„Postkoitale Depression“

Die Carpenters: Musik irgendwo zwischen den Beach Boys, Dave Brubeck und Bach

Der traurigste Tod einer Pop-Ikone ist der von KAREN CARPENTER. Vor 50 Jahren hatten sie und ihr Bruder den ersten Hit.

NZZ am Sonntag, 5. April 2020 · Lesedauer 5 Min.

Sie sahen aus wie der nette Junge und das nette Mädchen von nebenan, nur dass der nette Junge tablettensüchtig war und das nette Mädchen verhungerte.

Richard Carpenter – der Pianist des amerikanischen Softrock-Duos Carpenters – hatte schon als Dreijähriger die eklektische Plattensammlung des Vaters verinnerlicht. Bald zeigte sich, dass auch seine jüngere Schwester Karen musikalisch war: Als eines von ganz wenigen Mädchen Mitte der 1960er Jahre setzte sie sich hinter ein Schlagzeug und übte so fleissig, dass sie schon bald wie ein Buddy Rich mit Zöpfen spielte.

Der erste Hit des Duos im Mai 1970 war zwar nur eine Cover-Version: „Close to You“ von Burt Bacharach. Dank samtenen Streichern, Richards perlendem E-Piano und einem „Overdubbing“ genannten Effekt, der die Gesangsharmonien der Geschwister multiplizierte, schufen die Carpenters aber einen ganz eigenen Sound – irgendwo zwischen den Beach Boys, Dave Brubeck und Bach.

Während Richard monatelang an den Arrangements und Aufnahmen feilte, war seine Schwester Karen ein „One Take Wonder“: Eine einzige Aufnahme genügte meist, um die Fans ob ihrer warmen, gefühlvollen Stimme dahinschmelzen zu lassen.

Und doch war da etwas, was den Erfolg der Carpenters limitierte – ihr klinisch sauberes Image. Tatsächlich wurde das Duo als das komplette Gegenteil der vielen jungen Amerikaner vermarktet, die damals mit verfilzten Haaren gegen den Vietnamkrieg demonstrierten und auf Drogen wilde Partys feierten. Entsprechend häufig waren die Carpenters bei Richard Nixon zu Gast. „They are young America at its very best“, meinte der konservative US-Präsident, als er die Band im Mai 1973 bei einem Empfang des deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt auftreten liess.

Mittlerweile wurde Karen bei Konzerten nicht mehr von ihrem Schlagzeug verdeckt, sondern hatte den Part einer klassischen Lead-Sängerin übernommen – zumindest für die langsamen Nummern. Doch sie fühlte sich nicht wohl im Scheinwerferlicht. Hatte nicht kürzlich ein Journalist über die „pummelige Sängerin der Carpenters“ gespottet?

Also fing Karen an, ihr Essen auf die Teller anderer zu schaufeln, während sie schwärmte: „Das musst du probieren, das ist köstlich!“ Damit die Sängerin nicht auf ihren drastischen Gewichtsverlust angesprochen wurde, kleidete sie sich im Schichten-Look: erst ein langärmeliges T-Shirt, darüber eine Bluse, ein Pulli und eine Jacke und dann noch einen dicken Schal um den Hals.

Wollte Karen mit ihrer Anorexie die Aufmerksamkeit der Mutter erzwingen, die Richard als musikalisches Genie vergötterte, während sie gegenüber der Tochter gefühlskalt blieb? Oder ging es der Sängerin darum, endlich Kontrolle über ihr Leben zu erlangen? Die Plattenfirma bestimmte jedes Wort von ihr und der Bruder jeden Ton. Auf sein Geheiss hin sang Karen sogar eine Oktave tiefer, damit ihre Stimme noch gefühlvoller klang. Wenigstens konnte die Sängerin nun ganz allein bestimmen, wie viele Kalorien sie zu sich nahm.

Und die wurden immer weniger. Im Herbst 1975 wog Karen gerade mal 39 Kilo, die Fans fürchteten schon, sie habe Krebs. Tourneen in Europa und Japan wurden abgesagt. Währenddessen hatte auch ihr Bruder Probleme, denn er war von der Schlaftablette Quaalude abhängig geworden. Nicht zuletzt, weil Richard eine Nebenwirkung des Medikaments schätzte – es machte high.

