111 Jahre untot

von Dominik Imseng

Vor 111 Jahren erschien der meistverkaufte Roman der Welt: „DRACULA“. Ein guter Grund für eine Nacht in den Karpaten.

NZZ am Sonntag, 1. Juni 2008 · Dominik Imseng auf Twitter

Mitternacht ist genau eine Minute vorbei, als ich merke, dass es keine gute Idee war, in Draculas Burg zu übernachten.

Aber alles schön der Reihe nach.

Vor 111 Jahren erschien der meistverkaufte Roman der Welt: „Dracula“ des irischen Autors Bram Stoker.

Das Buch ist kein reines Phantasieprodukt: Dracula gab es tatsächlich. Er war der Sohn eines rumänischen Heerführers aus dem 15. Jahrhundert, den König Sigismund zum Ritter des von ihm gegründeten Drachenordens schlug und der darum den Übernamen Dracul trug – Drache.

Dracula (wörtlich: Sohn des Drachen) erwarb sich freilich seinen eigenen Ruf: Man nannte ihn Vlad Tepes – Vlad den Pfähler.

Die Bezeichnung rührte daher, dass er seinen Feinden Pfähle in den Anus trieb, die er danach aufrichten und in den Boden rammen liess. Stunden, oft sogar erst Tage später durchstiessen sie die Schultern, Brüste oder Bäuche seiner Opfer. Ja, Dracula soll einmal einen ganzen Wald von Pfählen gepflanzt haben. „20’000 Leiber steckten darauf“, berichtet ein Chronist: „Darunter Säuglinge, in deren Unterleib die Vögel nisteten. Der Anblick entsetzte selbst die wilden Türken.“

Kein Wunder liess sich Bram Stoker von diesem blutrünstigen Tyrannen zu seinem Romanhelden inspirieren. Mit dem Effekt, dass sich im devisenarmen Rumänien – und da vor allem in der Region Transsilvanien – ein regelrechter Dracula-Tourismus entwickelte.

Dabei wird vor allem Schloss Bran in der Nähe der Stadt Brasov als Residenz des düsteren Vampir-Grafen ausgegeben. Was noch halbwegs angeht: Immerhin stammt der eindrückliche Bau aus dem 14. Jahrhundert und der historische Dracula mag dort wohl auch tatsächlich einmal übernachtet haben.

Ein kompletter Touristen-Nepp aber ist das in den achtziger Jahren erbaute Castle Dracula auf dem Borgo-Pass, mit Halloween-Partys, Maskenbällen und Miss-Transylvania-Contests (die amtierende Miss soll eine Amerikanerin sein, die im Kosovo als UN-Polizistin Dienst tut). Auch hegt man offenbar Pläne für ein gigantisches Dracula-Land im Disney-Stil, mit dem Bram Stokers Schreckens- wohl vollends zur Witzfigur würde.

Transsilvanien macht Dracula also nicht immer Ehre. Doch das können seine echten Fans verschmerzen, denn die wissen: Die einzig wahre Dracula-Residenz befindet sich weiter südlich in Rumänien, in der Walachei. Und sie ist auch kein Schloss, sondern eine Burg: Burg Poenari in der Nähe des Dorfes Arefu.

Sie wurde 1459 auf den Ruinen einer noch älteren Befestigung in Fronarbeit von Landadligen erbaut, die Dracula so dafür bestrafte, dass sie einen seiner Brüder lebendig begraben hatten.

Die aufständischen Grossgrundbesitzer mussten für die üble Plackerei noch dankbar sein: Diejenigen, die dafür zu schwach waren, hatte der Despot wie üblich pfählen lassen.

Dann also ab nach Arefu in den Südkarpaten: Zuerst mit dem Zug von Bukarest in die Provinzstadt Curtea de Arges, vorbei an wilden Mülldeponien, alten Bäuerinnen, die eine einsam grasende Kuh an der Leine halten, und Stationsvorstehern, die mit der Kelle in der Hand stolz vor ihrem Bahnhofshäuschen stehen und aussehen, als wären sie Teil einer Märklin-Bahn.

Und dann von Curtea de Arges aus mit dem Taxi immer schön Richtung Norden.

„Zur Burg von Vlad Tepes also wollen Sie“, sagt der Fahrer, der um den Hals einen Rosenkranz trägt: „Was für ein grossartiger Mann! Er verteidigte die Christenheit gegen die Türken, machte der Korruption ein Ende und sorgte für Recht und Ordnung. Stellen Sie sich vor: Vlad Tepes machte unser Land so sicher, dass er in jedem Dorf einen goldenen Becher aufstellen konnte, den niemand zu stehlen wagte. Heute sind Korruption und Diebstahl in Rumänien so schlimm wie nie zuvor. Sie können mir glauben, mein Herr: Wir brauchen dringend einen neuen Vlad Tepes!“

Dann fragt der Fahrer, während wir einen Eselkarren überholen: „Glauben Sie an Vampire?“

„Natürlich nicht“, sage ich.

