Manche Leute sagen, dass man in einem gewissen Sinne schon mit einer Brille ein Cyborg ist.
Oder mit einem Holzbein.
Wenn Sie so wollen. Ich sehe das anders. Eine Brille kann man jederzeit abnehmen. Ich aber besitze ein elektronisches Auge. Das ist ein grosser Unterschied, auch zu Google Glass.
Ein Cyborg ist jemand, der Technologie als festen Bestandteil seines Körpers empfindet?
Genau. Auf dieses Gefühl kommt es an. Eines Nachts fing ich an, in Farbe zu träumen. Die Töne kamen aber nicht von der Software in meinem Chip, sondern von meinem Gehirn. Die Grenze zwischen der Technologie und meinem Körper hatte sich aufgelöst. In diesem Moment fühlte ich mich zum ersten Mal wirklich als Cyborg.
Halten Sie den menschlichen Körper für verbesserungsbedürftig? Verstehen Sie sich als biologischen Ingenieur, der seinen Körper tunt?
Es geht tatsächlich um die Erweiterung unserer Sinne. Verglichen mit Tieren sind wir ja alle behindert. Darum habe ich dafür gesorgt, dass ich UV-Licht wahrnehmen kann, wie Vögel und Insekten. Auch Infrarotwellen registriere ich, wie nachtaktive Tiere. Wäre es nicht auch grossartig zu spüren, wenn sich mir jemand von hinten nähert? Ein implantierter Sensor würde diese neue Raumerfahrung möglich machen. Ich träume auch von Zähnen, die wie eine Taschenlampe leuchten, oder von einem Kompass, der vibriert, wenn ich mich nach Norden wende.
Warum sollte ich mir einen Kompass implantieren lassen? Ich habe doch einen auf meinem Smartphone.
Das ist nicht dasselbe. Ich glaube, dass eine Generation heranwächst, die nicht mehr dauernd aufs Handy blicken will. Darum lässt sie sich das Smartphone in den Körper einsetzen. Unser Leben wird viel spannender, wenn wir statt Apps fürs Smartphone solche für unseren Körper schaffen.
Sie müssen sich regelmässig an eine Steckdose anschliessen, um Ihren Farbsensor aufzuladen. Wie fühlen Sie sich als Mensch-Maschine?
Das Aufladen meiner Batterien dauert Stunden. Darum arbeite ich daran, dass mein Körper den Strom für mein elektronisches Auge selbst produziert. Vielleicht durch Bewegungsenergie, durch meinen Blutkreislauf oder durch die energetischen Prozesse in meinem Hirn.
Können Sie als Cyborg überhaupt noch schlafen? Sie hören doch ständig Ihr Schlafzimmer.
Schlafen ist kein Problem. Der Chip in mir ist so programmiert, dass Schwarz keine Töne erzeugt. Wenn ich das Licht lösche, sehe ich Stille.

Um einen Eindruck zu bekommen, wie Neil Harbisson Farben hört, hat er eine kostenlose Eyeborg-App für Android-Smartphones entwickelt.

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