Das musikalische Genie hinter den ausgefeilten Arrangements der Carpenters warf mit der Zeit so viele Pillen ein, dass Richard nur noch undeutlich sprach. Auch zitterten seine Hände so stark, dass er viele Songs live nicht mehr spielen konnte. Im Januar 1979 dann der Zusammenbruch: Halb benommen, stürzte Richard hinter der Bühne eine Treppe hinunter.

Während er sich in einer Klinik seiner Sucht stellte, besuchte ihn Karen, um ihrem Bruder einen lang gehegten Wunsch zu gestehen: ein Soloalbum. Mit 29 hatte sie einen Punkt in ihrer Karriere erreicht, wo sie nicht mehr als Mitglied der Carpenters bekannt sein wollte, deren Schmuse-Sound von Kritikern als „Postkoitale Depression“ verspottet wurde, sondern als Karen Carpenter.

Fast ein Jahr lang nahm die Sängerin Song um Song auf, investierte 400’000 Dollar von ihrem eigenen Geld, damit das Album genau so klang, wie sie es sich vorstellte. Doch die Platte blieb unveröffentlicht. Karens Mutter fürchtete, dass eine erfolgreiche Solokarriere ihrer Tochter das Ende der Carpenters bedeuten würde – und damit das Ende der musikalischen Karriere ihres Sohns.

Karen fügte sich. Und unternahm den nächsten Versuch, sich vom Joch der tyrannischen Mutter zu befreien: Die Sängerin akzeptierte den Heiratsantrag eines Immobilienentwicklers, den sie eben erst kennengelernt hatte, und feierte mit 500 Gästen die Celebrity-Hochzeit des Jahres 1980. Doch Karen war auf einen Heiratsschwindler hereingefallen. Ihr Mann hatte all die Jahre auf Pump gelebt. Sogar der Rolls-Royce, den er ihr zur Verlobung geschenkt hatte, war nur geleast. Und noch viel schlimmer: Der vermeintliche Millionär eröffnete Karen, dass er auf keinen Fall mit ihr Kinder haben wollte. Wie auch? Sie sei ja nur „ein Sack voll Knochen“.

Was leider stimmte. Im Januar 1982 wog die Sängerin nur noch 35 Kilo und hörte trotzdem nicht auf, Unmengen von Abführmitteln zu schlucken, achtzig bis neunzig Tabletten im Tag. Darüber hinaus nahm sie Schilddrüsenhormone ein, um ihren Stoffwechsel zu beschleunigen und so noch mehr abzunehmen.

Nach einer gescheiterten Suchttherapie wurde Karen im September 1982 in ein Spital in Manhattan eingeliefert, wo sie mehrere Wochen lang künstlich ernährt wurde. Danach wog die Sängerin zwar wieder 49 Kilo. Um ihr Gewicht zu halten, begann sie aber, Brechwurz-Sirup zu schlucken – bald schon bis zu zwei Flaschen im Tag. Was Karen nicht wusste: Der mittlerweile verbotene Sirup schwächte ihren Herzmuskel.

Am Morgen des 4. Februar 1983 fand Agnes Carpenter ihre Tochter regungslos auf dem Boden liegend. Als die Sanitäter eintrafen, schlug das Herz der Sängerin nur noch alle zehn Sekunden. Kurz darauf war die Frau, mit der die Krankheit Magersucht ein Gesicht bekam, tot – mit gerade mal 32 Jahren.

Die Musik der Carpenters war zu diesem Zeitpunkt längst so zuckrig und klebrig wie ein mit Nutella gefüllter Donut geworden. Aber die Magie ihrer frühen Alben berührt noch immer. Richard Carpenter erweist sich darauf als einer der grossen Arrangeure und Produzenten der Popgeschichte. Und seine Schwester – obwohl damals noch ein halbes Mädchen – singt so gefühlvoll, dass ihre Fans bis heute überzeugt sind: Karen Carpenter hatte eine alte, weise Seele.

Der Autor hat auf Spotify eine Playlist mit seinen Lieblingssongs der Carpenters erstellt.

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