„Aber im 18. Jahrhundert starben hier immer wieder unzählige Menschen. Und als angereiste Mediziner sie exhumierten, waren ihre Lungen voller Blut. Nosferati! Untote!“

„Unsinn. Das waren, wie man heute weiss, Milzbrand-Infektionen, die zu einer blutigen Lungenentzündung führten. Davon abgesehen: Müsste das getrunkene Blut nicht auch bei Vampiren eher im Magen als in der Lunge sein?“

„Einige der Leichen stöhnten, als man sie aus den Särgen hob!“

„Das Geräusch, das einem Verstorbenen entweichen kann, wenn man ihn aufrichtet, kennt jeder Leichenbeschauer. Es entsteht dadurch, dass aus den zusammengedrückten Lungen Luft gepresst wird.“

„Die Leichen hatten blutverschmierte Münder!“

„Ich sagte doch, dass die an Milzbrand Verstorbenen Blut in den Lungen hatten. Die bei der Verwesung entstehenden Gase trieben es hoch und liessen es aus den Mundwinkeln rinnen.“

„Wie Sie meinen, mein Herr“, sagt der Fahrer und macht das Radio an.

Und da, nach einer letzten Kurve, taucht sie auf, hoch oben auf einem Ausläufer der Karpaten thronend und von schroff abfallenden Berghängen umgeben: Cetatea Poenari, die Burg des schwarzen Prinzen.

Der Fahrer hält.

„Wunderbar“, sage ich, während ich ihm ein Trinkgeld gebe: „Dann holen Sie mich bitte morgen früh um neun hier wieder ab.“

Der Mann erstarrt: „Sie wollen dort oben übernachten?“

„Aber ja“, sage ich.

Der Fahrer blickt auf die Zeltstangen, die aus meiner Reisetasche ragen. Dann schluckt er und fragt: „Wissen Sie, wohin Sie gehen, mein Herr? Und wissen Sie auch, zu wem?“

Als ich nur lache, blickt der Mann mich eindringlich an. Dann bekreuzigt er sich und legt mir seinen Rosenkranz um: „Um Ihrer Mutter willen.“

Er wiederholt: „Um Ihrer Mutter willen.“

Als ich oben bin, stelle ich auf dem einzigen Flecken Gras, den ich in der Ruine finde, mein Zelt auf. Die Stelle ist leicht abschüssig und die Heringe lassen sich fast nicht in den Boden rammen, so dünn ist die Erdschicht. Dann krieche ich ins Zelt, entrolle eine sich selbst aufblasende Matte und breite meinen Schlafsack darauf aus. Ich mache es mir auf ihm bequem, öffne eine Flasche rumänisches Ursus-Bier und blicke durch den offenen Zelteingang auf die Südkarpaten, hinter denen Transsilvanien liegt. Als es langsam dunkel wird, gönne ich mir eine zweite Flasche Ursus-Bier und schaue auf meinem iPod „Bram Stoker’s Dracula“ von Francis Ford Coppola – wenn schon, denn schon, denke ich.

Bei der Szene, wo sich Elisabeta, Draculas Frau, in eine Schlucht stürzt, weil die Türken einen Pfeil mit der falschen Nachricht, ihr Mann sei tot, in die Burg geschossen haben, fängt es an zu regnen. Bei der Szene, wo Dracula nach seiner Ankunft in England als Werwolf über Lucy Westenra herfällt, kommt ein rauer Wind auf. Und bei der Szene, wo Professor van Helsing Draculas drei Bräuten den Kopf abschlägt, durchzuckt ein gleissender Blitz die Nacht.

Und dann, wie aus dem Nichts heraus, bricht ein gewaltiger Sturm los. Klatschend und krachend schlagen die Äste der Bäume unterhalb der Burgruine zusammen und die dünne Hülle meines Zelts flattert bedrohlich. Auch ist der Regen mittlerweile so stark, dass sich mehrere Heringe lösen und das Zelt den Hügel hinunterzurutschen droht. Also packe ich Matte und Schlafsack, krieche aus dem Zelt und lege mich im Durchgang zwischen zwei Mauern auf die nackten Steine, den Schlafsack über den Kopf gezogen, während der Regen auf mich einstürzt und ich um genau eine Minute nach Mitternacht den Tag verfluche, als ich vor 25 Jahren in einem Buchantiquariat Bram Stokers „Dracula“ entdeckte. „Was für eine idiotische Idee, in dieser verdammten Burg zu übernachten“, denke ich immer wieder, „was für eine idiotische Idee“, bis ich irgendwann in einen fieberhaften Schlaf falle, in dem sich Elisabeta ohne Unterlass von den Zinnen der Burg in den Abgrund stürzt.

Stumm und regungslos.

Immer wieder.

Stumm und regungslos.

Als ich mich am Morgen rasiere, entdecke ich zwei Mückenstiche am Hals.

„Es gibt keine Mücken im Mai“, sagt der Taxifahrer und besteht darauf, dass ich seinen Rosenkranz behalte.

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